er gab ihr daneben zu bedenken, dass die Welt nicht überall ihrem Vaterhause gleichen könne, dass man nicht überall die strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als Massstab nehmen dürfe. Er forderte Duldsamkeit von Angelika, und er vergass, dass die Jugend nicht duldsam sein kann, weil nur die Erfahrung jene Nachsicht mit der Schwäche des Menschen und jene Weltklugheit erzeugt, die in den meisten Fällen schon ein Abweichen von dem Moralgesetze in sich schliesst. Angelika hätte von sich selbst abzufallen geglaubt, wenn sie duldsam gegen das Unrecht gewesen wäre, und sie konnte nicht aufhören, sich die Frage vorzulegen, was ihren Gatten bewogen haben möge, eben jetzt, da sie seine Frau geworden war, mit ihr eine Gesellschaft aufzusuchen, deren Sittenlosigkeit so offenkundig war, und in welcher keine ihr bekannte Ursache sein Verweilen forderte. Er büsste dadurch in ihren Augen einen teil der Würdigkeit ein, unter welcher er ihr bisher erschienen war, und sie wusste es ihm keinen Dank, dass er sie ruhig der galanten Bewerbung der Männer überliess, dass er ihr im Vertrauen auf ihre Jugend grosse Freiheit für ihr Handeln gewährte, ja, es schien ihr dies eine Gleichgültigkeit zu verraten, welche sie betrübte.
Was man daneben in der zur Gewohnheit gewordenen Leichtfertigkeit jener Tage, selbst im Beisein der jungen Frau, von dem früheren Leben und von den Abenteuern des baron bald erzählte, bald erraten liess, verstimmte oder verletzte sie eben so sehr. Sie sah, dass er auch jetzt noch um die Frauen bemüht war, dass sie seine Huldigungen mit Vergnügen aufnahmen, dass sie ihm mit Zuvorkommenheit begegneten und dass er sich daran erfreute; und sie hatte leider Niemanden in ihrer Nähe, der es ihr begreiflich gemacht hätte, wie viel dem älteren mann, ganz abgesehen von seiner angeborenen Neigung zur Galanterie, daran gelegen sein musste, seinem jüngeren weib darzutun, dass er auch anderen Frauen noch zu gefallen und überall noch Beifall zu erringen vermöge.
Indess jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich, und der glänzenden Erscheinung, welche der Baron noch immer in der Gesellschaft machte, stand die unausbleibliche Abspannung in der Ruhe des Hauses bedenklich gegenüber. In Gegenwart von Fremden stets heiter angeregt, überfiel ihn oft plötzlich eine tiefe Niedergeschlagenheit, wenn er sich mit Angelika allein befand, und mehrmals, wenn er sich von ihr unbeachtet glaubte, nahm sie einen Ausdruck von Kummer und Schmerz in seinen Mienen wahr, vor dem sie erschrak. Mit all der Liebe, welche sie für ihn hegte, bemühte sie sich, den Grund dieses Wechsels zu erkennen, aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den Zustand nicht, sondern machte den Baron in der Regel nur noch trüber, ja, es beunruhigte ihn offenbar. Er zwang sich dann zu einer Heiterkeit, welche ihn ermüdete, ohne Angelika zu täuschen, und wie sehr sie es sich wegzuleugnen wünschte, konnte sie es sich nicht verbergen, dass sie nicht den ihr gebührenden vollen Anteil an dem Leben ihres Mannes besitze. Sie sah, dass er einen Kummer hatte, den er ihr verschwieg; ihn erheiterten Vergnügungen, für welche ihr der Sinn gebrach, ihn zogen Menschen an, von denen sie sich zurückgestossen fühlte; er suchte Gesellschaft, sie wünschte ihn für sich allein zu haben, und der Gedanke, dass sie ihm jetzt ferner stehe, als vor ihrer Hochzeit, drängte sich ihr oftmals entmutigend auf.
Sie wurde dadurch irre an sich selbst. Sie beneidete die Frauen, welche er ihr als seine früheren Bekannten bezeichnete, welche es so trefflich verstanden, ihn bei guter Laune zu erhalten, und doch missfielen sie ihr, doch missfiel ihr selbst die spielende Weise, in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte. Eine Abneigung gegen den Hof, gegen die grosse Welt und gegen die Frauen in derselben erfüllte Angelika's Herz. Sie waren es, davon hielt sie sich überzeugt, welche zwischen ihr und ihrem mann standen; auf sie, auf Eine von ihnen mussten sich die Erinnerungen und das geheimnis beziehen, die den Freiherrn bedrückten, und die Frage, ob eine der Damen dieser Gesellschaft und welche von ihnen Pauline heisse oder eine Verwandte dieses Namens habe, war stets die erste, die ihr bei jeder neuen Begegnung mit fremden Frauen in den Sinn kam.
Der Baron bemerkte die Veränderung, welche sich in Angelika's Seele vollzogen hatte, aber er fand es nicht geraten, sich gegen sie darüber zu äussern. An ein Uebel, dem man keine Abhülfe zu bringen im stand ist, müsse man, meinte er, nicht rühren, und da er sich ohnedem der Hoffnung hingeben durfte, dass die Zeit ihm für seine Reue Linderung bringen, dass er allmählich aufhören werde, daran zu denken, wie Pauline umgekommen sei, und dass Angelika ihn dann gleichmässiger finden und die alte volle Hingebung sich zwischen ihnen wieder feststellen werde, so war er nur darauf bedacht, seiner jungen Gemahlin so wenig Zeit als möglich für ihr einsames Brüten und Grübeln frei zu lassen.
Die Residenz war damals voll von Fremden, denn der König liebte das Vergnügen und war nichts weniger als schwierig in der Wahl desselben. An einem hof aber, an welchem die grösste Unsittlichkeit und ein phantastischer Wunderglaube sich die Hand reichten, an dem jeder ernste Gedanke gemieden und jedes Spiel mit dem Geheimnissvollen eifrig aufgesucht wurde, konnte es nicht fehlen, dass ein betäubender, hastiger Lebensgenuss als die höchste Aufgabe der Gesellschaft angesehen wurde. Feste folgten den Festen, kleine, vertraute Zusammenkünfte füllten die Pausen aus, und