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zweifle nicht, dass eine solche Erinnerung für die meisten Fälle sehr berechtigt wäre; sie aber kenne den Abbé, und dieser kenne sie. Man möge sie gewähren lassen, wenn man sie nicht zwingen wolle, sich durch eine Uebersiedelung in ihre Heimat jeder lästigen Beeinflussung für immer zu entziehen und ihre Freunde, denn auch Herr von Arten sei ihr ein werter Freund geworden, in der ihr wünschenswerten Unabhängigkeit und Freiheit in Haughton Castle zu empfangen.

Je länger diese Verhältnisse bestanden, um so beunruhigender wurden sie für die Herzogin. Sie musste sich sagen, dass ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem haus lebe, weil sie voraussehe, dass der Abbé sich nicht leicht entschliessen würde, den Hof zu verlassen und auf die Vorteile zu verzichten, welche die stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine Kirche hoffen liess. Wollte die Herzogin ihre alten Plane noch zur Ausführung bringen, so musste sie jetzt mehr als jemals darauf denken, den Abbé selber zu ihrem Werkzeuge zu machen. Dieses zu ermöglichen, gab es aber nur noch Einen Weg, und sie beschloss, ihn einzuschlagen.

Neuntes Capitel

Das Leben am hof hatte seit der Rückkehr der Bourbonen eine völlige Umwandlung erlitten. Die körperliche Unbehülflichkeit des Königs und die mannigfachen Beschwerden, welche ihn im Winter heimzusuchen pflegten, hatten ihn einer spät dauernden Geselligkeit abhold und die grossen Feste in seiner persönlichen Hofhaltung allmählich seltener gemacht.

Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener junger Leute, welche versäumte Freuden nachzuholen haben! konnte man den König, wenn er sich leidlich wohl und in guter Stimmung befand, bisweilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge äussern hören; aber es schienen vorzüglich die Freuden der Tafel zu sein, welche der König damit meinte, und wer gelegenheit hatte, ihn bei denselben zu beobachten, konnte sich versucht fühlen, seine Behauptung wahr zu finden, obschon es fast lauter Greise und Matronen waren, welche die Tafelrunde des alten Königs bildeten.

Eines Abends, als man sich im kleinen Speisesaale von der Mahlzeit erhoben und sich in das angrenzende Gemach begeben hatte, in welchem man den Kaffee einzunehmen pflegte, schien der König, der eben in der letzten Zeit viel von der Gicht zu leiden gehabt hatte, sich schmerzensfrei zu fühlen und desshalb besonders gut gestimmt zu sein. Die Lakaien, welche ihn in seinem Rollsessel aus dem Speisesaale an den Kamin des Nebenzimmers gefahren hatten, waren zurückgetreten und die diensttuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe, um diejenigen Personen, denen der König die Gnade seiner Unterhaltung angedeihen lassen wollte, sofort herbeizurufen.

Schon hatte der König Diesen und Jenen zu sich entboten, und noch immer stand die Herzogin, der Anstrengung solches Dienstes von frühe her gewohnt, fest und aufrecht da, als ob die Last der Jahre sie nicht beugen, als ob keine körperliche Schwäche sie anfechten könne, wenn die Gnadensonne der Majestät sie anstrahle und erwärme. Sie kannte die Weise des Königs, sich zuerst diejenigen Personen vorführen zu lassen, welche er mit wenig Worten abzufertigen gedachte, um sich dann in behaglichem Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit seinen Günstlingen zu ergehen. Einen nach dem Andern sah die Herzogin vortreten und entlassen, ohne dass ihr feines Lächeln von ihren schmalen Lippen wich, ohne dass ihre welke Hand den Fächer auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte, als die schöne Form es erheischte, oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre.

Endlich erteilte der König selber mit einer auffordernden Frage ihr die erlaubnis, sich ihm zu nahen, und auf ein leises Zeichen schob der diensttuende Edelmann ihr das Tabouret herbei, das am hof der Bourbonen zu allen zeiten der Ehrgeiz und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war.

Würdevoll, wie es ihrem Range, wie es ihrem Alter ziemte, und doch mit einer Leichtigkeit, welche es kund gab, dass es hier nicht auf ein langes Verweilen abgesehen sei, hatte die Herzogin das ihr zustehende Tabouret eingenommen. Der König fragte gnädig nach ihrem Ergehen, aber noch ehe sie ihm darauf die Antwort geben können, nannte er jene Frage selber eine müssige.

Man braucht Sie nur zu sehen, sagte er, um sich zu überzeugen, wie sehr Sie Sich getreu geblieben sind. Immer noch unwiderstehlich in Ihrer Liebenswürdigkeit, wissen Sie der Zeit zu widerstehen, wie Sie einst den Huldigungen der Männer widerstanden haben. Die Unwiderstehlichkeit ist erblich unter den Frauen Ihres Hauses, das tut uns Ihre schöne Nichte dar.

Die Herzogin nahm die Gnade des Königs, wie es sich gebührte, auf, und sie war selbst zu sehr eine Künstlerin in der Unterhaltung, um nicht wirklich eine Freude an der epigrammatischen Form zu haben, in welcher der König sich ausgedrückt hatte. Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungen erging, vergass sie es nicht, seufzend hinzuzufügen, dass es Familien-Eigentümlichkeiten gebe, die man nicht wünschen dürfe, fortgeerbt zu sehen.

Ich hoffe, dass Sie zu diesen Gaben nicht die Schönheit, nicht die ewig jugendliche Anmut des Geistes zählen, warnte sie der König. Bedenken Sie, dass es nicht süsser ist, die Schönheit zu besiegen, als sich von ihrer Macht besiegt zu fühlen!

Wie schön! rief die Herzogin, indem sie beistimmend ihr Haupt neigte. Man muss, wie Eure Majestät, die klassische Bildung mit französischem geist einen, um diese Wendungen zu finden! Aber, fügte sie seufzend hinzu, wenn Schönheit ohne Gnade ist, so hört sie auf, ein Gegenstand der Liebe, der Verehrung zu sein, und sie wird furchtbar!

Oh, rief