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er war mit Ueberwindung ein tüchtig Stück auf dem Pfade zu seinem selbstgesteckten Ziele vorgeschritten, und er hatte nicht danach zu fragen, welche Blüten sein Fuss dabei zertrat, sei es in der Seele eines Andern oder in dem eigenen Herzen; denn das Ziel ist Alles! – Aber das hinderte nicht, dass der Kampf dieser Stunden noch in seiner ganzen, grausamen Schwere auf ihm lastete.

Ein paar Mal blieb er stehen und fasste mit der Hand nach seiner Brust. Es versetzte ihm etwas den Atem. War es ein Schmerz, war es eine zornige Empörung? Er fragte sich nicht danach, er wollte es nicht ergründen, es gar nicht wissen. Er knöpfte mit hastiger Hand die Soutane auf. Wenigstens atmen, atmen wollte er in voller Freiheit, und fre atmen, sagte er, wie zum Troste, zu sich selber, frei atmen kann man in der Menge nicht! Frei atmen kann man nur auf einsamer Höhe, hoch über dem Gewühle der Welt!

Er dehnte unwillkürlich seine Brust. Er war mit sich zufrieden. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich erinnerte, wie die stolze Eleonore, wie der junge Freiherr, die beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln glaubten, gleich einem weichen Wachse sich unter seiner Hand in die Form gefügt hatten, die er ihnen aufzuzwingen gewünscht. Herrisch und meisternd hatte der Erzbischof ihm heute seine Ueberlegenheit zu kosten gegeben. Er hoffte, die Stunde solle nicht ausbleiben, in welcher er ihm dies auf die eine oder auf die andere Weise würde vergelten können; denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe geschaffen, aus welchem man die Kirchenfürsten macht. Und die Gegenwart hinter sich zurücklassend, von ehrgeizigen Hoffnungen über den Schmerz und den Kampf des Augenblickes flügelschnell hinweggehoben, durch den eben errungenen Erfolg ermutigt, blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus, in welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte.

Er ging an seinen Schreibtisch, liess sich in dem Sessel nieder, der vor demselben stand, und begann zu schreiben. Es war tief in der Nacht, als er sich von seiner Arbeit erhob. Die Lampe war im Erlöschen, der untergehende Mond warf sein Licht schräg in das Gemach. Mit dem gesiegelten Briefe in der Hand sah der Abbé lange sinnend in den Garten hinaus, der sich unter seinen Fenstern weitin ausdehnte. Dann fiel sein blick prüfend auf des Briefes Aufschrift. Er meinte, etwas in derselben vergessen zu haben, aber es war Alles richtig.

Die Aufschrift lautete: "An den Pater Provincial des Jesuiten-Klosters zu Rom."

Der Abbé war in diesem Kloster erzogen worden und er hatte bisher den Hoffnungen durchaus entsprochen, welche seine Lehrer und Meister auf ihn bauten.

Zwölftes Capitel

Der milden Winternacht folgte ein klarer, schöner Tag. In den prachtvollen, altertümlichen Kaminen des grossen königlichen Ballsaales brannten die Feuer. Ihre rote Glut, ihre blauen, züngelnden Flammen erschienen bei dem hellen Sonnenlichte dunkel; auch die Kleidung und die Schönheit der Frauen hatten bei den Frühstücksbällen in den Tuilerieen eine wahre Lichtprobe zu bestehen. Aber Niemand ertrug die Prüfung durch das Tageslicht so siegreich, als die Gräfin Haughton, obschon ihrem Antlitze heute die ihm sonst so eigentümliche Frische, ihren Augen der gewohnte Glanz gebrachen.

Die ersten Quadrillen waren vorüber. Eleonore hätte kaum sagen können, wer ihre Tänzer in denselben gewesen wären. Es war ihr zu Mute, als sei sie verwandelt, als wohne eine fremde Seele in ihrem leib. Nur ihre Gestalt war noch die alte, war noch lebendig; sie selber, die Eleonore, als welche sie sich bis gestern noch empfunden hatte, war dahin.

Sie hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen, den ganzen Morgen in marternder Spannung vergebens auf den Besuch des Abbé's, auf eine Zeile, auf ein Wort von ihm gewartet, die ihr hätten zum Troste, zur Stütze werden können. Was war geschehen, dass er sie also in ihrer Herzensnot verliess? Hatte man ihn unter irgend einem Vorwande gezwungen, Paris schon an diesem Morgen zu verlassen? Konnte er sich entfernt haben, ohne sie davon in Kenntniss zu setzen? Liess man ihn nicht aus den Augen, und fand er keine Möglichkeit, ihr, wenn auch nur mit Einem Worte, sich zu nahen?

Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm?

Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr Hirn: Ich liebe einen Mann, dem die Liebe ein Verbrechen ist! Ich, die Protestantin, liebe einen Katoliken, einen Priester! Ich habe ihm diese Liebe verraten, und er will mich bestimmen, einem Anderen, einem ungeliebten mann meine Hand zu reichen, um sich zu retten, um seine Plane zu verfolgen! Warum vertraute ich einem Katoliken, einem Priester?

Dann wieder, wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte, wenn der Gedanke, sich und ihre Liebe verschmäht zu sehen, sie völlig niederwarf, raffte sie sich mit Gewalt an einer anderen Ansicht ihrer Lage empor. War es denn seine Schuld, dass sie ihn liebte? Konnte er dafür, dass ihre Seele nicht stark, nicht rein genug gewesen war, sich an der Freundschaft genügen zu lassen, die allein er ihr zu bieten hatte? Wann hatte er je einen Wunsch, einen Anspruch an sie erhoben, der über den Anteil an ihrem Seelenheile hinausgegangen war? Und wie hatte er sich selbst in seinem Eifer für dasselbe zu mässigen,