dem jungen Freiherrn, dass er bereit sei, sich der Oberaufsicht über seine Angelegenheiten und, wenn die gerichtlichen Schritte deshalb getan sein würden, auch der Vormundschaft über den Knaben Valerio bis zu Renatus' Rückkehr zu unterziehen. Doch werde es ihm, im Hinblicke auf die eigenen, ihn vollauf in Anspruch nehmenden Geschäfte, sehr erwünscht sein, die Heimkehr des Freiherrn nicht in zu ferne Zeit hinausgeschoben zu sehen.
Achtes Capitel
Der Herbst, welcher im Norden sich nur selten und nie auf lange Zeit als ein freundlicher Vermittler zwischen dem Sommer und dem Winter zeigt, entlehnt in den glücklicheren Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme, dem Winter seine klarheit, und niemals hatte er schöner und beständiger auf die Erde und auf das ohnehin so freundliche Paris hinabgeblickt, als in dem warmen, schönen Jahre von achtzehnhundert und siebzehn.
Die Blätter waren bereits lange von den Bäumen abgefallen, die Sonne ging schon früh zur Ruhe, aber die Mittage waren noch hell und warm wie in der besten Jahreszeit, und die Herzogin machte noch alltäglich ihre Fahrten in das Freie, obschon eine gewisse Veränderung mit ihr vorgegangen war. Nicht dass ihre Körperkräfte abgenommen hätten. Sie war immer noch um die gewohnten Stunden sichtbar, schrieb Briefe, empfing Besuche, fuhr zu den kleinen Zirkeln des Königs an den Hof; aber wer wie Renatus gelegenheit hatte, sie genauer zu beobachten, dem konnte es nicht entgehen, dass sie nicht mehr die volle herrschaft über sich besass, dass es ihr oft schwer fiel, den Anschein der gleichmässigen Ruhe zu behaupten, die sonst nie von ihr gewichen war, und dass irgend etwas sie innerlich aufrege und ungeduldig mache.
Trotz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit, mit welcher sie Eleonoren begegnete, deren zurückweisende Kälte sich beständig gleich blieb, sah Renatus es, wie unablässig die Herzogin ihre Nichte beobachtete, und so oft die Letztere mit ihm im Besonderen gesprochen hatte, musste er sich auf irgend welche Erörterungen und fragen gefasst halten, die sich stets auf Eleonoren bezogen und denen zu stehen seinem Ehrgefühle allmählich so lästig ward, dass er trotz des Wohlgefallens, welches er an der Gesellschaft der Herzogin hegte, sich oftmals versucht fühlte, auf ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten. So oft er es jedoch am Abende unerfreulich gefunden hatte, zwischen den beiden einander misstrauenden Frauenzimmern zu leben, und so oft er es sich vorgenommen hatte, am andern Morgen der Herzogin zu sagen, dass sein Dienst ihn nötige, ihr Haus zu verlassen und eine wohnung in der Nähe seines Chefs zu suchen, so fehlte ihm, wenn er das Wort aussprechen sollte, der Mut dazu.
Volle zwei Jahre hatte er jetzt im haus seiner Beschützerin gelebt, und es lag in den äusserlich ruhigen und glatten Lebensgewohnheiten dieses Hauses etwas Verführerisches, etwas, das ihm die Seele einspann und gefangen nahm. Er konnte sich es gar nicht mehr denken, dass er nicht morgen oder übermorgen und heute eben so wie gestern diese breite und gelinde Treppe hinabsteigen, dass er morgen die Herzogin nicht bei guter Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer anmutigen Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am hof besprechen oder sie von den zeiten erzählen hören werde, in denen man seines Lebens anders und besser froh zu werden verstanden habe, als jetzt.
Wenn er erwachte, fragte er sich: Wie wird die Gräfin heute aussehen? Was wird sie heute vorhaben und unternehmen? Wenn er in die Gemächer der Herzogin trat, suchte sein Auge Eleonoren, und es kam ihm vor, als beginne sein eigentliches Tagewerk mit der Minute, in welcher er ihrer ansichtig ward, in welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer Gestalt und ihres Antlitzes ergingen. Sein militärischer Dienst ward ihm jetzt lästig. Der Umgang mit seinen männlichen Altersgenossen, alles, was ihn bei dem ersten Eintritte in Paris und in diese Gesellschaft gefesselt hatte, dünkte ihm nicht mehr wichtig, nicht mehr reizend, wenn es ihn von haus fern hielt. Eleonore zu betrachten, zu sehen, wie die verschiedenen Gemütsbewegungen sich in ihrem Angesichte malten, zu erraten, was sie denke, sich vorzustellen, was sie sagen werde, sich zu freuen, wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatte und er sich also rühmen durfte, dass er sich in Uebereinstimmung mit ihr befunden habe, das waren ihm Genüsse und Freuden, gegen welche alles Andere für ihn verblasste.
Er merkte es nicht, dass wieder ein Sommer entschwunden war, dass wieder ein Herbst vorüberging und der Winter seine herrschaft geltend machte. Er lebte wie in einer besonderen Welt, wie unter dem Einflusse eines Zaubers; und so gross war die Gewalt desselben, dass er sich über den Zustand gar nicht wunderte, in welchem er sich befand, sondern, dass er ihm als der natürliche, als der einzig mögliche erschien. Er war heiter und es war ihm wohl. Das war alles, was er fühlte, was er dachte, wenn nicht Briefe aus der Heimat ihn in seinem Frieden stören kamen.
Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf, ihn zu verletzen. Er war es gewohnt worden, dass sie ihrer Tante kalt begegnete. Der Stolz, die Herbigkeit passten so vollkommen zu ihrer eigenartigen Schönheit, und er selber hatte ja seit der Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen dürfen. Wie ihm ihre Weise, so war auch der Gräfin seine Gesellschaft mit der Zeit lieb und vertraut geworden. Sie fragte ihn um die Stunden, welche sein Dienst beanspruchte, sie liess sich von ihm berichten, was