in seinem ganzen Betragen sich immer äusserst zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit gegen Andere herausnahm, als er sie ihnen gestattete, legte seinen Arm in den des jungen Offiziers und sagte mit einer ihm sonst ebenfalls sehr fremden Lässigkeit: Es gibt gesellschaftliche halbe und ganze Unwahrheiten, gegen die man wohltut, sich nicht zu wehren, und an die zu rühren auch nicht weise ist, weil sie in der Regel aus einem vernünftigen grund hervorgehen, sogar wenn die Gesellschaft sich desselben nicht immer klar bewusst ist. Eine solche conventionelle Unwahrheit ist der Glaube an die sogenannten grossen Eigenschaften der Gräfin Haughton.
Herr Abbé, rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren nicht, das sagen Sie, Sie, der Freund, der vertraute Freund Eleonorens?
Eben desshalb sage ich es, kann ich es sagen! berichtete ihn der Geistliche, und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken, wenn ich Ihnen bekenne, dass die Gräfin auch mich eine geraume Zeit geblendet hat, dass ich in ihr Eigenschaften zu sehen wähnte, die sie der Bewunderung würdig machten – und in der Tat, sie hat auch solche Eigenschaften! Wer wollte und wer könnte dieses läugnen? Sie ist von schnellem geist, von einem kühnen Fluge der Gedanken, sie hat, ich zweifle nicht daran, eine männliche Entschlossenheit, wo es ihre eigenen, persönlichen Zwekke gilt; aber ich habe Niemanden gekannt, auf den das Wort der Bibel von dem tönenden Erz und der klingenden Schelle so anwendbar gewesen wäre, als auf sie. "Sie hat der Liebe nicht!" – Selbstsüchtiger und herzenskälter habe ich nie ein Weib gekannt.
Der Freiherr war nicht gleich einer Entgegnung fähig. Er erlebte nach seinen Begriffen einen vollkommenen Verrat, und der Mann, der ihn beging, war ihm bis auf diese Stunde ein Gegenstand der Hochachtung gewesen. Seine Ehrenhaftigkeit schreckte vor einem solchen Verhalten zurück. Er zog unwillkürlich seinen Arm aus dem seines gefährten. Kennt oder ahnt die Gräfin die Ansicht, welche Sie von ihr hegen? fragte er.
Es gibt Wunden, entgegnete der Abbé, die man nicht sondiren darf, ohne sie tödtlich zu machen. Ich konnte der Gräfin nicht sagen: "Sie haben kein Herz!" da mein ganzes Bestreben darauf gerichtet ist, diese Seite ihres Wesens zu erwecken oder zu beleben. Denn was könnte mich, dessen Ziele weit ab liegen von dem Boden dieser leichtlebigen und sich an der Oberfläche der Dinge haltenden Gesellschaft, was könnte mich bewegen, der tägliche Gast der Frau Herzogin zu sein, hätte ich es der würdigen Frau nicht zugesagt, mich der Bekehrung ihrer Nichte zu unterziehen, hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermutigt, an dieses Werk zu gehen?
Mehrere Wagen, die rasselnd an ihnen vorüberfuhren und die sie bei dem Uebergehen nach einer andern Strasse für einige Minuten trennten, unterbrachen die Mitteilung des Geistlichen und liessen dem Freiherrn zu einem Umschwunge seiner Ansicht Zeit. Als sie sich wieder zusammenfanden, hob der Abbé auf's Neue zu sprechen an. Es ist ein grosses Vertrauen, Herr von Arten, das ich Ihnen mit diesem offenen Bekenntnisse gewähre. Indess Ihrer Gesinnung bin ich sicher. Sie ist ein schönes Erbe Ihres alten Hauses, und Sie selber sind, ich weiss es, unserer Kirche aufrichtig ergeben. Sie haben in Ihrem Elternhause den Segen und die Alles ausgleichende und versöhnende Kraft des Glaubens, wie ich aus Ihren eigenen Mitteilungen und aus manchen Andeutungen der trefflichen Frau Herzogin erfahren, kennen lernen. Sie gehören nicht zu der Anzahl jener sogenannten Aufgeklärten, die es in ihrer selbstgenügsamen Kurzsichtigkeit dem Gläubigen zum Vorwurfe machen, wenn es ihn drängt, die Segnungen, deren er sich teilhaftig fühlt, die erhebende erkenntnis, die ihm durch die Gnade Gottes zugänglich geworden ist, nicht als ein todtes Pfund zu vergraben, sondern sie auszubreiten und leuchten zu machen, so weit die menschliche Gemeinschaft reicht.
Der Abbé hatte etwas Mächtiges, wenn er sich dem freien zug seiner Beredsamkeit überliess, und Renatus waren solche Ansichten und Ansprüche von früher Kindheit an vertraut gewesen. Sein unvergessener, geliebter Lehrer, der Caplan, hatte ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein Bekenner und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche gearbeitet und bis an sein Lebensende mit Erhebung an jene Wirksamkeit zurückgedacht. Läugnen konnte Renatus es auch nicht, dass ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen unheimlich und bedenklich erschienen war, aber er hatte sie nicht tadeln, nicht verurteilen können; sie hatte ihm neben der Bewunderung, die er für sie hegte, ein Bedauern eingeflösst, und eben jetzt empfand er dieses lebhafter und stärker, als je zuvor.
Sie ist ohne Vater, ohne Mutter aufgewachsen, sagte er entschuldigend, und mich dünkt, die Herzogin war nicht dazu gemacht, eine so eigenartige natur zu erwärmen und zu bilden. Wer mag denn sagen, ob die Herzogin selber einer wahren Liebe fähig ist?
Die Herzogin keiner Liebe fähig? rief der Abbé im Tone des höchsten Erstaunens. Aber haben Sie denn vergessen, mein teurer Baron, mit welcher Treue die Herzogin in den zeiten der Verbannung und der Not an ihrem Bruder festielt? Haben Sie vergessen, mit welcher Hingebung die Mittellose auf die edle, sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters verzichtete, als es galt, der königlichen Familie ihre alte Treue zu beweisen? Glauben Sie, dass es sie kein Opfer gekostet hat, den einzigen Bruder an eine Frau zu verlieren, die nicht zu unserer Kirche gehörte? Und wann hat die Herzogin