irgend etwas Ungewöhnliches zu sagen.
An Hildegard denkend und dabei immer wieder auf Eleonore zurückgeführt, tadelte er sich endlich, dass er sich nicht offener und freier gegen dieselbe gestellt habe. Alles, was der Abbé von ihr behauptet, das gab Renatus auch jetzt noch zu, hatte mehr oder weniger seine Richtigkeit; aber darin schien der Abbé ihm Unrecht zu tun, dass er der Gräfin ihre eigentliche Wesenheit zum Vorwurfe machte, dass er nicht anerkannte, wie eine solche natur sich auf ihre Weise mit der Welt und mit dem Leben abzufinden habe. Es ist sein Stand, es ist seine Ehelosigkeit, sagte sich Renatus, die unseren Abbé so streng machen, und es gefiel ihm, dass er sich eines nachsichtigeren Urteils über die Gräfin bewusst war. Wenn eine Frau wie diese mehr für die Freundschaft als für die Liebe geschaffen schien, so hatte man, nach des jungen Freiherrn Ansicht, diese Eigenschaften, die sie besass, zu schätzen, hatte man anzunehmen, was sie zu bieten gewillt war, ihr zu leisten, was sie begehrte, und der Abbé am wenigsten durfte sich über Eleonore, wie sie nun einmal war, beschweren.
Renatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewaltigen Eindruckes bewusst gewesen, den Eleonore auf ihn gemacht hatte. Er gestand es sich jetzt offen ein, dass es hauptsächlich sie gewesen sei, die ihn an Paris gefesselt und ihm den Gedanken an seine Heimat und an seine Braut beängstigend gemacht habe. Nun er aber zur Besinnung und zu sich und den eigentlichen Bedingungen seines Daseins zurückgekehrt war, meinte er es eben einer Eleonore auch schuldig zu sein, ihr frei und unumwunden seine Freundschaft anzutragen. Er wollte ihr Vertrauen gewinnen, indem er ihr das seinige voll und ganz gewährte. Sie sollte wissen, wie nahe er daran gewesen war, um ihretwillen sich und seinen Pflichten, ja, seiner Ehre untreu zu werden; und da seit gestern auf dem Boden seiner neu gefassten guten Vorsätze das Bild seiner Braut wieder lebendig in ihm emporstieg, so dass es sich ihm in dem Schimmer der sehnsucht und der Erinnerung immer mehr verklärte, so tauchte gleichzeitig auch das Verlangen in ihm empor, die beiden Jungfrauen, welche ihm als die Ideale ihres Geschlechtes, als die beiden weiblichen Wesen erschienen waren, denen er sich in Liebe und Freundschaft hinzugeben wünschte, einander nahe zu bringen und wo möglich durch seine Vermittlung zu verbinden.
Dreizehntes Capitel
Voll von den angenehmsten Vorstellungen, überzeugt, dass Eleonore und Hildegard, wenn sie Freundinnen werden könnten, die segensreichste wirkung auf einander üben müssten, und entschlossen, gleich heute, wenn Eleonore von dem Balle heimgekehrt sein würde, eine Unterredung mit ihr zu suchen, langte Renatus in dem Palaste der Herzogin an, und das Erste, womit der Türsteher ihn empfing, war die Botschaft, dass die Gräfin ihn zu sprechen wünsche. Das überraschte ihn, denn er hatte die Damen noch auf dem Feste vermutet. Man sagte ihm, dass die Herzogin sich nicht wohl gefühlt und deshalb den Ball verlassen habe, und von dieser Kunde wie von dem Wunsche der Gräfin angetrieben, eilte er die Treppe hinauf und liess sich bei derselben melden.
Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer. Sie hatte ein loses, weites Morgengewand angelegt, ihr Haar, von dem man die Krone und die Blumen abgenommen hatte, war noch nicht völlig wieder geordnet. Sie sah in hohem Grade erregt aus, und Renatus, der dies mit dem Erkranken der Herzogin in Verbindung brachte, fragte in lebhafter Teilnahme: Wie geht es der Herzogin, wie befindet sie sich?
Gut, gut! entgegnete Eleonore in einer Weise, die den Freiherrn erschreckte, denn es lag etwas völlig Verstörtes in der Hast und in dem Tone, in denen sie zu ihm sprach, – gut, aber davon ist nicht die Rede! – und vor Renatus hintretend, indem sie beide hände fest gegen ihre Brust presste, sagte sie, während ihre Wangen glühten und ihre Augen funkelten: Herr von Arten, ich befinde mich in einer Lage, in der sich wohl nicht leicht eine Frau wie ich vor mir befunden hat! Meine Ehre, meine ganze Zukunft stehen auf dem Spiele – ich bin verloren, wenn Sie mich nicht erretten!
Renatus traute seinen Sinnen nicht. Die Angst der Gräfin erfasste auch ihn. Er glaubte sie von Wahnsinn ergriffen, wie er sie also vor sich sah, und das Entsetzen darüber drohte auch ihn zu verwirren. Reden Sie, reden Sie! Was ist geschehen, Gräfin? rief er beklommen aus – was kann, was soll ich tun?
Sie müssen mich heiraten! stiess Eleonore hervor, und sie erbleichte, als sie das Erschrecken des Freiherrn sah.
Die überzeugung, dass er eine Geisteskranke vor sich habe, stand in dem Augenblicke in Renatus fest. Er wusste nicht, was er sagen, was er denken sollte, und unwillkürlich darauf bedacht, sich der Unseligen zu bemächtigen, ergriff er ihre hände und sprach so ruhig, als er es vermochte: Setzen Sie Sich, teure Gräfin, Sie sind sehr erschüttert – setzen Sie Sich nur, dann..
Eleonore lachte hell auf. Sie halten mich für wahnsinnig, und in der Tat, es ist danach angetan, mich wahnsinnig zu machen – aber noch habe ich meinen Verstand, noch bin ich ich selbst, noch habe ich den festen Glauben, dass Ihre Freundschaft mein Erretter sein wird, dass Sie mich nicht zur Lügnerin werden lassen