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sich überall in Schranken zu halten gewusst! Mit keinem Worte hatte er ihr je gestanden, was er für sie fühle. Und er liebte sie! Sie zweifelte nicht daran: er liebte sie! Eine Liebe, wie die, welche sie für den Abbé empfand, konnte keine einseitige sein, konnte nicht unerwiedert bleiben! Es war nicht anders möglich: er liebte sie, er musste sie lieben!

Aber durfte sie das hoffen? Durfte sie es wünschen? – Nein, nein! nur das nicht! rief sie laut, dass der Ton ihrer eigenen stimme sie in der nächtlichen Einsamkeit erschreckte. Und ihr Gesicht in den Händen verbergend, warf sie sich nieder und weinte, dass es ihr die Brust zu sprengen drohte.

Es war genug an ihrem Elende, an ihrer Verzweiflung, er sollte nicht unselig sein, wie sie. Er sollte den Trost besitzen, dass er rein und makellos den Lebensweg gegangen sei. Er sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füssen Gottes, zu den Füssen der reinen, makellosen Jungfrau, zu deren Altären er sie hinzuführen gestrebt hatte, in deren Verehrung sie eine unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm haben konnte.

O, dass ich ihn besässe, den Glauben, der ihm Kraft verleiht! seufzte sie in ihrem Schmerze. Dass ich es gelernt hätte, wie er, in früher Jugend zu entsagen! Wenn ich es vermöchte, wie er, mich an das Kreuz zu schlagen, und Trost zu finden, wie er, in dem Gedanken, dass ich eine Wahrheit erkannt, eine Wahrheit zu verkünden habe, dass ich mir nicht selbst gehöre, sondern nur ein Diener der Menschheit bin, ein schwaches Werkzeug in des Allmächtigen, des Allweisen Hand! –

Wörtlich, wie ihr Herz sie in sich aufgenommen hatte, wiederholte sie sich die Aussprüche, die er oft vor ihr getan hatte. Vor wenigen Augenblicken hatte sie ihm gezürnt, nun zürnte sie sich selber. Mit der Demut der Liebe klagte sie sich an, dass sie mit ihrer leidenschaft die schöne Ruhe seines Daseins trübe. Sie, sie allein war die Schuldige. Ihre Masslosigkeit, ihre Ungenügsamkeit verstrickten ihn in Verwirrungen, die er nie zuvor gekannt hatte. Sie erinnerte sich, wie man ihr die hohe Sinnesart, den reinen Wandel des Abbé gepriesen hatte. Auch sie kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen mit Begeisterung zugewendet! Was mochte er jetzt von ihr denken? Was mochte er jetzt tun?

Sie sah ihn knieen vor dem Muttergottesbilde, das er von einem früh gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je bisweilen wohl gesprochen hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass er ihrer dachte, dass er für sie betete. Sie hätte es vor sich haben mögen, das Madonnenbild, vor dem er oftmals Trost gefunden hatte. Sie hatte den Trost sehr nötig!

Wenn sie ihn sehen, ihm Alles bekennen, ihn beraten, ihm beichten könnte! – Beichten! – Vor einem Madonnenbilde knieen! – Wie hatte das alles ihrem geist, ihrem Empfinden, ja, ihrem verstand sonst widerstrebt, als sie noch in stolzem Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte! Und jetzt?

Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit Einem Male wieder der alte Stolz empor, und der Trotz mit ihm. Sie wollte tun, was der Abbé begehrte, sie wollte die Hand des Prinzen annehmen, um es den Abbé empfinden zu lassen, was das Herz des Menschen leiden könne. Denn sie mit Gleichmut in des Prinzen Armen zu sehen, das konnte auch dem Abbé nicht möglich sein.

Und wieder sagte sie sich, dass sie ihn herabziehen würde von seiner Höhe und wieder wurde die Anbetungslust der Liebe in ihr mächtig, die sie hoch hinaushob über jede menschliche Schwachheit. Sie fand ganz plötzlich ein Genügen, ja, einen Trost darin, dass er nicht ahne, was sie dulde, dass er, ruhig und selbstgewiss, der Liebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei.

Von einer Pein zur anderen fortgetrieben, ward ihr keine Rast, bis ihre Kraft erschöpft war und die müde natur nach Ruhe verlangte. Die hände gefaltet, sass sie in einer Art von Betäubung wachend auf ihrem Lager. Minute auf Minute, Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber; sie gewahrte es nicht. Kein tröstender, kein beruhigender Gedanke kühlte ihre heisse Stirn, erhob ihr gebeugtes Haupt. Sie kam sich alt, sehr alt, sie kam sich einsam vor und sehr verlassen. Was sind auch Jugend und Schönheit und Besitz und Macht in der Stunde, in der man einer grossen Liebe zu entsagen hat?

Es überraschte sie, als der Morgen wie immer in die Höhe kam und das alltägliche Leben mit ihm. Es überraschte sie, als ihre Kammerjungfer sie bei ihrem Namen nannte. Sie war ja nicht mehr dieselbe, die sie gestern noch gewesen war. Sie wunderte sich, dass ihr Haar, da jene die haltenden Nadeln desselben löste, noch in seiner goldigen Fülle von ihrem haupt auf ihren Leib herniederfloss. Was sollte es ihr? – Sie hätte es ruhig unter der Scheere fallen sehen. Heute hätte sie mit Freude den sie für ewig verhüllenden Schleier über ihre Schläfe und ihr Antlitz decken mögen, damit Niemand die Tränen gewahre, welche aus ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und auf ihre Wangen niederflossen. Heute begriff sie es, dass es eine Wohltat sein könne, fern von der Welt, ungesehen und vergessen von ihr, seinem Schmerze ganz allein zu