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Allein!

Nur das konnte sie nicht ertragen! Allein, ohne ihn konnte sie nicht leben. Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend zugleich nach Rettung ausschaut, fragte sie: Und gibt es kein Mittel, keines, das Siemir erhält?

Es war geschehen, sie hatte es ihm gesagt; aber besorgt, dass eben dieses Wort ihn bestimmen könne, sich von ihr zu trennen, fügte sie hinzu, als wolle sie ihn vergessen machen, ihn über dasjenige täuschen, was sie ihm eben verraten und gestanden hatte: Ich weiss es, Sie verlassen Paris, den Hof nicht gern, Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufentalt geknüpft. Gibt es kein Mittel, Ihre beabsichtigte Entfernung zu vermeiden? – Und wie von einer plötzlichen Eingebung ergriffen sprach sie: Ich will Paris verlassen, ich will in meine Heimat gehen! Sie sollen bleiben. Ich will gehen!

Das jedoch war es nicht, was der Abbé begehrte. Er schüttelte verneinend das Haupt. Fassen Sie sich, Gräfin, man beobachtet Sie und mich! sagte er leise. Ihre Entfernung von Paris würde nichts in meiner Lage ändern, nichts! Aber einen Ausweg gibt es, Einen! – Er zögerte, als falle es ihm schwer, ihr denselben zu nennen. Endlich, da sie auf seine Antwort bange harrte, sagte er: Nehmen Sie die Hand des Prinzen an, für den der König selber morgen um Sie werben wird!

Unmöglich, unmöglich! rief die Gräfin so laut, dass die Anwesenden alle es vernahmen.

Aber sie und der Abbé schlugen wie auf eine Verabredung ein lachen auf, und mit lachender Miene fügte Eleonore leise hinzu: Soll ich der Herzogin den Triumph bereiten? Soll ich mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die arme werfen, vor der Sie selbst mich warnten?

So treffen Sie schnell eine andere Wahl, Sie sind Herr darüber! warf der Abbé ihr ein.

Aber wenwen? fragte die Gräfin, der in der Angst ihres Herzens und in der Verwirrung dieses Augenblickes jedes Mittel erwünscht kam, welches sie vor der Trennung von dem Abbé bewahren und ihm beweisen konnte, dass für ihn kein Opfer ihr zu schwer sei.

Der Abbé wendete das Haupt in das Zimmer und zu der Gruppe zurück, welche die Gräfin vorhin verlassen hatte. Eine Frau wie Sie, sagte er, wird schwerlich einen Mann finden, der sie verdient; aber es müsste mich Alles täuschen, oder der Freiherr von Arten weiss es, was Sie wert sind, und seine liebende Verehrung wird mir den Anteil an Ihrer Freundschaft nicht missgönnen. Er ist ein Mann von Ehre und er liebt Sie, Gräfin, dessen bin ich sicher!

Sie konnte ihm nichts erwiedern. Der Ausdruck der Verzweiflung und der Liebe, mit dem sie zu ihm emporsah, drohte, ihn seiner Fassung zu berauben, und sich vor ihr verneigend, sagte er so laut, dass die Anderen ihn vernehmen konnten: Denken Sie daran, Gräfin, wir sprechen mehr davon!

Dann wendete er sich zu den Uebrigen, und auch Eleonore kehrte, wie hart ihr das auch ankam, zu ihrer früheren Unterhaltung zurück.

Eilftes Capitel

Man trennte sich an dem Abende zeitig, weil einige der Gäste noch anderweitige Einladungen hatten. Im Vorzimmer trafen der Abbé und Renatus zusammen. Der Abbé machte die Bemerkung, dass das Wetter köstlich und dass es eigentlich eine Sünde sei, eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde und Schönheit ungenossen zu lassen, und da er Renatus ohne weiteres Vorhaben fand, schlug er ihm vor, ihn zu begleiten und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen.

Der Freiherr verlangte es nicht besser. Er hatte die lange Unterredung zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe betrachtet, denn er war von den obwaltenden Verhältnissen zu genau unterrichtet, um nicht zu vermuten, was die unverkennbare Aufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt dieses Gespräch der Beiden gehabt haben müsse. Auch stand er ihnen nahe genug, um, sobald er sich mit dem Geistlichen allein auf der Strasse befand, ohne Umschweife die Frage zu tun, ob er sich irre, wenn er glaube, dass der Abbé mit ihrer gemeinsamen Freundin von dem Heiratsplane gesprochen, den der König zu dem seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustandekommen jetzt die grosse Angelegenheit des Hofes sei.

Es ist eine traurige Angelegenheit, sagte der Abbé, und nie mehr als in diesem Falle habe ich daran gedacht, wie verschieden die Wege der Prüfung sind, auf welche der Herr uns führt. Er schritt eine Weile schweigend fort, dann sprach er: Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht, seine gottbegnadigte äussere Erscheinung, seine grossen geistigen Mittel, den fürstlichen Besitz, der ihm von Kindheit an zu eigen war, so fühlt man sich zu dem Gedanken hingeführt, dass es dem Himmel gefallen habe, hier einmal ein Menschenwesen mit allen Gütern des Lebens und des Glückes auszustatten, um ihm den vollen, edlen Genuss des Daseins zu ermöglichen.

Da er wieder in seiner Rede abbrach, meinte Renatus, dass die Gräfin doch auch zu einer hohen und seltenen Reife und Entwicklung gelangt sei und wie ihr zu ihrem Glücke ja auch nichts fehle, als dass sie eben dem mann begegnete, dem sie ihre Zukunft in liebendem Herzen anvertrauen könne.

Wir sind nicht im Salon, mein teurer Freund! rief der Abbé mit einer Kälte, welche den Andern in Erstaunen setzte. Er fragte, was dieser unerwartete Ausruf bedeuten solle. Der Abbé, der sonst