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und auf meinen Knieen will ich's Ihnen danken!

Der Vorgang wie der Zustand der Gräfin wurden Renatus immer rätselhafter, und gemartert, wie er sie gemartert sah, rief er: Sprechen Sie, oh, sprechen Sie, damit ich nur erfahre, was geschehen ist!

Eleonore hatte ihre hände frei gemacht und strich mit hastiger Bewegung ihr Haar zurück, das aufgegangen und ihr weit um Stirn und Leib herabgefallen war.

Sie kennen, hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu sprechen an, Sie kennen die Absicht meiner Tante, mich mit ihrem Sohne, dem Prinzen Polydor, zu verbinden! Sie wissen, dass ich die Herzogin und ihren herrschsüchtig-heuchlerischen Charakter verabscheue, dass ich um keinen Preis die Bande noch zu verstärken wünschen kann, die mich ihr verbinden, und Sie wissen auch, dass es mich nicht gelüstet, die Gattin des Prinzen, eines Mannes zu werden, der mein Vater sein könnte und dessen Ruf als Muster eines Edelmannes sich zum teil auf eine Reihe von Abenteuern gründet, die ihn mir verächtlich machen!

Sie hielt inne, ihre Aufregung versetzte ihr den Atem. Ich habe die persönlichen Bewerbungen des Prinzen, die Vorstellungen meiner Tante nie beachtet, und ich war berechtigt, dies zu tun, denn ich bin volljährig und Herr meiner person und meines Besitzes! Aber was man auf geradem Wege von mir nicht zu erringen vermochte, das hoffte man mit List mir abzugewinnen! – Und wieder hielt die Gräfin inne. Dann sagte sie: Heute, auf dem Balle, trat der König an mich heran. Man hatte ihn, ich wusste es, dazu zu überreden vermocht, dem Prinzen meine Hand zuzusagen, als ob derselbe ein Anrecht an mich besässe, oder als ob ich eine der Untertaninnen, eine Sklavin dieses Königs wäre, die ihm blindlings zu gehorchen hat! Mit einem sehr gnädigen Scherze legte der König meine Hand in die des Prinzen, gab er dem Prinzen Urlaub, sich mit mir auf seine Güter zurückzuziehen, und ...

Und? fragte Renatus, und was dann?

Ich war ausser mir! nahm Eleonore mit wiederkehrender Heftigkeit das Wort. Aller Augen waren auf mich gerichtet! Ich sah das mir verhasste Lächeln auf des Prinzen Lippen, ich sah die Zufriedenheit in den Augen der Herzogin! Ich sollte ihre Zufriedenheit mit dem Unglücke meines ganzen Lebens erkaufendas ging über meine Kräfte! Ich zog meine Hand zurück, ich sagte: ich bin nicht frei! – Ich weiss nicht, warum die Empörung mich keinen andern Ausweg finden liess, wie das Erschrecken mich vergessen machen konnte, dass Niemand ein Recht hat, über mich zu bestimmen, als ich selbst! Und als der König dann zu wissen forderte, was mich binde, dadanannte ich Sie!

Sie brach plötzlich ab und schöpfte Atem, als sei es ihr leichter, nun sie das Wort gesprochen hatte.

Renatus trat von ihr zurück. Mich, fragte er, Sie nannten mich?

Seine Betroffenheit konnte ihr nicht entgehen, ihr alter Stolz entzündete sich an derselben. Mich dünkt, sagte sie, es ist keine Unehre für Sie, wenn ich vor dem Könige und dem ganzen versammelten hof Sie, Herr von Arten, als den Mann bezeichnete, dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den ich mir erwählte! –

Völlig vergessend, wie sie es als ein nicht zu verzeihendes Unrecht anerkannt hatte, dass man ohne ihre Zustimmung über sie hatte entscheiden wollen, hatte sie in Bezug auf den Freiherrn das Nämliche getan, und ihre Worte machten das Uebel ärger. Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung. Es war ihm, als würde er auf einem Rade wild umher getrieben, dass er nicht wusste, was er erlebte, was er dachte. Das schönste Weib, welches seine Augen je gesehen, eine Frau, um deren Gunst die ausgezeichnetsten Männer sich bis jetzt vergebens beworben hatten, trug sich ihm an. Er brauchte nur Ein Wort zu sprechen, und er nannte Eleonoren mit ihrem ganzen fürstlichen Besitze sein. Indess sein Mannesgefühl lehnte sich gegen ihre Gewaltsamkeit auf. Er konnte es ihr nicht vergeben, dass sie ihn vor dem Könige und vor dem hof in eine Angelegenheit verwickelt hatte, in der er sie blosszustellen, oder sich einer übelwilligen Beurteilung Preis zu geben gezwungen war, und wie unheilvoll ihre Lage, wie beklagenswert sie ihn auch dünkte, konnte er doch nichts tun, sie aus dem Wirrsale zu befreien, in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestürzt hatte. So verging eine ganze Zeit. Immer noch stand er sprachlos vor ihr, aber jede Secunde längeren Schweigens änderte sein Empfinden und seine Gedanken. Was ihn zuerst als eine Gewalttätigkeit bedünkt, gegen die er sich zu wahren hatte, erschien ihm bald darauf als ein Zeichen des Vertrauens, auf das er stolz sein müsse und dem von seiner Seite bisher nicht entsprochen zu haben er sich bitter vorwarf. Wie hatte die Gräfin ahnen können, dass er gebunden war? Wie anders würde diese Stunde für ihn geschlagen haben, wäre er frei gewesen, hätte er Eleonoren zu Füssen sinken und ihr danken dürfen, dass sie ihm vertraute! Eben erst hatte er ihr zürnen zu müssen geglaubt, nun sagte er sich, dass sie Grund habe, ihm zu zürnen, und wie er in ihr schönes, bleiches Antlitz sah, dessen mächtige Augen mit angstvoller Frage an ihm hingen, da hielt er sich nicht länger, und von einem Schmerze überwältigt, den er sich nicht