1864_Lewald_163_376.txt

, die zur Rechten des Erzbischofs lagen, eine schöne, freie weibliche Handschrift, die ihm sehr genau bekannt war und die hier zu sehen ihn, wie gut er sich auch zu beherrschen gelernt hatte, doch erschreckte.

Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann, hob er, sich schnell fassend, an, von mir Auskunft über die philologischen fragen zu erhalten, mit denen Seine Majestät sich zu beschäftigen geruhten, so darf ich wohl ohne Weiteres berichten, dass Seine Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäussert haben, die mir, wie ich vermute, die Ehre zugewendet hat, heute von Eurer Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden.

Sie haben das Richtige gefunden, Herr Abbé, sprach der Erzbischof mit einer kaum merklichen Neigung seines Hauptes. Dann wies er den Abbé an, sich zu setzen, und sagte: Es sind jetzt drei Jahre her, dass die Frau Herzogin von Duras gegen mich das natürliche und fromme Verlangen äusserte, ihre Nichte, die einzige ihr lebende Blutsverwandte, zu unserer Kirche zurückgeführt zu sehen; und wenn ihr auch der Vorwurf nicht zu ersparen war, dass sie ihrer Zeit sehr übel daran getan hatte, die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer Nichtkatolikin zu betreiben, so war ich es doch wohl zufrieden, als sie das fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte, zu dem wir selber uns des Besten versehen zu können meinten. Woran liegt es, dass die Gräfin Haughton sich noch immer den ihr zugedachten Segnungen entzieht?

Der Abbé schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Die Frage, welche Eure Eminenz mir vorlegen, und die Art, in welcher Sie mir dieselbe vorlegen, beweist mir, dass Sie nicht an meinem Eifer zweifeln, und macht es mir möglich, mich einfach zu erkären. Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung, Ehen zu stiften, einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einer Protestantin hintrieb, so hindert ihr Verlangen, die Gräfin Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu vermählen, den Uebertritt derselben. Hätte die Frau Herzogin die Klugheit und die Mässigung besessen, ihrer Nichte die Plane, welche sie hegte, zu verbergen, so würde sicherlich schon lange geschehen sein, was wir wünschen und für das Seelenheil der Gräfin hoffen müssen.

Der Erzbischof liess die Antwort gelten.

Sie wissen, dass Seine Majestät sich für die gedachte Heirat ausgesprochen hat? sagte er.

Seine Majestät haben, wie ich vorhin die Ehre hatte Eurer Eminenz zu sagen, die Gnade gehabt, sich auch gegen mich dahin zu äussern.

Was haben Sie darauf geantwortet?

Der Abbé richtete sich hoch auf, und mit einem Tone, dessen Festigkeit sehr gegen die Unterordnung abstach, die er bis dahin gegen seinen Vorgesetzten kund gegeben hatte, sprach er: Ich habe geantwortet, was meine Pflicht und mein Gewissen mir geboten. Ich habe geantwortet, dass ich die Bekehrung der hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene heilige Aufgabe betrachte, dass ich mit allen meinen Kräften danach strebe, ihrem Auge das Licht der Wahrheit, ihrer Seele die Gnade zuzuführen, aber dass ich meine Hand nicht dazu bieten könne, die Gräfin in ein Eheband zu verstricken, das durch die Nähe ihrer Blutsverwandtschaft mit dem Prinzen ein verbotenes, das in den Augen unserer Kirche ein Incest ist.

Es entstand eine Pause; der Erzbischof befand sich in einer unangenehmen Verlegenheit, und er wusste, dass sein Untergebener klug und umsichtig genug war, die schwierige Lage vollauf ermessen zu haben, in welche er ihn mit dieser Wendung der Angelegenheit versetzt hatte.

Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es zu loben, wenn ein Diener der Kirche das Gebot derselben über den Willen des Staatsoberhauptes stellte. Er sah es auch nicht ungern, wenn der König dieser Glaubenstreue oder diesem hierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete, und doch hatte man zugleich allen Grund, die besonderen Wünsche und Meinungen des Königs zu schonen und sie zu fördern, weil er seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte grossmütig und ergeben zeigte.

Wer nötigte Sie, zu wissen, was man der Welt geflissentlich verborgen hat? fragte endlich der Erzbischof, die mildeste Form erwählend, in welcher er seine Ansicht von der Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweise des Abbé's zu äussern vermochte.

Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf, und mein Gewissen liess mein Gedächtniss nicht zum Schweigen bringen, entgegnete der Abbé.

Der Erzbischof hatte sich erhoben, der Abbé war seinem Beispiele gefolgt. Sie standen einander gegenüber, beide hoch aufgerichtet, beide voll festen Willens, voll verschwiegener Entschlossenheit sich gegenseitig beobachtend, und beide mit dem Bewusstsein, wie sie, bei der wundervoll berechneten Gliederung und Einrichtung der hierarchischen herrschaft, Einer in des Andern Schicksal einzugreifen, Einer des Andern Zukunft zu fördern oder zu beeinträchtigen vermochten.

Geniessen Sie das Vertrauen der Gräfin? erkundigte sich der Greis.

Im ausgedehntesten Masse, gab der Abbé zur Antwort, und sein Ton und seine Haltung nahmen wieder die frühere Unterwürfigkeit an.

Hoffen Sie, die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugen zu können?

Mit Gottes hülfe zuversichtlich.

Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen?

Der Abbé schien nachzudenken, dann sagte er: Es steht bei Eurer Eminenz, mich von der Aufgabe abzuberufen, zu der Sie mich auf den ausdrücklichen Wunsch der Frau Herzogin erwählten. Sprechen Sie das Wort aus, und ich werde ohne Murren gehen, und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen, was ich mit Vorsicht säete, mit Ausdauer