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sich eine grosse Anzahl in den Reihen der Gäste vorfand. Alt und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet, und mit huldvollster Miene trat er an die Herzogin heran, an deren Seite ihre Nichte stand.

Wissen Sie, meine schöne Gräfin, sprach er, dass ich Ihnen zürne, ernstlich zürne?

Eleonore verneigte sich tief, und ahnend, was ihr jetzt bevorstand, nahm sie sich fest zusammen und sagte lächelnd, während alles Blut aus ihren Wangen schwand, dass sie sich nicht bewusst sei, durch irgend etwas den Zorn der Majestät verschuldet zu haben.

Dass Sie es nicht wissen, ist ein Verbrechen mehr, scherzte der König, denn es leiht Ihrer Schönheit, die Ihr Verbrechen ist, nur einen höheren Reiz. Sie verderben uns den Charakter, Sie lehren uns den Neid, und es ist Zeit, dass man Sie aus unserer Nähe, dass man Sie für eine Weile von dem hof entfernt!

Die Umstehenden zeigten sich entzückt von so viel Gnade, von so viel anmutvollem Scherze. Der König, für solche Anerkennung immer sehr empfänglich, wendete sich, so leicht als seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete, zu seinem ersten Kammerherrn, dem Prinzen Polydor.

Mein Prinz, sprach er, Sie wünschten ja schon lange, Sich für einige Wochen auf Ihre Güter zurückzuziehen. Der König ergriff Eleonorens Hand. Zur Rettung unserer armen Seele nehmen Sie die Gräfin Haughton mit Sich. Unsere besten Wünsche und der Segen der Frau Herzogin begleiten Sie. Im Frühjahre sprechen wir dann selber bei der schönen Fürstin vor!

Gnädiger, geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie gefunden, besser hatte er sich nie gefallen. Aber in dem Momente, in welchem der König Eleonorens Hand ergriff, um sie in die des Prinzen zu legen, fiel ihr Auge auf die Herzogin, und der Ausdruck des Triumphes, den sie in ihren Mienen las, verwandelte das Herz der Gräfin. Sie konnte sich zum Opfer bringender Herzogin diesen Triumph zu bereiten, das vermochte sie nicht, das wollte sie nicht. Und von ihrem Hasse zu rascher Entschlossenheit getrieben, sprach sie, indem sie ihre Hand leise aus der des Königs zog: Ich vermag Eurer Majestät nicht zu gehorchen, denn ich bin nicht frei!

Des Königs Brauen zogen sich zusammen; es entstand eine Art von Erstarrung in den Mienen Aller, die vernehmen und sehen könnten, was geschah. Die Herzogin musste sich auf den Arm der Dame stützen, die ihr die nächste war.

Sie sind nicht frei? wiederholte der König, und sein strenger blick traf wie die Gräfin, so die Herzogin. Sie sind nicht frei?

Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt! erklärte Eleonore rasch entschlossen, wennschon mit bebender stimme, während die Röte der Scham ihr Antlitz übergoss, als sie diese Unwahrheit behauptete.

So gehen Sie Ihr Glück in Stille und Einsamkeit geniessen; aber gehen Sie, und noch heutedie Frau Herzogin wird Sie begleiten! herrschte der König. Und sich von ihr wendend, ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber.

Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof. Seit Könige in den Tuilerien wohnten, war ein solcher Vorgang nicht erhört worden. Nur eine Engländerin, nur ein Mädchen, das in so schrankenloser Freiheit auferzogen worden war, konnte eine solche Unwürdigkeit begehen, sich solchen Verkennens der Allerhöchsten Gnade, solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen. Man trat, soweit die Sitte dies erlaubte, nahe zusammen, es entstand eine Leere neben der Gräfin und der Herzogin, die sich in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler lehnte. Niemand kam ihr zu hülfe. Hatte doch ihre Zudringlichkeit den gnädigen Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt. Welch eine andere Frau hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen, so schlecht bewahrt! Die Ungnade der Herzogin war vollauf verdient, man konnte, man durfte sie nicht beklagen; und wie man sie verdammte und fallen liess, bewunderte man den Prinzen Polydor und seinen Vater, die, sobald der Dienst sie freiliess, den beiden Verbannten ihren Arm und ihre Begleitung boten, um sie durch die Vorsäle in das Vorgemach zu führen, in welchem die Diener sie erwarteten.

Vom hof verbanntdas hiess vernichtet für die Herzogin.

In ihren letzten und höchsten Hoffnungen betrogen, starr vor Schrecken, dass die Sprache sich ihr versagte, war die Herzogin in ihrem Palaste angelangt. Keiner von ihren Leuten wusste, was geschehen war, die Bestürzung brachte das ganze Haus in Aufruhr. Aber noch hatte man die Greisin, die in heftiger Beklemmung nach Atem rang, in ihren Zimmern der Hofkleidung nicht entledigt, als Eleonore schon den Freiherrn von Arten zu sich bescheiden liess.

Unglücklicher Weise war er nicht zu haus. Die gestrige Unterhaltung mit dem Abbé hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und ihn unzufrieden mit sich selbst zurückgelassen.

Er konnte es sich nicht wegläugnen, dass fast alles, was sein geistlicher Freund über die Gräfin und über deren Tante geäussert hatte, richtig war. Auch in dem allgemeinen Urteile, welches der Abbé über die Frauen und über die Bedeutung und den Wert einer wahrhaft weiblichen natur gefällt hatte, stimmte er mit ihm zusammen. Schon während jener noch an seiner Seite ging, hatte Renatus unwillkürlich die beiden Gestalten, Eleonore und Hildegard, einander gegenüber gestellt und mit einander verglichen. Er hatte das schon oft, er hatte es fast an jedem Tage getan, und immer war die Entscheidung zu Eleonorens Gunsten ausgefallen. Nun hatte er mit Einem Male zu bemerken