1864_Lewald_163_387.txt

leben.

Sie musste ihre Dienerin entfernen, um sich noch einmal recht von Herzen auszuweinen. Und wie sie nun da sass, hoffnungslos und an sich selbst verzweifelnd, stieg jener unselige Gedanke der Opferung, der schon manches Weib in gleicher Lage von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt hat, blendend und verführerisch in ihrer Seele empor.

Was war sie sich denn noch? Was war an ihr gelegen? Er sollte sehen, dass auch sie entsagen, dass auch sie sich überwinden konnte, wenn es darauf ankam, ihm eine Genugtuung, ihm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten, in den ihre schlecht verhehlte leidenschaft ihn gebracht hatte und den er nicht verdiente. Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach ihrem vollen Werte geschätzt, er sollte der Fürstin von Chimay das Zugeständniss nicht versagen dürfen, dass sie der höchsten Liebe würdig gewesen wäre, weil sie die höchste Liebe ihres Herzens, weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen vermochte.

In dieser Stimmung liess sie sich zu dem Feste kleiden. Sie legte zum ersten Male den Erbschmuck ihres Hauses an. Wie man die Jungfrau, die der Welt entsagt, um sich dem himmlischen Bräutigam, dem Heilande unauflöslich hinzugeben, noch einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen lässt, ehe des Klosters Pforte sie von der Welt abtrennt, so wollte sie sich noch einmal in dem vollen Glanze ihrer Schönheit betrachten, ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten mann überliess, um dem Geliebten damit die ganze Grösse der Hingebung zu beweisen, deren sie für ihn und seine Ehre, seine Ruhe fähig sei.

Weil sie dahin gekommen war, sich auf einen falschen und trügerischen Boden zu stellen, verschoben und verwirrten sich ihr, ohne dass sie es bemerkte, alle ihre Ansichten und Begriffe. Sie vergass es, dass sie sich dem Prinzen zu vermählen beschlossen hatte, weil sie sich auf diese Weise das Glück zu erkaufen dachte, den Abbé wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Umganges, seiner Freundschaft nach wie vor geniessen zu können. Sie vergass auch bald, dass eben der Abbé sie vor der Ehe mit dem Prinzen gewarnt und dass er ihr vorgeschlagen hatte, Renatus zum Gemahl zu wählen. Nur einen flüchtigen Gedanken hatte sie auf diesen hingewendet, aber sie hatte zu viel Freundschaft für den jungen Freiherrn, sie wünschte ihm zu ehrlich Glück, um sich ihm zur Gattin anzutragen; und da sie einmal auf die Vorstellung der Opferung gekommen war, dünkte sie das Opfer nicht gross genug, welches sie in einer Ehe mit Renatus, die doch für sie und für ihn kein Glück zu bringen hatte, über sich genommen haben würde. Je länger sie darüber nachsann, um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel, von denen sie sich sonst mit Widerstreben, ja, mit Empörung abgewendet hatte, so oft der Abbé es unternommen, ihr jene Gefühlsrichtung eingänglich zu machen, welche in der Selbstverläugnung, in der Entsagung, in der Opferung eine Tugend, ja, die höchste Tugend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblickt. Dass solche Handlung auch mitten in dem Leben und Geräusche der Welt vollzogen werden, dass man sich schweigend und ohne aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie mit einem eingestandenen Opfer bringen könne, das hatte der Abbé oftmals als seine überzeugung aufgestellt; und eben so hatte er es oft behauptet, dass für Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben werde, in welcher sich ihr urplötzlich die erkenntnis und die Wahrheit der Lehren erschliessen würden, die er vor ihr ausgesprochen hatte, dass die Stunde schlagen würde, in der sie sich mit ihm in denselben Ueberzeugungen zusammenfinden und vielleicht ohne sie äusserlich zu bekennen aus innerer notwendigkeit nach den grundsätzen der Mutterkirche handeln werde.

Nun war sie da, diese Stunde! Und wie Eleonore in dem Königsschlosse, die im Glanze der Diamanten strahlende Grafenkrone in dem blonden Haare, an der Seite der Herzogin durch die Reihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt, erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem Empfinden ihr so gross, dünkte ihre Lage ihr so einzig, dass sie darin eine Auszeichnung des himmels, dass sie eines jener besonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte, wie Gott sie nur seinen Auserwählten, nur denjenigen grossen Seelen sendet, die er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heranreifen zu lassen beschlossen hat. Der Stolz des Unglücks bemächtigte sich ihrer. Sie fand einen Genuss in dem Gedanken, um des Geliebten willen grosses Leid zu tragen, so dass sie endlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegenharrte, der ihr das Opfer für den Mann ihrer Liebe, die Entscheidung über ihre ganze Zukunft auferlegen sollte. – Und er liess nicht auf sich warten!

Der König befand sich seit einigen Tagen ganz vortrefflich. Auf seinen Stock gestützt, ging er in der grossen Pause des Balles langsam durch die Säle. Das schöne Wetter machte ihn heiter. Der blick aus den hohen Bogenfenstern des Tanzsaales über den schönen Tuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen Felder tat ihm wohl. Paris war doch unendlich schöner, als das enge, weitentlegene Mitau, als das melancholische Schloss von Edinburg. Und es umgaben ihn, wohin er heute blickte, so viel Liebe, so viel Verehrung und Bewunderung! Das Schicksal war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen, aber es gewährte sie ihm auch. Er war sehr zufrieden heute, sehr wohl aufgelegt. Alle Welt hatte sich heute des Besten von ihm zu rühmen, die Uniformenträger, wie die Männer in geistlicher Tracht, deren