geglaubt, dass er gegen seine Verlobte nicht gerecht gewesen sei, dass er ihr lange in seinem Herzen Unrecht getan habe, und wie der Abbé ihm mit so viel Wärme von dem Glücke gesprochen hatte, das einem mann aus der vollen, hingebenden Liebe einer demütigen, in engem Kreise sich beschränkenden Frau erwachse, hatte Renatus sich mit einer Beschämung, die jedoch ihr Süsses hatte, eingestanden, dass ihn dieses Glück erwarte und dass es nur an ihm liege, es sich, sobald als er wolle, anzueignen.
Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an seine Verlobte, nicht mehr mit sehnsucht an die Heimat gedacht. Als er aber am verwichenen Abende in seine wohnung zurückgekehrt war, hatte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen, in dem er sie bewahrte. Die schöne, rötlich blonde Lokke, welche sie sich in der Scheidestunde abgeschnitten, fiel ihm dabei in die Hand. Er hatte sie während der ganzen Feldzüge auf der Brust getragen; erst in Paris hatte er sie von sich abgelegt.
Nun hielt er sie gegen das Licht, sie glänzte hell wie Gold. Er liess sie durch die Finger gleiten, strich sanft mit der Hand darüber hin; das Haar war seidenweich, und zärtlich, als habe er die Geliebte selber neben sich, drückte er die Locke an die Lippen.
Er war gerührt und fühlte sich schuldig. Einen nach dem andern las er die Briefe durch, welche er im Laufe der letzten Jahre von Hildegard erhalten hatte; aber je mehr er sich in sie vertiefte, je weniger war er mit sich zufrieden. Er konnte es nicht begreifen, wie er diese lieben Briefe so gänzlich missverstehen können, wie er diesen armen, guten Briefen so schweres Unrecht habe tun mögen. Die Liebe hatte seine Braut seherisch gemacht, und er war blind gewesen, verblendet über sie und über sich.
Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen Sorgen? Hatte sie nicht Recht gehabt mit ihrer Ahnung, dass eine Andere ihr die Liebe ihres Bräutigams entziehe, dass er sich nicht mehr nach ihr sehne, dass er sie zu vergessen nahe sei? – Und was konnte sie dafür, dass die Zustände in Richten nicht erfreulich waren, dass sie ihm von den Schwierigkeiten sprechen musste, von denen sie sich umgeben sah? – arme, arme Hildegard! rief er aus, und er kam sich treulos und pflichtvergessen gegenüber ihrem treuen Herzen vor.
Er nannte es ein wahres Glück, dass er eben heute dem Abbé das Geleit gegeben, dass ihre Unterhaltung eben diese Wendung genommen hatte. Es wäre ihm unmöglich gewesen, die Ruhe zu suchen, ohne an Hildegard geschrieben zu haben, und einmal auf den Weg der Bekenntnisse geraten, fand er eine Lust darin, sein Gewissen zu befreien, indem er seiner Verlobten die Gefahr, in der er sich befunden hatte, wie die Versuchung, der er ausgesetzt gewesen sei, mit den warmen Farben darstellte, welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und zauberische Reize in seiner Phantasie hervorrief.
Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Rinaldo in Armidens Zaubergärten; er schilderte Hildegarden die Gräfin in aller ihrer Schönheit, um der Entfernten klar zu machen, dass er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden, und um ihr zu beweisen, dass nur eine so starke und treue Liebe wie die seinige einer solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe. Und wie er am Abende mit innerer Beschämung seinen Brief begonnen hatte, war er sehr wohl mit sich zufrieden, als er ihn am andern Morgen durchlas und beendigte.
Die Jahre, welche er fern von der Heimat und von seiner Braut verlebt hatte, dünkten ihn unbegreiflich lange. Er warf es sich vor, dass er nicht eher an seine Heimkehr gedacht, dass er die immer wiederholten Mahnungen seiner Braut, die auf das genaueste mit den Vorstellungen Paul's zusammentrafen, bisher unbeachtet gelassen habe. Er versprach am Schlusse seines Briefes, dass er noch selbigen Tages die nötigen Schritte tun wolle, um sich einen längeren Urlaub zu erwirken, verhiess seiner Braut, dass ihre Verbindung nun nicht weiter hinausgeschoben werden sollte und dass sie dann gemeinsam überlegen würden, ob sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurückkehren oder ob er darauf antragen solle, in eines der in der Heimat stehenden Regimenter versetzt zu werden. Es fiel ihm dabei gar nicht auf, dass er der Möglichkeit, in Richten auf seinen Besitzungen zu leben, nicht gedachte, obschon alle seine und seiner Verlobten Plane früher eben darauf berechnet gewesen waren.
Da er um Mittag zur Parade gehen musste, nahm er den Brief an Hildegard mit sich, um nachzufragen, ob er nicht auf der Gesandtschaft eine gelegenheit fände, ihn schneller als durch die damals noch sehr langsam gehenden Posten zu befördern, und als ihm dies gelungen war, sprach er noch in dem Collegium vor, weil er den Abbé zu sehen und ihm zu sagen wünschte, wie wohltätig und befreiend seine gestrigen Erklärungen auf ihn gewirkt hätten. Aber als er sich nach demselben erkundigte, erhielt er den Bescheid, dass der Herr Abbé vor zwei Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium abgereist sei. Auf die Frage, wohin er gegangen wäre, ob man die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen könne, wusste der Diensttuende keinen Bescheid zu geben, und Renatus liess also nur seine Karte mit einem Grusse und ein paar Dankesworten für den Abbé zurück, welche diesem verständlich sein konnten, ohne einem Dritten