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selbst achtender Mann, nach reiflicher überlegung und mit einem Vertrauen gehandelt zu haben, das mancher Andere in ähnlicher Lage Paul nicht bewiesen haben würde und das anzuerkennen derselbe sicherlich nicht ermangeln könne. Ja, er machte sich endlich geradezu darauf gefasst, sich von dem geschmeichelten Ehrgefühle seines Bastardbruders jetzt für alle Zeit jedes Besten versehen zu dürfen. Er rechnete sich, wie gar Mancher, seine Aufwallungen von guter Empfindung, auch wenn er es, wie eben jetzt, für recht befunden hatte, sie schnell wieder zu unterdrücken, als gute Taten an, deren Anerkennung und Belohnung ihm von dem Leben nicht vorentalten werden dürfe, und er gewann damit nichts als die Möglichkeit, sich über das Leben und über die Menschen zu beklagen, wenn sie ihm für das Nichtgeschehene nicht zu danken vermochten und ihn nicht schätzten, wie er selbst sich beurteilte und hochhielt. –

Es verging eine geraume Zeit, ehe Paul von dem jungen Freiherrn die lange ausgebliebene Antwort auf die Todesanzeige des Herrn Flies erhielt. Da Renatus dieselbe nicht, wie es sich eigentlich gebührte, an die Firma, sondern im Style und Tone eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte, liess dieser den Brief sofort verzeichnen, aber er behielt ihn auf seinem Pulte liegen, denn er war nicht mit sich einig, was er tun und wofür er sich entscheiden sollte. Ein paar Tage lang erwog er diese Angelegenheit still mit sich allein, dann trug er sie, als er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden zusammenfand, gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor.

Es begegnet mir selten, sagte er mit seinem schlichten Ernste, nachdem er ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatte, dass ich mir über meine Gedanken und Empfindungen keine rechte klare Rechenschaft zu geben vermag, und wo dieses der Fall ist, zögere ich mit meinen Entschlüssen. Ich hatte Anfangs die Absicht, das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres zurückzuweisen, weil er mit der geflissentlichen Rückhaltigkeit der Kaste, welcher er angehört, sich Dank von mir verdienen möchte, wo er mir viel Mühe und mannichfache Verantwortungen auferlegt. Ich wollte seiner halben Wahrheit mit dem ganzen Geständnisse entgegentreten, dass es mir nicht wünschenswert sei, in das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden, weil ich selbst in dessen geheime geschichte verwickelt bin. Damit ich dann aber auch völlig des äusseren Zusammenhanges mit der freiherrlichen Familie ledig würde, beabsichtigte ich Deine Capitalien, liebe Seba, von Rotenfeld und Neudorf zurückzuziehen und sie hier unter meinen Augen anderweit unterzubringen. Aber ...

Hältst Du sie auf den Gütern irgendwie gefährdet? unterbrach ihn Seba.

Paul verneinte dies, da es erste Hypoteken wären und der blosse Bodenwert der Güter sehr bedeutend sei.

So lass das Geld dort stehen, bat die Freundin. Renatus ist der Sohn meiner teuersten Freundin, meiner unvergesslichen Angelika! Man soll nicht glauben ...

Sie hielt inne, und da Paul sie darauf fragend ansah, sprach sie: Es lebt doch eine Anzahl von Personen, die um Deine Herkunft wissen. Ich möchte nicht, dass irgend Jemand Dir den Vorwurf machen könnte, Du habest aus persönlichem Uebelwollen die ohnehin nicht günstige Lage der Arten'schen Familie noch verschlimmert. Und wenn Du in Dir selber ungewiss gewesen bist, wie Du handeln solltest, so bitte ich Dich, da mir obenein nach Deiner Meinung kein Nachteil daraus erwächst, ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verhältnissen!

Paul gab ihr darin Recht. Ich hatte mich in Bezug auf die Hypotek, sagte er, bereits in Deinem Sinne entschieden; denn wenn es überall töricht ist, sich unnötig einer übeln Nachrede auszusetzen, so hat der Kaufmann doppelt Ursache, sich vor einer solchen zu bewahren. Seine Unternehmungen wie seine Erfolge sind vielfach auf das Vertrauen begründet, dessen er geniesst, und es ist nicht der Nachteil, sondern der Vorteil, den wir unseren Geschäftsverbündeten bereiten, welcher uns den eigenen, dauernden Gewinn verbürgt. Darüber also, dass Dein Capital auf Rotenfeld verbleiben soll, war ich selbst nicht mehr in Zweifel; nur ob ich wohl daran tun würde, das Amt zu übernehmen, welches Renatus Deinem Vater übertragen hatte und das er nun auf meine Schultern legen möchte, das habe ich mir noch nicht klar gemacht.

Du meinst, hob Seba an, es stehe Dir nicht zu, Dich zum Berater und Vertrauten eben der Arten'schen Familie herzugeben, weil man vermuten könnte, Du seiest in ihren Angelegenheiten nicht völlig unparteiisch? Aber wenn Du wirklich teil an ihnen nimmst und Renatus die Zuversicht zu Dir hat, dass Du ihm helfen könntest, so weiss ich nicht, warum Du dieser nicht entsprechen solltest? Du pflegtest doch vor dem Urteile der Unverständigen nicht leicht Scheu zu tragen!

Paul hatte sie ruhig sprechen lassen. Als sie geendet hatte, sagte er: Ich mache, da ich Dich, Liebe, reden hörte, eine Erfahrung, die sich mir oft bestätigt hat und die sich mir jetzt eben deutlich wiederholt. Man braucht mitunter einen unrichtigen Gedanken, den man selbst gehegt hat, nur von einem Andern aussprechen zu hören, um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen und auch die trübe Quelle zu entdecken, aus der er stammt. Ich habe mich, wie ich eben merke, bisher wirklich mit den Vorstellungen herumgeschlagen, deren Du gedenkst. Nun sehe ich, dass es lauter leere Schemen sind, die man nur fest in's Auge zu fassen braucht, damit sie in ihr Nichts verschwinden, und ich frage mich