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, dass ich ihn dem Freiherrn wenigstens bis zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann, ohne ihm zu Vermutungen über mich Ursache zu geben, die jedes Anhaltes entbehren; und doch wollte ich, ich fände einen Anlass, mich von dem Anspruche wie von der Leistung zu befreien!

Paul stand auf, ging an das Fenster und blickte eine Weile schweigend hinaus. Da trat Davide zu ihm, legte ihren Arm in den seinigen und fragte: Besorgst Du denn irgend welche Unannehmlichkeiten für Dich, wenn Du das Verlangen des baron erfüllst?

Paul besann sich. Einen eigentlichen Nachteil für mich befürchte ich nicht, gab er ihr zur Antwort. Aber, fügte er hinzu, und die Frauen erkannten an seinem Tone, dass der Unmut in ihm rege wurde, aber an Unannehmlichkeiten würde es dabei für mich nicht fehlen; denn Ihr kennt meine Unlust an allem halben Tun und meine Abneigung, mich mit den Angelegenheiten einer Kaste zu befassen, welche sich schon durch ihre blosse Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und über sie erhaben glaubt. Ihr wisst, ich habe die im Ganzen stets kleinlichen Geschäfte, welche der Vater mit dem Adel des Landes zu machen pflegte, nach und nach völlig von uns abgewiesen. Sie sagten mir nicht zu, und ich ziehe es ohnehin vor, mit meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen!

Seba schwieg noch einen Augenblick, um seiner Stimmung zum Ausklingen die Zeit lassen, dann sagte sie: Du tadelst uns, und stets mit Recht, wenn Du uns in einem Vorurteile befangen findest. Ist Deine Abneigung gegen den Adel im Allgemeinen denn nicht auch ein Vorurteil, wie jedes im Allgemeinen über einen ganzen Stand gefällte Urteil?

Nein, versetzte Paul, und es überrascht mich, in Dir einen heimlichen Bundesgenossen des jungen Freiherrn, ja, eine Art von Vorliebe für den Adel zu entdecken, die ich, ich möchte sagen, in Deinem Tone mehr noch als in Deinen Worten höre. Deine bittende, entschuldigende stimme spricht für sie, und ... Er hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer Bitterkeit: Du weisst es, dünkt mich, es waren nicht die Herren von Arten, die zuerst den Widerwillen gegen die Adelskaste in mein Herz gedrückt haben!

Es entstand eine Pause; Seba war bleich geworden. Paul, der sich nur selten zu einer Härte hinreissen liess, besonders wo diese einem geliebten Menschen schmerzlich werden konnte, bereute seine Uebereilung auch sofort. Und wie er eben jetzt von dem Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegangen war, versuchte er nun, von diesem zu jenem seinen Rückweg zu finden.

Von einem wirklichen Vorurteile, hob er an, kann, wie mich dünkt, überhaupt nur da die Rede sein, wo es sich um blosse Meinungen, um Vermutungen, um unbestimmte Abneigungen, nicht aber, wo es sich um ganz entschiedene Tatsachen und um sehr wesentliche Vorrechte handelt, welche noch in jedem Augenblicke von einem bis jetzt vielfach bevorzugten Teile der Staatsangehörigen gegen alle übrigen Staatsbürger geltend gemacht werden können. So lange es noch Gesellschaften gibt, die sich einem Bürgerlichen bloss um seines Blutes willen verschliessen, Würden und Aemter, die man ihm aus gleichem grund vorentält, so lange die Heirat eines Edelmannes mit der edelsten Tochter einer ehrenhaften bürgerlichen Familie, mag des Adeligen Charakter noch so elend, sein Ruf noch so zweifelhaft sein, von seines Gleichen als eine Missheirat angesehen wird, die in gewissen Fällen der Staat als eine solche gesetzlich anzuerkennen nicht Bedenken trägt, ja, so lange selbst die Arbeit, die ich tue, der Handel, auf dem mein Wohlstand und mein Stolz, wie der ganze grosse Weltverkehr beruhen, als ein dem Adeligen nicht anstehendes Tun erachtet wird, so lange fühle ich mich nicht berufen, die Hand dazu zu bieten, dass diesen alten Geschlechtern neben ihren ererbten Vorrechten auch noch ihr ererbter Besitz trotz ihres oft hochmütigen und müssiggängerischen Leichtsinnes erhalten bleibe.

Der Stolz auf ihr Blut, vergiss das nicht, ist in ihnen völlig unabhängig von ihrem Besitze, wendete Seba ein.

Aber die Besitzlosigkeit zwingt sie, sich in Arbeit und Gewerbe aller Art zu uns zu gesellen und damit ihren Ansprüchen auf eine Ausnahmestellung so notwendig zu entsagen, als sie genötigt gewesen sind, aus ihren einsamen Burgen und Raubnestern in die Städte und in das flache Land hinunter zu ziehen. Ausnahmestellungen verschlechtern den, der sie inne hat, wie sie auch jenem zu nahe treten, gegen den sie sich richten.

Willst Du es geflissentlich verkennen, fragte Seba, deren hoher Sinn es sich zur Aufgabe gemacht hatte, selbst da gerecht und mild zu sein, wo sie am meisten Anlass zur Strenge und zur Verdammung hatte, willst Du es verkennen, dass die letzten Jahrzehnde viel, sehr viel in jenen Zuständen geändert haben, deren Du gedenkst? Haben wir uns nicht lange vor den Freiheitskriegen in dem gemeinsamen Bestreben, für die Erhebung des Vaterlandes zu wirken, mit Personen aller Stände, mit den Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender Begeisterung und Einigkeit zusammengefunden? Habt ihr nicht Mann an Mann in Reihe und Glied gestanden, der Bürger wie der Edelmann?

Ja, entgegnete Paul, und es ging ein düsterer Schatten über seine festen, ernsten Züge, ja, so lange Not am mann war, so lange der Mann seinen Mann zu stehen hatte und man die Landwehr brauchte, sich des Feindes zu erwehren! – Er hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne. Dann sprach er mit ernstem Gewichte: Die Spanne Zeit, die