1864_Lewald_163_380.txt

trug, so lange er sie stützen half, das höchste, erstrebenswerteste Ziel gedünkt, und herrschaft, herrschaft über die Anderen, das hatte er immer gefühlt, war das einzige, das Ersatz zu bieten vermochte für Selbstbefriedigung, für Liebe und für Glück.

Er kannte die Kirche und den Clerus, denen er angehörte. Er wusste, was der Abtrünnige von der Kirche zu erwarten hat. Er selber hatte in verschiedenen Fällen dazu mitgewirkt, dem Verirrten wie einem gehetzten Wilde die Wege zu verstellen, bis er müde und verblutend an dem Altare niedergesunken war, von dem er sich hatte entfernen wollen. Er fühlte sich nicht dazu geschaffen, solcher Verfolgung Stand zu halten, er konnte sich nicht vor sich selbst erniedrigen durch den nicht endenden Kampf, in welchen er sich unrettbar verstrickte, wenn er sich nicht überwand. Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des Bannes und des Eides, die er freiwillig und mit stolzem Ehrgeize über sich genommen hatte; und der blosse Gedanke, dass er als ein Büssender, als ein unwirksam Befundener, als ein Ausgestossener vor denen stehen solle, die in ihm eine Kraft geehrt, in ihm einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten und über die er sich einst zu erheben gehofft, ward endlich sein Erretter aus dem Zwiespalte, in dem er sich in dieser Stunde bewegt und ermattet hatte.

Aber der starke und gesunde Mensch reisst die schönste und gewaltigste seiner Kräfte, die Liebe, nicht aus seinem Herzen, ohne Schaden an seiner Seele zu leiden, und heute mehr als je zuvor hatte der Abbé es erkannt, dass er auf die Liebe nicht verzichten könne, ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht hinzugeben, und dass es ihm nicht erspart sei, die Qualen der Eifersucht zu leiden, auch wenn er darauf verzichte, für sich selber einen Anspruch an Glück zu erheben.

Oftmals schon hatte er es durchgekostet, wie nahe der Hass und die zum Entsagen gezwungene Liebe in ihm an einander grenzten, oftmals hatte er es mit dem kühlen Blicke eines Beobachters in sich wahrgenommen, wie die Grausamkeit sich der Seele bemächtigt, die keine milde Hoffnung für sich selber hegen darf. Warum sollte er das Weib nicht hassen, vor dem alle glückversprechenden Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen, während er sich mit unlöslichem Eide von allen Freuden des Daseins geschieden hatte, ehe er vorausgesehen, das eine Eleonore Haughton leben und dass sie ihm der Güter höchstes, des Glückes begehrenswertestes erscheinen würde?

Wenn kein Gebet, wenn kein noch so festes Wollen ihm Ruhe zu schaffen vermocht, dann hatte er mit grausamer Wonne daran gedacht, dass Eleonore einst die gleichen Qualen leiden werde; wenn er sich unglücklich gefühlt bis in das Innerste seines Herzens, so hatte der Gedanke ihm gelächelt, dass auch sie sich elend fühlen werde, die ihn also leiden machte, dass auch sie unglücklich sein werde, die ihn herunterzustossen drohte von der Höhe, auf die er sich gestellt hatte und von der er in den Abgrund sinken musste, wenn er nicht hoch über seinen jetzigen Standpunkt emporstieg.

Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen, die jetzt an ihn herangetreten war. Er oder sie! – Denn sie glücklich zu sehen und zu entsagen, sie glücklich und frei zu denken, während er sich seinem Vorgesetzten als müssiger Knecht mit gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterordnung enge, vorgeschriebene Wege zu gehen hatte, das überstieg seine Kräfte. Er oder sie! – Es gab kein Drittes! –

Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen. Die Nacht begann kalt zu werden, der Wind, welcher vom wasser aufstieg, strich ihm mit eisigem Hauche über die Schläfen hin. Er zog die Uhr heraus, es war später, als er es vermutet hatte. Jetzt, er wusste es, jetzt befand sich Eleonore schon in dem Empfangszimmer ihrer Tante, jetzt erwartete sie ihn sicherlich. Er lächelte, als er sich ihr Bild vergegenwärtigte, aber wer dieses Lächeln hätte sehen können, hätte sich seines Ausdruckes nicht erfreut.

An der Ecke der Seitenstrasse lag ein bescheidenes Speisehaus. Er hatte sonst nicht die Gewohnheit, ähnliche Orte zu besuchen, indess die Aufregung machte ihn, da er die Mahlzeit versäumt hatte, nach Speise und Trank verlangen. Er liess sich zu Essen geben, trank etwas Wein, ordnete mit rascher Hand sein reiches Haar, das durch die schnelle Bewegung seines langen Ganges in Unordnung geraten war, und gefasst und wieder seiner selber Meister, kehrte er auf der Strasse, von der er gekommen war, nach dem Palaste der Herzogin zurück.

Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ihrem schönen saal erschienen. Die auffallende Gunst, mit welcher der König sie bei der letzten Mittagsgesellschaft beehrt, hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht, und jeder derselben schmeichelte sich mit der Hoffnung, dass es ihm gelingen werde, den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu erfahren und sich darüber zu vergewissern, was von dem Gerüchte über die Freiwerbung Sr. Majestät zu halten sei. Die Gräfin allein schien nicht zu wissen, was die Uebrigen beschäftigte. Sie sass weit zurückgelehnt, so dass die schöne Länge ihres Leibes ersichtlich war, auf einem niedrigen Sopha, nahe an einem der beiden Kamine. Das Licht der Kerzen und das Licht des Feuers vereinten sich, sie magisch zu überstrahlen. Ihr Haar glänzte wie von einer Aureole umleuchtet, und nie meinte der Abbé sie schöner gesehen zu haben, als eben jetzt, da sie bei seinem Eintritte mit