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seitdem verflossen, ist kurz genug; aber blicke um Dich und frage heute nach, und Du wirst erfahren, was Dich nicht erfreut! Wo ist die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben, die zur Zeit des Tugendbundes ohne Dich kaum leben zu können behauptete? Wo zeigt sich noch die grosse Verehrung, welche Hildegard für Dich hatte? Seit der Freiherr von Arten ihnen ein Asyl in seinem schloss angeboten hat, seit die alte Ordnung der Dinge wieder hergestellt, ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden, und von Hildegard's Verehrung ist auch nichts mehr zu hören. Und vollends nun im Heere! Wir Landwehrmänner sind, wie es sich gebührt, zu unserem Herde, zu unserer Arbeit, zu einer schaffenden Tätigkeit zurückgekehrt. Die Wunden, welche der Krieg dem land geschlagen, verlangen ihre Heilung. Die Junker aber stehen und bleiben in der Armee nach wie vor, auch im tiefsten Frieden, in Reihe und Glied beisammen, und schon jetzt wieder fühlen sie sich als die alte Kaste. Nur noch eine kleine Geduld, und sie werden es vergessen haben, dass es nicht eine, dass es sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist, welche das Joch der Fremdherrschaft von uns genommen hat, sondern dass der König seinen Tron und wir unsere Befreiung der grossen, ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben, der sich mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf gestürzt und geholfen hat, ihn glorreich auszufechten.

Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf und nieder. Da gesellte sich Davide abermals zu ihm, und ihren Arm wieder in den seinigen legend, fragte sie: Du bist also entschlossen, das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen?

Ja, denn es ist sicherlich das Klügste, was ich tun kann.

Die beiden Frauen schwiegen; aber Paul konnte bemerken, dass es ihm dieses Mal nicht gelungen war, sie zu seiner Meinung hinüberzuziehen, und er wollte eben das Gemach verlassen, um dem Freiherrn zu melden, dass er dessen Wünschen nicht entsprechen könne, als Seba ihn mit der Bitte anging, ihr zu Liebe von seinem Vorsatze abzustehen. Sie behauptete, man dürfe im besonderen Falle, und er dürfe gerade in diesem besonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten lassen, was man gegen die Gesammteit, welcher jener zufällig angehöre, einzuwenden habe. Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne, habe vielmehr die sittliche Aufgabe, die weniger Freien so viel als möglich an sich heranzuziehen, um ihnen den Weg zu richtigeren Anschauungen zu eröffnen; und als Paul darauf den Einwand machte, dass ihre Güte sie zu falschen Schlüssen und Urteilen verleite, erklärte sie, dass, wie sie auch irren möge, sie sich doch von dem guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen Freiherrn völlig überzeugt halte. Schon dass Renatus sich eben an Paul wende, verbürge ihr, wie die Erfahrungen der letzten Jahre für Renatus Frucht getragen hätten. Es könne ihm ja in seiner Familie, unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen fehlen, die ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht anstehen würden. Wenn er trotzdem es eben Paul zu übertragen wünsche, dessen Abstammung von dem verstorbenen Freiherrn Franz für Renatus kein geheimnis sei, wenn er einen Bürgerlichen, dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne, wenn er endlich einen Kaufmann zum Berater und Vertrauensmanne der Familie zu machen sich entschliesse, von dessen weitgreifender Tätigkeit, von dessen energischer Handlungsweise er vielfach durch sie selber habe sprechen hören, so leiste dieses alles dafür Bürgschaft, dass Renatus von der gegenwärtigen Zeit und von dem, was ihm selber Not tue, mehr, weit mehr begriffen habe, als Paul anzunehmen scheine. Sie wiederholte darauf ihre Bitte mit dem Zusatze, dass Paul nach ihrem Empfinden ein entschiedenes Unrecht tun würde, einen Rat- und Beistandsuchenden, der, Paul möge sagen, was er wolle, doch immer seines Vaters Sohn, sein Halbbruder sei, ohne alle bestimmten Gründe von sich zu stossen; und als hätte sie in des jungen Edelmannes Seele gelesen, bemerkte sie, wie es vielleicht gerade diese Zusammengehörigkeit, wie es wohl das Zutrauen zu dem Sohne seines Vaters sein möge, welches Renatus zu Paul hingeführt habe und ihn seine Hoffnung auf denselben setzen lasse.

Aber gerade diese letzte Mutmassung fand vor dem verstand Paul's nicht Gnade. Ich begehre eines solchen ererbten und auf keine vernünftigen Gründe zurückzuleitenden Vertrauens nicht, am wenigsten, wo ich's nicht teile! versetzte er kurz.

Als dann aber auch Davide in ihn drang, den Bitten der Cousine nachzugeben, als sie ihm versicherte, dass es sie glücklich machen und dass sie stolz darauf sein würde, wenn er der Arten'schen Familie mit grossmütiger Freiheit des Sinnes beistehen wolle, wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen Anlasse um seiner hülfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe, sagte er: Alle Eure Vorstellungen beweisen mir nur, dass auch in Euch die in Europa leider noch so verbreitete Voreingenommenheit für die alten Familien und die alten Namen tiefer wurzelt, als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu vermuten Ursache hatte. Aber sei es drum; vielleicht erhaltet Ihr einen neuen Beitrag zur Menschenkenntniss und zur Kenntniss des Adels, der Euch aufklärt! Ihr sollt Euren Willen haben! Und es wird nicht an mir liegen, wenn sich Dein Begehren, liebe Seba, dass ich dem Sohne Deiner Freundin nützlich werden möchte, nicht erfüllt, wie Du es wünschest!

Ohne ihre Antwort abzuwarten, verliess er sie. Aber noch in derselben Stunde schrieb er