innerhalb der grossen, bunt durch einander wirbelnden Gesellschaft, die sich um den König gebildet hatte, trugen die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein besonderes Gepräge, je nach der person, die in ihnen hervorragte.
Ein solcher kleiner Zirkel, in welchem der Baron seit langen Jahren heimisch war, kam an jedem Dinstage bei einer seiner entfernten Verwandten, der immer noch schönen Frau von Uttbrecht, zusammen. Sie hatte viele Reisen gemacht, sprach fremde Sprachen mit grosser Leichtigkeit und galt bei aller Welt für eine ausgezeichnete, geistvolle und dabei höchst liebenswürdige Frau, weil sie ganz ohne eigene Ansichten, ganz ohne bestimmten Charakter und darum im stand war, sich der Meinung eines Jeden gefällig anzupassen. Freigeistig und devot, leichtfertig und splitterrichterisch, je nach der Stimmung derer, mit welchen sie eben verkehrte, hatte sie sich in den letzten Jahren, wie sie es nannte, einer Beschäftigung mit ernsten Dingen hingegeben, und der grosse Gedanke von einer notwendigen Wiedergeburt des Menschen zu seiner eigenen Erlösung und zur Veredlung der ganzen Menschheit, welcher damals angefangen hatte, die Geister edelgesinnter Menschen zu bewegen, war auch in den Sälen der Frau von Uttbrecht auf das Register der beliebten Unterhaltungen gesetzt worden. Da man aber sehr gesellig war und da Frau von Uttbrecht vollends das Alleinsein nicht ertragen konnte, so dachte man sich auch die Selbsterlösung nicht als eine Tat, die der Mensch an sich allein und allmählich zu vollziehen habe, sondern man verband sich zu Gemeinschaften, man legte einander seine Schwächen und Fehler, so weit man es für gut befand, in schriftlichen Bekenntnissen vor, man vereinte sich, wenn sich eben ein begeistertes Gemüt in dem Kreise befand, zu Gebeten für den Irrenden, und man umarmte sich in gerührter Erhebung, wenn man des überirdischen Glückes gedachte, dessen die befreiten Seelen einst teilhaftig werden müssten. Man war viel zu aufgeklärt, um nicht gegen die Rosenkreuzer und Illuminaten, viel zu gut protestantisch, um nicht gegen die Jesuiten und, wenn keine Katoliken in der Gesellschaft waren, auch gegen den Katolicismus zu eifern. Man glaubte aber an den Mesmerismus, man war, wie der Baron selber, von der geheimnissvollen Wechselwirkung der Menschen auf einander überzeugt, und fast Jeder versicherte, mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem Leben seiner Freunde gemacht zu haben, die auf geheimnissvolle Kräfte in der Menschenseele schliessen liessen, und vor denen man sich respectvoll einer Prüfung entielt, da sie, wie man behauptete, keine befriedigenden Erfolge gewähren konnte.
Angelika liebte Frau von Uttbrecht nicht. Die Gefühlserregteit, die unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände, wie dieselbe sie an den Tag legte, kamen ihr zu absichtlich und desshalb beängstigend vor. Sie war von aller Ueberspannung, von allem Aberglauben frei, und bei dem gesunden Sinne ihres Vaterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so fremd geblieben, als überschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus. Man hatte auf Schloss Berka in herzlicher Liebe und Eintracht ein ruhiges Leben geführt, hatte die Pflichten gegen einander, ohne darüber viel nachzudenken, in Freundlichkeit geübt, an jedem Tage das Notwendige vollbracht, hatte sich daneben an den Werken der grossen Dichter, deren hell leuchtendes Doppelgestirn damals strahlend an dem Horizonte Deutschlands aufgegangen war, mit dankbarer Erhebung erfreut, und wenn man sich dann am Ende der Woche sagen konnte, dass man in der Familie das Seinige geleistet habe und dass den Bewohnern der Güter, wie den Dienstleuten des Hauses, das Zukömmliche nicht gefehlt, so war man an den Sonnund Feiertagen heiter und zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche gegangen. Der wöchentliche Gottesdienst hatte einen teil des gewöhnlichen Familienlebens ausgemacht, wie die würdige Haushaltung, wie die ausgebreitete Gastfreundschaft und die stattliche Repräsentation, die man eben auch als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten gewohnt war.
Angelika hörte es daher nur mit Widerstreben an, als Frau von Uttbrecht, nachdem man eines Abends, an welchem man ebenfalls bei ihr versammelt war, eine Weile von den gleichgültigsten Dingen gesprochen hatte, plötzlich von der Erbauung zu reden anfing, welche sie in dem einsamen Gebete finde.
Wenn ich dem Heilande alle Falten meines Herzens eröffne, sagte sie, damit er klar hineinschauen kann, wenn ich mir alle meine Fehler deutlich mache und ihn anflehe, mich von ihnen zu erlösen, so erwächst mir daraus eine wahrhaft himmlische Ruhe. Nach solchen Momenten habe ich die beglückendsten Träume. Fast immer sehe ich dann meine gute Mutter vor mir, aber nicht hinfällig und krank, wie sie in den letzten Jahren unter uns geweilt hat, sondern jung und schön, und doch ohne alle Erdenschwere, ohne die starke Farbe, welche in der Sinnenwelt den Dingen anhaftet. Ich sehe sie auch nicht eigentlich mit dem körperlichen Auge. Es ist eine feinere, edlere Art der Wahrnehmung. Der Geist berührt den Geist, und wäre es nicht zu kühn, so würde ich sagen: so müssen die Jünger den Heiland erkannt haben, als er nach seiner Auferstehung wieder unter ihnen zu wandeln begann.
Und spricht sie zu Ihnen? fragte einer der Anwesenden.
Ja, Gottlob! rief Frau von Uttbrecht und hob die schönen, reich beringten hände andächtig gefaltet empor, während ihre seelenvollen Augen sich dankbar gegen Himmel richteten. Ja, Gottlob, sie spricht zu mir, aber ihre Rede ist mir oft im ersten Augenblicke nicht deutlich. Später erst habe ich es bisweilen an meinen Erlebnissen erkannt, dass es Worte der Verkündigung gewesen sind, die sie zu mir geredet hatte. Wenn aber meine Seele sich nicht ganz frei