, dass mir Macht und Einfluss und Befriedigung in dem Bereiche des Lebens nicht geboten werden können, in welchen meine Geburt und mein Besitz mich stellen?
Das wird, wie ich Ihnen, teure Gräfin, schon vorhin bemerkte, einzig und allein von Ihrer einstigen Entscheidung über Sich selbst abhangen! entgegnete er ihr bestimmt, und wieder entstand eine Pause, die zu beenden der Abbé sich weislich hütete. Er kannte den heftigen Charakter, die leidenschaftliche natur der Gräfin und wusste, dass Niemand von einem fremden Willen so schnell vorwärts, so über sein eigentliches Ziel hinausgetrieben wird, als von der Ungeduld des eigenen, an Warten und Ertragen nicht gewöhnten Herzens, und er hatte sich auch diesmal in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht. Denn mit einer Miene, in welcher ihre Selbstüberwindung und ihre feste Entschlossenheit sich verrieten, sprach sie plötzlich: Sie haben mir eine Aufrichtigkeit gegönnt, die mich stolz macht und mich Ihnen zu Dank verpflichtet, Herr Abbé! Ich räume Ihnen ein, dass Sie meine natur besser erkannt haben, als die Andern alle; aber die Strasse, die Sie mich führen möchten, werde ich nicht gehen! Hindert Sie das, mir die Hand zu bieten und mir beizustehen auf dem Wege, den ich mir erwähle? Ich habe der Verehrer, seit ich in die Gesellschaft eintrat, nicht entbehrt; einen Mann, der sich beschieden hätte, mir ein Freund zu sein, habe ich nicht gefunden! Können, wollen Sie mir ein Freund, ein Berater werden? Ich brauche einen solchen, und – ich vertraue Ihnen! fügte sie mit einer Miene und einem Tone hinzu, die selbst auf den Abbé, so ruhig und mit so viel Selbstbefriedigung er sie betrachtete, ihre wirkung nicht verfehlten, weil die ganze Ueberwindung, die sie in sich vollzogen hatte, sich in ihnen kund gab.
Sie hielt ihm die Hand hin, er ergriff sie auf's Neue mit einem festen Drucke, als habe er es mit einem mann zu tun. Ich danke Ihnen, Gräfin! befehlen Sie über mich! – Das war alles, was er ihr zur Antwort gab. Aber Eleonore ward von seinen Worten tief erschüttert. Sie konnte sich nicht erklären, was sie so bewegte, sie musste sich sammeln, sich zusammennehmen, und es war endlich nur das Bestreben, von sich selber loszukommen und Herr über ihre innere Aufregung zu werden, welches sie bestimmte, die Frage nach der Mutter des Prinzen zu wiederholen.
Sie setzen mich gleich auf eine schwere probe, meine junge Freundin, sagte der Abbé, denn ich laufe Gefahr, das eben von Ihnen erlangte Zutrauen zu verlieren, wenn ich Ihnen mitteile, was ich allerdings nicht als ein geheimnis, sondern aus der Mitwissenschaft der Zeitgenossen über jene Verhältnisse erfahren habe. Prinz Polydor steht Ihnen näher, als Sie wissen oder ahnen, meine teure Gräfin, und eben das liess mich nach den Begriffen unserer Kirche vor dem Gedanken, dass Sie ihm verbunden werden könnten, Bedenken tragen, ja erschrecken.
Sie verhiessen mir die Wahrheit und sprechen in Rätseln zu mir! beklagte sich Eleonore, wie soll ich Sie verstehen?
Der Abbé sah auf den breiträndigen, zusammengeschlagenen Hut hernieder, den er in seinen Händen hielt. Es sind traurige Ereignisse, es ist eine schwere Sünde, von denen Sie Kunde begehren, sagte er, und doch müssen Sie erfahren, was Sie nur zu nahe angeht und was ausser Ihnen kaum für Jemanden ein geheimnis ist. Es hat durch lange Jahre, noch bei Lebzeiten des Herrn Herzogs von Duras, ein Liebesverhältniss, eine heftige leidenschaft zwischen der Herzogin und dem Fürsten von Chimay bestanden, welche eine stillschweigende Trennung der herzoglichen Ehe veranlasst hatte, lange ehe die Frau Herzogin ihres ersten und einzigen Kindes genas. Der Herzog hatte also vollen Grund, dieses Kind nicht als das seinige anzuerkennen; der Fürst hingegen wünschte, sich den Sohn der geliebten Frau anzueignen, und diese verlangte für ihren Sohn nach einer Stellung, wie seine Abstammung sie ihm gesichert hätte, wäre seine Geburt eine rechtmässige gewesen. Man kam also auf das Auskunftsmittel, den Neugeborenen einer Anderen, einer Fremden unterzuschieben. Freunde der Frau Herzogin und des Fürsten fanden in der schönen, brustkranken Tochter einer herabgekommenen Familie die person und die Willfährigkeit, deren man bedurfte. Die Herzogin gebar in einer kleinen schweizerischen Stadt den Prinzen Polydor, fräulein von Merrieux wurde dem Fürsten von Chimay hier in der Carmeliter-Kirche angetraut, der Fürst sicherte ihren Eltern ein namhaftes Vermögen zu, das fürstliche Ehepaar begab sich nach der Schweiz, den Sohn der Herzogin persönlich in Empfang zu nehmen, und diese mochte sich darauf Rechnung gemacht haben, nach dem voraussichtlichen tod der jungen Fürstin sich ihren Sohn als Pflegesohn aneignen zu können. – Der Abbé hatte diese Tatsachen nackt und trocken hingestellt. Jetzt machte er eine kleine Pause, und ruhig und nachdenklich hob er dann auf's Neue zu erzählen an. Des Menschen Gedanken und des Herrn Wege sind gar oft verschieden, sagte er, und auch in diesem Falle bewährte sich die allwaltende Gerechtigkeit des Herrn. Wider alles menschliche Voraussehen stellte Gott die Gesundheit der Fürstin, die sich für die Ihrigen geopfert hatte, völlig wieder her, und er wendete ihr auch die ganze Neigung ihres Gatten, die volle Liebe ihres Pflegesohnes zu. Der Fürst vergass in den Armen seiner edlen Gemahlin, auf welche Weise er sie erwählt hatte. Ihre Frömmigkeit suchte durch Busse sein Vergehen zu sühnen, und als wenig Jahre danach der Herzog