mit Erstaunen, wie ich mich also an falsche Begriffe verlieren konnte! Denn legte ich auf die Verwandtschaft, auf die Zusammengehörigkeit mit dem Arten'schen haus irgend einen Wert, nun, so täte ich vielleicht recht und klug daran, die mir gebotene Handhabe zu ergreifen! Gebe ich aber, wie dies der Fall ist, nichts auf meine Abstammung von ihnen, so ist, wie Du mit Recht behauptest, vollends kein Grund vorhanden, wesshalb ich ein an und für sich gutes Zutrauen von mir weisen sollte! Und wenn ich daneben mein inneres Widerstreben immer wieder fühle, so frage ich mich mit Fug und Recht: Was habe ich mit diesen Artens denn gemein, dass ich befürchten müsste, für oder wider sie in einem Grade eingenommen zu sein, der mein Tun und Lassen bis zu einer ungerechtfertigten Handlungsweise beeinflussen könnte?
Seba blickte ihn mit Ueberraschung an, und auch Davide hob ihre sanften, klugen Augen fragend zu ihm empor, als die Erstere die Worte aussprach: Was Du gemein mit ihnen hast? – Der Freiherr von Arten war Dein Vater!
Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger, weiter nichts! Ein Vater hat er mir nicht sein wollen, ist er mir nicht gewesen! entgegnete Paul bestimmt. Und, fügte er hinzu, die Zeit, die Knabenzeit, in welcher ich dieses Letztere als ein Unglück für mich empfand, liegt sehr fern hinter mir! Der Baron von Arten lebte und handelte nach sehr falschen, sehr verwerflichen Begriffen, als er das verwaiste, nicht zu seiner Kaste gehörende Mädchen je nach seiner Laune und nach seinem Bedürfen an sich kettete und von sich stiess, als er es zu dem Opfer seiner Wollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer brachte. Aber er handelte darin nicht besser und nicht schlechter, wie unzählige Andere auch! Mein Dasein hat ihn sicherlich nur bis zu dem Augenblicke gefreut, in welchem er meine Mutter von sich zu entfernen wünschte – ich habe ihm für dasselbe also keinen besonderen Dank zu zollen, denn die höchsten Vaterrechte und die wahre Kindesliebe werden für den denkenden Menschen nicht angeboren, sondern durch die dem kind gespendete Liebe erworben! Der Freiherr hat meine Liebe nicht begehrt, und als ich nach der seinigen Verlangen trug, ist sie mir nicht zu teil geworden! Den Tod meiner Mutter hat er, dess bin ich gewiss, eben so wenig gewollt, als ich die kranke Baronin zu erschrecken und zu gefährden beabsichtigte, da ich in Deines Vaters Laden vor sie hintrat! Mit seinem kalten Blicke hat er mich in die Welt hinausgetrieben, weil mein früh erwachtes und von Dir gepflegtes Selbstgefühl es nicht ertragen konnte, Wohltaten von demjenigen anzunehmen, der uns zu verläugnen nötig findet! Und ich bin dann in einer Anwandlung von Empfindsamkeit, der nachzugeben ich nicht wohlgetan habe, ihm vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise gegenüber getreten, die ihn quälte und mich nicht erfreute! Der Freiherr Franz von Arten und ich, wir waren also völlig mit einander quitt!
Seba schüttelte leise verneinend das Haupt. Wissentlich oder nicht – ich glaube, Du täuschest Dich über Dich selbst, bemerkte sie – Du grollst dem Freiherrn noch!
Nein! beteuerte er, wie könnte ich das, da ich meine Flucht aus Europa schon zeitig als ein Glück für mich erkennen lernte? Hat sie allein mich doch zu der inneren und äusseren Selbständigkeit geführt, die ich im Weissenbach'schen haus und in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder doch weit später erst errungen haben würde! Muss ich Dir heute noch versichern, dass ich mit meinem Lebensgange und Lebensloose ganz und gar zufrieden bin, weil sie mir für alle meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung, für all mein Wollen und Tun eine völlige Freiheit gewähren! Was hat das Leben mir denn versagt? Was könnte ich wünschen, das ich mir nicht zu erringen vermöchte? Oder was besitzt Renatus, des Freiherrn Erbe, um das ich ihn zu beneiden hätte? – Und vollends seit Du mir gewiss bist, seit Dir, Du Geliebte, zu Gute kommen soll, was ich schaffe und bin, fügte er zärtlich hinzu, Davide in seine arme schliessend – was könnte ich noch verlangen?
Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für überwunden. Der Unterschied, den Du zwischen einem Erzeuger und einem Vater machst, widerstrebt meinem ganzen Empfinden, sagte sie. Der Mensch hängt, wie ich es fühle, unzertrennbar mit denen zusammen, denen er sein Dasein schuldet. Er kann sich nicht denken, ohne an sie zu denken – sie sind seine Voraussetzung. Und war es denn nicht ein Gefühl der brüderlichen Zusammengehörigkeit, mit welchem Du, Renatus erkennend, ihm trotz eigener Gefahr zu hülfe eiltest?
Du irrst, Liebe! In jenem Augenblicke dachte ich gewiss an nichts und an Niemanden weniger, als an irgend eine Verwandtschaft mit dem Herrn von Arten! Ich eilte einem Angegriffenen, einem Kameraden zu hülfe und erkannte in ihm den jungen Freiherrn! Welchem Bedrängten hätte ich, hätte jeder Andere nicht das Nämliche getan?
Was aber kann Dich also zögern machen, den Auftrag von Renatus anzunehmen und seinem bittenden Wunsche zu entsprechen? Du würdest keinem Andern an seiner Stelle diesen Dienst verweigern, wie mich dünkt!
Nein, gewiss nicht, entgegnete ihr Paul, und das eben ist es, was mich die Tage hier innerlich belästigt hat! Ich wiederhole es mir, dass ich keinen ausreichenden Grund habe, mich dieses Dienstes zu weigern