Sie es wohl, Ihnen ganz allein! Doch gebe ich Ihnen zu bedenken, dass man dem milden und uns geneigten Sinne Seiner Majestät des Königs, sofern es mit dem Seelenheile der Gräfin zu vereinen ist, nicht entgegentreten darf, und Seine Majestät haben es, wie ich erfahren, der Frau Herzogin zugesagt, bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu sein.
Das war auch mir bekannt, bestätigte der Abbé, und ich war Willens, die Gräfin noch heute darauf vorzubereiten, als Eurer Eminenz Befehl mich hierher rief.
Der Erzbischof wollte offenbar eine Bemerkung machen; er unterdrückte sie jedoch, und nach einigen auf die allgemeinen Ereignisse innerhalb der Kirche bezüglichen Worten war die Unterredung beendet. Als der Abbé sich bereits entfernen wollte, fragte der Erzbischof plötzlich: Und der junge deutsche Edelmann, der Freiherr von Arten, welcher seit dem Einzuge der Fremden in dem Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräfin ebenfalls ihrer Freundschaft würdigt – sollte er es vielleicht sein, der den Ansprüchen des Prinzen entgegensteht?
Der Freiherr von Arten ist seit Jahren heimlich verlobt, antwortete der Abbé.
Heimlich verlobt? wiederholte der Erzbischof. Davon besitzt die Frau Herzogin keine Kunde. Ist die Gräfin davon unterrichtet?
Der Abbé verneinte es. Der Erzbischof fragte, wie Jener die Kenntniss dieses Umstandes gewonnen habe, ob er der Beichtiger des Freiherrn sei.
Nein, Eminenz, ich habe es abgelehnt, ihn beichte zu hören, als er mir sein Vertrauen zuzuwenden wünschte. Ich wollte mir die Freiheit des Handelns nicht beschränken, mir nicht eine Mitwissenschaft und damit zugleich die Pflicht aufdrängen lassen, es nötigenfalls zu verschweigen, was der Freiherr seinen Freunden bis jetzt vorentalten hat, dass er noch bei dem Leben seines Vaters einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen geleistet hat.
Und welche Gründe können ihn bewegen, das verhältnis auch jetzt, auch nach dem tod seines Vaters, noch nicht zu einem bindenden zu machen?
Ich glaube nicht zu irren, wenn ich voraussetze, dass die Neigung des Herrn von Arten für die Entfernte erkaltet und dass sein tägliches Beisammensein mit der Gräfin auf diese Aenderung seines Sinnes nicht ohne Einfluss gewesen ist.
Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbniss des jungen Edelmannes?
Von dem Pfarrer der Kirche, die des Freiherrn Vater auf seinem Stammgute gegründet hat. Die Verlobte des baron lebt mit ihrer Schwester und mit ihrer Mutter in dem freiherrlichen schloss.
Als der Erzbischof den Abbé so wohl unterrichtet fand, erkundigte er sich, wo die Erzieherin der Gräfin geblieben sei, welche er früher mit ihr bei der Herzogin gesehen habe.
Die Gräfin ist es müde geworden, die täglichen Vorstellungen ihrer Erzieherin zu hören, sich täglich gegen das Vertrauen warnen zu lassen, mit dem sie mich beehrt. Miss Arabella ist in ihre Heimat zurückgekehrt.
Nach Haughton Castle? fragte der Erzbischof.
Nein; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt, jede Verbindung zwischen ihnen hat aufgehört, berichtete der Abbé.
Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen, dass er mit dieser Kunde wohl zufrieden war. Freundlicher, als er sich ihm bis dahin gezeigt hatte, reichte er dem Abbé die Hand, der sich neigte und sie küsste. Der Erzbischof segnete ihn mit leichter Berührung seines Hauptes.
Leben Sie wohl, mein lieber Abbé, sprach er, und ermüden Sie nicht in Ihrem Werke, nicht in der Strenge gegen Sich selbst! Es sind der Wege viele, auf denen der Herr die Verirrten zu sich zurückzuführen weiss, und den Irrenden auf den rechten Pfad zu weisen, ist eines der guten Werke, denen der Gläubige sich zu unterziehen hat. Leben Sie wohl! Sie werden mir in einigen Tagen die Kunde bringen, welche Wendung diese Angelegenheit genommen hat.
Zehntes Capitel
Der Mond stand schon hell am Himmel, als der Abbé, von dem erzbischöflichen Palaste kommend, über die brücke ging und sich dem schönen Uferwege zuwendete, an welchem das Palais der Herzogin gelegen war. Er hatte zu jeder Stunde des Tages Zutritt zu demselben, und auch jetzt befand er sich bereits vor dem grossen Portale, aber als er die Schelle ziehen wollte, hielt er die Hand zurück. Er mochte Eleonore jetzt nicht sehen, er mochte Niemanden sehen; er musste mit sich allein sein.
Er schlug den langen, schwarzen Mantel fest um sich und entfernte sich von dem Palaste. Bald langsam, bald in heftiger Bewegung ging er an der Seite des Flusses auf und nieder. Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an den dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen, die sich in vielfachen Reihen an dem Ufer hinziehen. Der Mond goss sein volles Licht über die prächtigen Gebäude aus, deren Fenster zum Teile hell erglänzten. Es war die Stunde, in welcher die vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt. Vor den einzelnen Häusern fuhren die Wagen vor, hier und dort öffneten sich gastlich die Flügel der Einfahrtstüren. Die Stadt erschien, so weit man sie deutlich übersehen konnte, heiter und glänzend, und fern ab zeichneten sich die Spitzen der Kirchen unbestimmt und schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab.
Aber was jedem Anderen an dieser Stelle das Auge erfreut und den Sinn erheitert haben würde, was auch ihn sonst mit Wohlgefallen erfüllt hatte, heute sah der Abbé es nicht. Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele; in raschestem Wechsel zogen abenteuerliche Plane, wilde Vorsätze und Entschlüsse durch sein Gehirn, und aus der glühenden leidenschaft, die in ihm brannte, loderten in einzelnen Augenblicken zukkend die Flammen der