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ihre Nichte es fühlen lassen, dass sie, die ruhebedürftige Matrone, ihr ganzes Behagen der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte? Oder kennen Sie etwas, das rührender, das ehrwürdiger wäre, als die schöne Freundschaft, welche durch ein langes Leben die Herzogin und ihren Jugendgenossen, den greisen Fürsten von Chimay, unzertrennlich verbunden hat? In der Tat, mein Freund, von Ihnen weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urteils gewärtig, das die Herzogin in so ungerechter Weise anficht, denn mich dünkt, Sie selber hätten mannigfach gelegenheit gehabt, die teure Frau von ihren schönsten Seiten würdigen zu lernen! – Beide gingen eine Zeit lang schweigend neben einander her.

Renatus fühlte sich beschämt. Er hatte die Undankbarkeit immer als das Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen, nun zieh man ihn einer solchen, und er konnte es nicht läugnen, man tat es nicht ganz mit Unrecht. Je länger er darüber nachsann, um so unsicherer wurde er in seinem Urteile. Er konnte dem Abbé nicht völlig widersprechen. Er hatte, als er in das Haus der Herzogin gekommen war, ja auch für dieselbe und wider die Gräfin Partei genommen, und erst allmählich hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn anderen Sinnes werden machen. Er wünschte guten Herzens, kein Unrecht gegen die Greisin zu begehen; aber Eleonore, wie der Abbé es tat, so schonungslos zu verdammen und aufzugeben, konnte er sich nicht entschliessen, und mit der bewussten Absicht, einen vermittelnden Ausweg zu wählen, sprach er: Jede der beiden Frauen hätte wohl eine weichere und mildere natur an ihrer Seite haben müssen, um glücklicher zu werden; denn wie die Herzogin mir einst gestanden hat, dass sie, früh zur Witwe geworden, nie die geringste Neigung empfunden habe, sich wieder zu vermählen, so hat mir noch neuerdings die Gräfin gesagt, dass sie nach der Ehe kein Verlangen trage, ja, dass ihr bis jetzt niemals eine sehnsucht nach jenem Glücke des Familienlebens gekommen sei, welches doch den meisten Menschen für ihre Befriedigung notwendig erscheint. Diese beiden Frauen sind sich eben selbst genug.

Das ist ein trauriger Vorzug, rief der Abbé, und Sie werden mir gestehen, dass ich darüber ein vollgültiger Richter bin! Der Mensch kann, wo es einer grossen überzeugung gilt, sich selbst verläugnen, und auf die Liebe, auf die Ehe, auf das Glück verzichten, sich in seinen Kindern fortleben zu sehen; aber es ist das eine harte Entsagung, und das Herz auch des Stärksten hört nicht auf, unter derselben zu leiden und zu bluten! Es muss süss sein, in früher Jugend sich einem geliebten Mädchen zu verbinden, in jedem Augenblicke zu wissen, dass seine Gedanken, seine Gebete uns begleiten, sich vorzustellen, wenn man von ihm fern ist, wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt, und sie nach einer Trennung mit der alten, nur gesteigerten und bewährten Treue in die arme zu schliessen.

Er brach ab, schwieg eine Weile und sagte danach: Es sind das Bilder, die auszudenken man sich hüten muss, wenn man gelobt hat, nie nach ihrer Verwirklichung zu streben. Aber so oft ich in meinem amt in ein Haus getreten bin, wo die demütige Liebe einer wahrhaft weiblichen Seele dem mann das Leben verschönte, habe ich empfunden, wo das wahre Glück zu finden sei, und die höchsten Vorzüge eines Mädchens wie die Gräfin haben mich nie von dieser erkenntnis abweichen machen. Für eine Eleonore Haughton kann ein Jüngling sich begeistern, ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden. Sie würde, hätte ihr Schicksal sie für einen Tron bestimmt, vielleicht ihrem Ideale, ihrer Königin Elisabet, in herber, stolzer Selbstüberhebung ähnlich werden können; für einen Mann, der in seinem weib ein liebendes Herz zu finden begehrt und der Herr in seinem haus bleiben will, sind diese Art von Frauen nicht geschaffen. Man macht aus einer Juno, einer Minerva niemals das rührende geschöpf, als dessen erhabenster Ausdruck uns die Madonna, die jungfräuliche Mutter erscheint, der sich das Knie des gewaltigsten Mannes in liebender Verehrung beugt. Ein Mannweib zu lieben, muss man selbst kein Mann sein! Wo ich einen Mann sich ein recht demütiges Weib erwählen sehe, weiss ich immer, was er selber wert ist.

Sie waren während dessen bis zu dem Collegium gekommen, in welchem der Abbé seine wohnung hatte. Er nötigte den Freiherrn leichtin, mit ihm hinauf zu steigen; aber Renatus nahm es nicht an, und Jener hatte es auch darauf nicht abgesehen, ihn bei sich zu haben. Er wünschte allein zu sein. So schieden sie von einander.

Oben angelangt, ging der Abbé eine geraume Zeit mit schwerem Schritte in dem grossen, saalartigen raum auf und nieder, den er in dem haus inne hatte. Ein paar wertvolle Bilder, einige Abgüsse nach berühmten antiken Büsten schmückten nach seiner Wahl die Wände. Er sah sie nicht an, so gern sein Auge sonst auf ihnen weilte. Er blickte auch nicht zu dem Crucifix empor, das in dem anstossenden Gemache, schön geschnitzt, zu Häupten seines Lagers hing. Er hatte manchmal Trost und Beruhigung gefunden, wenn er in schwerem Seelenkampfe zu dem Bilde des Mannes empor geschaut, in welchem die Menschheit sich die höchste Reinheit, die höchste Menschenliebe und die vollendetste Selbstverläugnung verkörpert hat, um sich an ihm aufzuerbauen und zu erheben; aber nichts Aeusserliches vermochte den Abbé heute von sich selber abzuziehen. Er hatte getan, was seine Pflicht war,