1864_Lewald_163_39.txt

gerungen hat, so vermag ich die Selige nicht zu erschauen, und nur in einer Ahnung, in gewissen unbeschreiblichen Gefühlen kann ich dann empfinden, dass sie auch ungesehen in Liebe neben mir verweilt.

Man pries Frau von Uttbrecht glücklich, solch feiner Empfänglichkeit fähig zu sein. Jeder gab danach seine geheimnissvollen Beobachtungen zum Besten, nur der Baron schwieg, bis man ihn ausdrücklich aufforderte, sich über seine Ansicht von diesen Materien auszusprechen.

Er wich Anfangs einer bestimmten Antwort aus. Ich finde es auffallend, sagte er, dass Sie fast Alle diese besonderen Wahrnehmungen den allgemeinen Wahrnehmungen als etwas davon ganz Verschiedenes oder gar als etwas Uebernatürliches entgegensetzen.

Und sind sie das nicht? Sind sie nicht etwas von unserem gewöhnlichen Leben völlig Getrenntes, etwas durchaus Uebernatürliches? fragte eine der Damen.

Gewiss nicht! erwiderte der Baron. Der Kurzsichtige könnte die Beobachtungen des Fernsichtigen mit dem gleichen Rechte als übernatürliche Wahrnehmungen bezeichnen. Wenn das Wort Uebernatürlich nur bekunden soll, dass ein bestimmtes Etwas über das Mass der Fähigkeit einer bestimmten Menschennatur hinausgeht, so gibt es unzählige übernatürliche Dinge für den Einzelnen. Wollen Sie mit jenem Worte aber andeuten, dass es wahrnehmbare Erscheinungen gibt, welche der Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind, so müssen wir uns vor Allem dahin verständigen, dass es keine allgemeine, keine abstracte Menschennatur gibt, wohl aber Menschen von den verschiedensten Begabungen, denen also auch ein sehr verschiedener Grad der Wahrnehmungen zuzuerkennen sein wird.

Das Gespräch bewegte sich in dieser teoretischen Weise eine Weile fort. Alle Anwesenden beteiligten sich daran, und da man sich zwischen lauter Lehrsätzen und Problemen hielt, ohne einander feste Anhaltspunkte zu bieten, so blieb es jedem überlassen, sich die Lehren auf seine Weise auszudeuten.

Angelika allein hatte nichts zu sagen, nichts mitzuteilen. Der Baron bemerkte das, und weil ein Schweigender in der Mitte einer Gesellschaft von Erzählenden sich in doppeltem Sinne im Nachteile befindet, so lenkte er aus dem Bereiche der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald das Gespräch auf die völlige Umwandelung gebracht, die er genötigt gewesen sei, in dem von seiner Tante ererbten haus vorzunehmen. Er wollte seiner Frau damit die gelegenheit geben, sich geltend zu machen und aus der Vereinsamung hervorzugehen. Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden Atmosphäre befand, fühlte sie sich verwirrt und befangen, und wusste sich nicht gleich zurecht zu setzen. Frau von Uttbrecht gewann dadurch Zeit, die Bemerkung zu machen, sie wundere sich, dass der Baron und seine Frau, die beide doch fein organisirte Menschen wären, es über sich gewonnen hätten, die Heimat einer Gestorbenen so schnell und so gewaltsam zu verändern, und sie damit für die Gestorbene zur Fremde zu machen.

Angelika wurde stutzig. Sie wusste, wie grossen Wert ihr Gatte auf das Urteil ihrer Wirtin legte, und wünschte also nicht, ihr offen zu widersprechen; sie wollte dieselbe auch nicht gern an ihrer feinen Organisation und Empfindung irre werden lassen, und bemerkte also nur freundlich, es sei doch sehr natürlich, dass man es sich bei aller Liebe und Ehrfurcht für seine Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu machen suche, in denen man zu leben habe.

O, natürlich ist's gewiss, versetzte Frau von Uttbrecht darauf, indem sie sich langsam fächelte und mit ihren halbgeschlossenen Augen träumerisch umhersah, natürlich ist's gewiss, in so fern als die natur grausam und unbarmherzig ist. Der Mensch aber, der denkende und empfindende Mensch, der es weiss, dass er selbst sterblich ist, sollte nicht so grausam sein wie die natur, sollte nicht so unbarmherzig gegen seine toten sein wie jene. Ich könnte nicht in diesen Räumen leben, wüsste ich, dass meine verklärte Mutter sich hier in ihrem haus nicht mehr heimisch fühlte.

Der Baron nahm diese Aeusserung nicht gut auf. Unbarmherzigkeit und Egoismus, das sind zwei schlimme Fehler, sagte er, und wir, die wir uns derselben nach Ihrer Meinung jetzt schuldig gemacht haben, müssten versuchen, uns gegen Ihre Anschuldigung zu verteidigen, wenn ich mich nicht überzeugt hielte, Cousine, dass es mit Ihrem Ausspruche so ernstlich nicht gemeint war.

Sie irren sich, bester Vetter, es war mein völliger, auf innerste überzeugung gegründeter Ernst! entgegnete Frau von Uttbrecht, und ich bin gewiss, dass einst eine Stunde kommen wird, in der Sie mir beipflichten und Ihre Härte selbst bereuen werden.

Aber von welcher Härte sprechen Sie, liebe Cousine? fragte Angelika, mehr und mehr betroffen von dem Ernste, mit welchem Frau von Uttbrecht ihre Behauptung aufrecht erhielt.

Von der Härte, welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen die arme Tante Ester begangen haben, indem Sie dieselbe so gewaltsam der irdischen Fortdauer beraubten, die sie sich in einem richtigen Drange ihrer armen Seele, dort, wo sie gelebt hat, zu sichern gewünscht. Jung und lebensfrisch, wie Sie es sind, beste Angelika, hätten Sie der armen, alten Verwandten wohl die Zeit vergönnen mögen, sich allmählich von dem Orte loszulösen, mit welchem lange Gewohnheit und innige Vorliebe sie verbunden hatten. Wäre mir das Haus der Tante zugefallen, nicht einen Stuhl hätte ich verrücken lassen. Ich hätte mich beschieden, ihr Gast zu sein, bis irgend ein Zeichen es mir kund gegeben hätte, dass ihr Geist sich von dem haus abgewendet habe und dass mir damit ein freies Schalten in demselben wohl verstattet sei.

Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel aus. Angelika, viel jünger als ihre