1864_Lewald_163_381.txt

schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete.

Eine Gruppe von Männern umgab sie, der Prinz und der junge deutsche Freiherr sassen ihr zur Seite. Die Unterhaltung war heiter und lebhaft gewesen, wie sie es immer wird, wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit dem sicheren Bewusstsein ihrer Schönheit jede ihr dargebrachte Huldigung nur als einen schuldigen Tribut, ohne Dank und ohne besonderen Anreiz aufnimmt. Der Prinz hatte sich im Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen, ohne dass die Haltung der Gräfin ihm dazu das Recht gegeben hätte, und kaum hatte der Abbé sich der Herzogin vorgestellt, so klagte Eleonore, dass die Glut des Feuers sie belästige, und erhob sich.

Mitten in dem saal traf sie mit dem Abbé zusammen. Ich habe Sie heute am Morgen und heute am Mittage vergebens erwartet, und Sie kommen spät! sagte sie im Tone des Vorwurfes. Es ist Ihr Wort, das ich Ihnen zurückgebe, Herr Abbé! Man soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen, was man nicht sicher oder nicht geneigt ist, uns dauernd zu gewähren!

Wie sie so neben einander standen, beide hoch und majestätisch gewachsen, dass Auge in Auge traf, beide mit herrischer Miene, war es kaum möglich, sich ein Menschenpaar zu denken, das mehr für einander geschaffen, mehr auf einander angewiesen zu sein schien, sei es, dass sie in Liebe oder in Abneigung zusammentrafen. Es war neben Eleonorens vollkommener Schönheit stets ihr Stolz gewesen, der den Abbé angezogen und ihn gereizt hatte, ihr seine herrschaft aufzudringen, und man hätte sagen können, dass sie sich im Streite nahe getreten waren, dass sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist verstrickt hatten, dass Sieg und Niederlage zwischen ihnen stets gewechselt hatten und beides ihnen zum Genuss geworden war.

Auch jetzt empfand der Abbé den alten Zauber wieder mächtig auf sich wirkend, aber er hatte Grund, sich demselben nicht mehr wie sonst zu überlassen, und auf ihre Anrede eingehend, versetzte er: Schlimm genug für mich, dass ich aus meiner eigenen Erfahrung keinen Nutzen zog, dass ich sie nicht zu beherzigen verstand!

Was soll das heissen? fragte sie voll banger Ahnung, weil ihr in seinem Wesen etwas Fremdes entgegentrat.

Wir müssen scheiden, Eleonore! sprach er tonlos.

Er hatte sie niemals bei diesem Namen genannt, er hatte es stets vermieden, sie und sich als Einheit zu bezeichnen, und nun, da ihr Name, von seinen Lippen ausgesprochen, ihr mit unsäglicher Wonne das eigene Herz berührte, nun das beglückende "Wir" ihr von seinem mund entgegenklang, nun sollte sie sich von ihm trennennun?

Scheiden? wiederholte sie. Und wesshalb das? – wesshalb?

Er blickte mit schnellem Auge um sich her; als er sah, dass Niemand nahe genug stand, seine Worte zu vernehmen, sagte er: Ich komme von Seiner Eminenz dem Erzbischof. Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand. Es war offenbar das kleine Billet, das Sie mir neulich gesendet und das ich nicht erhalten hatte. Ein Brief der Frau Herzogin lag daneben.

Eleonore erbleichte, aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl verliessen sie nicht. Ich habe nie ein Wort geschrieben, sprach sie, das eines Anderen blick zu scheuen hätte, und von Seiten meiner Tante überrascht mich nichts, wennschon....

Auch nicht, fiel der Abbé ihr leise in die Rede, dass sie gewagt hat, Ihnen, Ihnen, Eleonore, eine leidenschaft anzudichten, deren Mitschuldiger ich sein sollte und die ein Verbrechen für mich wäre?

Er war selbst blass geworden und die stimme hatte ihm versagt, da er diese Worte aussprach. Sie trafen das Herz des unglücklichen Mädchens wie ein tödtender Blitz. Sie sah, sie entdeckte in sich, was sie sich bisher mit stolzer Scham verborgen hatte. Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden leidenschaft in sich auflodern, und der Mann, der sie in ihr angefacht und genährt hatte, stand ihr kalt gegenüber, sprach zu ihr in einer Weise, als wäre es undenkbar, dass er jemals etwas für sie empfunden habe, etwas für sie fühlen könne.

Ihre Füsse wankten, sie fasste krampfhaft die Lehne eines Sessels, der in ihrer Nähe stand, sie fürchtete, sich nicht aufrecht halten zu können; aber mehr noch als Alles peinigte sie der Gedanke, dem ungerührten mann zu verraten, was in ihrer Seele vorging, ihn ahnen zu lassen, was sie in diesem Augenblicke um ihn litt. Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln zwingend, das ihr das Herz zerriss, fragte sie ihn: Desshalb also will man Sie entfernen?

Der Abbé bejahte es. Die Tränen traten der Gräfin vor diesem kalten, nackten Ja in's Auge.

Freilich! das Scheiden von einer Freundindas Scheiden von Eleonore Haughtonwas ist das für Sie! sagte sie mit Bitterkeit.

Der Abbé liess den vollen Strahl seines Auges in die ihrigen fallen, aber er schwieg.

So standen sie sich einige Sekunden gegenüber, und es dünkte Eleonore, als durchlebe sie eine lange Leidenszeit, denn grosser Schmerz und grosse Freude rauben uns den wahren Massstab für den Verlauf der Zeit. Es kam ihr vor, als sei der Augenblick lange her, in welchem sie das Wort, das niederschmetternde Wort von dem mund des Geliebten vernommen hatte, als sei es lange her, dass sie sich allein gefunden, allein mit der verzehrenden leidenschaft in ihrer Brust.