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er erlebt hatte, wenn er ausser dem haus gewesen war; er konnte darauf rechnen, dass sie ihn immer, auch in der bewegtesten Gesellschaft, mit Vergnügen in ihre Nähe kommen sah, und wie eine Fürstin gestand sie sich das Recht zu, stets über ihn zu verfügen, sei es, dass sie ihn aufforderte, sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu begleiten, oder dass sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte, für welche sie ihn bei einem bevorstehenden Feste zu ihrem Partner zu haben wünschte. Selbst über seine anhänglichkeit an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm, weil seine Aufmerksamkeit für die Greisin sie mancher Verpflichtungen und jener kindlichen Dienstleistungen entob, denen sie sich immer nur widerstrebend unterzogen hatte.

Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmanne ihre Gunst zugewendet, der Abbé war ihr darin zuvorgekommen, und es hatte sich zwischen diesen drei, einander durch ihre Lebenslage so unähnlichen Personen eine Freundschaft herausgebildet, welche Niemandem entging und welche die ungeduldige Aufregung der Herzogin veranlasste. Denn diese Freundschaft konnte ihr, darüber täuschte sie sich nicht, so gefährlich als nützlich werden, konnte ihren Planen dienen oder sie durchkreuzen, und die Fäden, durch welche diese drei Menschen zusammenhingen, waren so eigentümlich verschlungen, berührten die Wünsche der Herzogin so mannigfach, dass sie Anstand nahm, Hand daran zu legen, während sie es für nötig hielt, beständig ihr Auge auf dieselben gerichtet zu halten.

Seit ihre Nichte herangewachsen, war die Verbindung derselben mit dem Prinzen Polydor der vorherrschende Gedanke der Herzogin gewesen, und seit man nach Frankreich zurückgekehrt, hatte sie selber den Abbè mit der gegen diesen offen ausgesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen, dass er die Bekehrung Eleonorens, welche ohnehin dem strenggläubigen und äusserst kirchlichen hof ein wohlgefälliges Ereigniss sein musste, unternehmen möge. Sie hatte sich dabei sorgfältig gehütet, es dem Abbé zu vertrauen, welche Hoffnungen sie auf Eleonorens Uebertritt zur katolischen Kirche baue, und der gewandte Weltmann hatte zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen, um erraten zu lassen, dass ihm klar sei, was man ihm zu verbergen noch für angemessen fand. Nur von Eleonorens Seelenheil war zwischen ihm und der Herzogin die Rede gewesen, nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgniss ausgesprochen, dass ihr und des Abbé's Einfluss auf Eleonore sich notwendig jetzt verringern dürfte, da Eleonore mit ihrem letzten Geburtststage ihre gesetzliche Volljährigkeit erreicht habe, nach welcher es allein von ihrem Ermessen abhing, ob sie noch in Frankreich, ob sie in dem haus ihrer Tante bleiben, oder dasselbe verlassen wolle, um ihren Wohnsitz in ihrem englischen Stammschlosse oder wo sonst immer aufzuschlagen.

Indess der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres achtzehnhundert und siebzehn vorübergegangen, und die Gräfin, welche diesen Tag sonst so lebhaft herbeigesehnt hatte, verweilte noch in Frankreich, verweilte noch im Palast Duras. Sie schien jetzt den Aufentalt in demselben nicht mehr so drückend zu finden, als sonst. Aber wie sehr die Herzogin auch gewünscht hätte, vermochte sie dennoch nicht, diese Sinnesänderung auf ihre Rechnung zu schreiben oder als eine ihren Absichten günstige zu deuten. Selbst ein weniger scharfes Auge und eine Frau, die weniger herzenskundig gewesen wäre, als sie, konnte sich nicht darüber täuschen, was Eleonore in ihrem haus festielt, und doch konnte sie trotz der Besorgnisse, welche sie erfüllten, gar nichts tun, dieselben zu vermindern. Sie hatte sich selbst die hände gebunden und sich mit gebundenen Händen an eine Kraft und an eine Energie überantwortet, welche die ihrige um ein Grosses übertrafen.

Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu machen versuchte, dass deren Gesinnungen in Bezug auf die katolische Kirche und ihr Misstrauen gegen den katolischen Klerus sich wesentlich geändert hätten, so entgegnete Eleonore ihr, dass sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisse festalte. Sie versicherte, dass zwischen ihr und dem Abbé von religiösen oder gar von kirchlichen fragen äusserst selten die Rede sei und dass sie keinen Anlass habe, von dem Klerus, dessen Tun und Treiben ihr verdächtig und unheilvoll erscheine, eine bessere Meinung zu fassen, weil ihr das seltene Glück zu teil geworden sei, unter demselben einem mann zu begegnen, dessen tiefe Bildung und Gelehrsamkeit sie fördere, und dessen weiter, freier blick sich über die engen Schranken zu erheben wisse, in welche der Beruf, den er vielleicht zu frühzeitig und ohne genaue Kenntniss seiner eigenen Begabung und natur erwählt habe, ihn zu bannen strebe. Rühmte man in Eleonorens Beisein, wie man es überhaupt zu tun gewohnt war, die strengen Gesinnungen und den kirchlichen Eifer des Abbé, so schien seine junge Anhängerin dies nicht zu hören, und die Herzogin, der nichts entging, hatte es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenommen, wie der schnelle und leuchtende blick ihrer Nichte dann das Auge des Geistlichen suchte und von ihm mit einem verständnissvollen Lächeln begrüsst und aufgenommen wurde.

Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl, wie sie den Abbé hochschätze und verehre. Sie rühmte es von ihm und auch von sich, dass die völlige Verschiedenheit ihrer religiösen Ueberzeugungen, dass die Ungleichheit ihres Alters und ihrer Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe, Freunde zu werden, weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere seien; und wenn die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab, wie eine solche Freundschaft ihre Gefahren für beide Teile habe, so antwortete die Gräfin mit der Entschiedenheit, welche ihr angeboren und in den letzten Jahren unter der Leitung ihres neuen Freundes noch sehr gewachsen war: sie