zeitigte. Fehlt mir die Gewissheit, dass das Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werke ist, so geht mir auch die Kraft verloren, welche der Einzelne aus dem Gedanken an die grosse, heilige Gemeinschaft zieht, der er angehört und der er dient. Mein Tun wird fortan ohne Segen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die Vergünstigung zu bitten haben, mich mit einer anderen Aufgabe, fern von hier, betrauen zu wollen.
Der Erzbischof blickte den jüngeren Geistlichen mit festem Auge an. Er wusste, dass der Abbé Paris nicht zu verlassen wünschen konnte. Eben desshalb aber fragte er sich, was denselben bewegen könne, ein so gewagtes Spiel zu spielen; und die gleiche Taktik befolgend, sagte er: Die junge Gräfin Haughton ist schön und Sie sind jung, Herr Abbé! Sind Sie Ihrer selbst gewiss? Sind Sie sicher, dass sich in Ihnen keine Abneigung irgend welcher Art gegen eine Verheiratung der Gräfin regt?
Ich war um ein paar Jahre jünger und die Schönheit der Gräfin stand schon in ihrer vollen Blüte, als Eminenz keiner solchen Frage, keiner solchen Warnung mir gegenüber nötig zu haben glaubten. Ich bin gezwungen, Sie um Aufschluss darüber zu bitten, wer oder was mich einem solchen Verdachte unterwerfen könnte, erwiderte der Abbé, während der ganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in seinem Antlitze sichtbar ward.
Der Erzbischof liess sein Auge unverwandt auf dem vor ihm Stehenden haften. Die Frau Herzogin, sagte er nachdrücklich, lebt des Glaubens, dass die – die Freundschaft, welche die Gräfin Ihnen entgegenbringt, sie hindere, den Bewerbungen des Prinzen ihr Gehör zu leihen, und dass es diese Freundschaft sei, die Sie, Herr Abbé, gegen die Verbindung eingenommen habe, welcher nicht nur die Frau Herzogin, sondern Seine Majestät der König selber günstig ist.
Zum ersten Male röteten sich des jüngeren Priesters Stirn und Wangen, aber es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, welche Bewegung sein Blut in Wallung brachte, und sich schnell bemeisternd, sprach er: Des Menschen Schlüsse stammen und bemessen sich aus seinem eigenen Charakter und seinen eigenen Erfahrungen; ich habe mich also über die Frau Herzogin nicht zu beschweren, wennschon ich sie beklage. Aber wäre und empfände ich, wie sie voraussetzt, so könnte ich nichts Besseres verlangen, als die Gräfin eine Ehe schliessen zu machen, in der sie, weil sie die Jüngere und an Kraft wie an Begabung in jedem Betrachte dem Prinzen überlegen ist, bald Herr und Meister sein und bleiben würde, eine Ehe, bei der ich nicht zu fürchten hätte, auf – er zögerte bei dem Worte gerade so geflissentlich, wie der Erzbischof es vorhin getan hatte – auf die Freundschaft verzichten zu müssen, deren der trübe Sinn der Herzogin mich zeiht. Und, fügte er hinzu, ist der Prinz denn der Mann, der, wenn die religiösen Bedenken der Gräfin überwunden sind, die religiösen Ueberzeugungen in ihr zu würdigen und zu erhalten verstehen würde? Eine natur wie die der Gräfin Haughton wird durch einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden, nicht von ihrem stolzen Selbstgefühle geheilt. Sie wird, so weit ich sie beurteilen kann, überhaupt nicht leicht zur Liebe hingerissen und durch die Liebe auch nicht gewandelt werden. Sie muss in ihrer jetzigen Wesenheit vernichtet werden, wenn sie neugeboren werden soll.
Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein Verdammungsurteil ausgesprochen, aber sie beschwichtigten das Misstrauen des Erzbischofs keineswegs; sie halfen ihm auch nicht aus der Verlegenheit heraus, in welcher er sich befand. Indess der Abbé war jetzt gewarnt. Der Erzbischof hatte ihn daran erinnert, dass das wachsame Auge seiner Vorgesetzten, dass ihre gewaltige Hand über ihm sei, und mit der weisen Umsicht der weltklugen katolischen Kirche, welche es versteht, die nutzbaren Kräfte zusammenzuhalten und sich dieselben dienstbar zu machen, beschloss er, den kühnen und eigenwilligen jungen Geistlichen vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und die Weise suchen zu lassen, auf denen er die Zwecke der Kirche, die Wünsche des Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern für möglich erachten würde. Er wendete sich von ihm und trat an seinen Schreibtisch zurück, von dem er, als komme es ihm zufällig in die Hand, ein Blatt Papier aufnahm, das er zuerst mit den Augen überflog und dann sorgfältig zu lesen schien.
Der Abbé stand ruhig wartend da, bis der Erzbischof das Papier zusammengefaltet und an seine alte Stelle gelegt hatte. Dann verneigte er sich kaum merklich und fragte, ob Eminenz ihm noch weitere Befehle zu geben habe.
Dem Erzbischof war diese Frage willkommen, und weil er dies erwartet, hatte der Abbé sie getan. Auch war der Ausdruck des Erzbischofs plötzlich ein veränderter.
Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen, sagte er, das man Ihnen vor vielen Anderen und schon in jungen Jahren angedeihen lassen, weil man Ihnen die gelegenheit bereiten wollte, die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte ermessen zu lernen. Sie glauben offenbar auch jetzt noch, der Aufgabe, der Sie Sich unterzogen haben, gewachsen zu sein, und Sie scheinen nach einem vorbedachten Plane zu Werke zu gehen.
Der Abbé wollte eine Erklärung, eine Bemerkung machen; der Erzbischof liess es nicht dazu kommen. Ich verlange von Ihnen vorläufig keine Auskunft über den Weg, welchen Sie zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben und weiterhin zu nehmen denken. Der Erfolg oder das Misslingen soll Ihnen, Ihnen allein, Herr Abbé, zugeschrieben werden, merken