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hätte ich Ihnen nicht meine entschiedene Abneigung gegen Ihre Kirche ausgesprochen; und ohne dass diese Abneigung oder jenes Misstrauen im geringsten nur verändert wären, bin ich genötigt, Sie mit einer Bitte anzugehen und von Ihnen Aufschlüsse zu begehren. Wollen Sie mir, damit ich dieses tun kann, eine Frage aufrichtig beantworten?

Der Abbé erwiderte, dass sie zu befehlen habe und dass sie auf seine Wahrhaftigkeit vertrauen könne.

Nun denn, sprach sie, so sagen Sie mir unumwunden: was veranlasst Sie, Sich um mein Schicksal zu bekümmern, da und nachdem ich Ihnen ausgesprochen habe, dass Sie nicht darauf rechnen dürfen, mich zu Ihrer Kirche zu bekehren? Was liegt Ihnen daran, was aus mir wird oder wem ich mich verbinde, sofern ich nicht katolisch werde und mich Ihren Ansichten und Hoffnungen nicht füge? Was bin ich Ihnen, Herr Abbé?

Der Abbé richtete seine dunkeln Augen, deren schönen Glanz die langen Wimpern nur erhöhten, ruhig auf die ihrigen und sagte: Ihre Frage erheischt von mir eine Antwort, die ich Ihnen nicht geben dürfte, wenn ich meiner nicht so völlig sicher wäre. Was Sie mir sind? – Er schwieg und betrachtete sie unverwandt; dann sagte er: fragen Sie jeden Mann, der sich Ihnen naht, was Sie ihm sind? – Und abermals hielt er inne. Sie wollten mich herausfordern, Gräfin, sprach er dann, indem er sich hoch und stolzer hob, und sein mitleidiges Lächeln glitt strafend über sie hinweg, Sie wollten mich herausfordern, Gräfin! Sie wollten Sich die Genugtuung bereiten, einen Geistlichen der von Ihnen missachteten Kirche sich und seinem Eide untreu und zu Ihrem Sclaven werden zu sehen; schade nur, dass ich Ihnen diese Genugtuung nicht zu bereiten vermag!

Eleonore zuckte zusammen, ihre Wangen erglühten in der dunkeln Röte der Scham; sie versuchte ihre Blicke, seinem Worte trotzend, zu dem Geistlichen zu erheben, aber sie vermochte es nicht. Er liess sie eine geraume Zeit unter dem Drucke der ersten Demütigung, die sie erfuhr. Als er sah, wie tief sein Vorwurf und diese Erfahrung sie getroffen hatten, nahm er ihre Hand und sagte wie in erbarmendem Vertrauen: Ich habe Ihnen die Wahrheit, eine volle Wahrheit verheissen, und ich habe keinen Grund, Ihnen irgend etwas von demjenigen vorzuentalten, was Sie zu wissen begehren. Ich wiederhole es Ihnen also ohne jegliches Bedenken, Ihre vollkommene Schönheit, Ihre stolze Unabhängigkeit haben auch auf mich ihres Eindrukkes nicht verfehlt. Der Eid, der uns von allem Begehrendürfen und Verlangen abtrennt, verbietet und verhindert das Sehen, das Erstaunen, das Bewundern nicht; aber wer aus voller überzeugung sich einem grossen Gedanken, einem die Welt umfassenden und über das Leben hinausgehenden Zwecke hingegeben hat, der findet keinen Raum in sich für persönliches Wünschen, der erlernt es, auch das Schönste und Begehrenswerteste nur als ein Mittel für den einen grossen Zweck zu betrachten, und alles, was ich meiner Phantasie verstattet, was ich meinem Herzen zugestanden habe, als ich Sie in Ihrer von Gott begnadigten Erscheinung mit Ihrem für das Grosse geschaffenen Sinne vor meinen Augen Sich entfalten sah, war der Wunsch, der heisse Wunsch, Sie diese grossen Gaben nicht auf kleinliche und Ihrer selber unwürdige Weise verwenden und verschwenden zu sehen. Eine Eleonore Haughton ist für die Gewöhnlichkeit des Frauenlooses nicht geschaffen!

Er hatte ihre Hand nach festem, männlichem Drukke freigegeben, als habe er ihr nun alles gesagt, was ihr zu wissen nötig sei. Er sah sich nach seinem hut um; auch Eleonore hatte sich erhoben. Als der Abbé sich von ihr wendete, liess sie ihr Auge über seine Gestalt hingleiten, und sie gestand sich, dass er schön, ja, dass er unter den Männern, die sie kannte, vielleicht der schönste sei. Wie ein Lichtstrahl, hell und flüchtig, zuckte der Gedanke durch ihren Geist: warum ist er nicht frei? warum trennt der Glaube ihn von mir? – Und in dieses Bedauern mischte sich zum ersten Male in ihrem Leben ein Mitleid mit sich selbst. Sie fühlte es, dass sie schon lange ihrer Erzieherin überlegen, dass sie stets sich selber überlassen gewesen sei. Sie kam sich plötzlich einsam und des Rates sehr bedürftig vor und als der Abbé sich von ihr entfernen wollte, sagte sie sich, dass sie diesen Augenblick nicht vorübergehen, den Geistlichen nicht mit dem Glauben scheiden lassen dürfe, dass sie kleiner und geringer sei, als er sie geschätzt habe.

Herr Abbé, hob sie an, eine Unterredung wie die, welche wir eben gehabt haben, ist sicherlich keine gewöhnliche zwischen einem Geistlichen Ihres Alters und einem Mädchen von meinen Jahren, das Sie als eine Ketzerin betrachten. – Sie versuchte zu lächeln, aber sie war viel zu erschüttert, irgend etwas scheinen oder darstellen zu können, was sie nicht empfand. Dem Abbé entging das nicht, er behielt den Hut in der Hand und stützte sich auf die Lehne des Sessels, der sie von einander trennte, während er sein Haupt leise neigte, um sie mit seinem Blicke in ihren Mitteilungen nicht zu hindern.

Sie wartete auf irgend eine Entgegnung von seiner Seite; da er eine solche unterliess, sprach sie: Ich will Ihre Voraussetzungen gelten lassen, will nach Ihrem Worte von mir annehmen, was ich oft in mir gefühlt zu haben glaube, dass mein Sinn nicht unwert wäre, sich auf ein grosses Ziel zu richten. Sind Sie überzeugt, dass mir eine grosse, eine wirksame Tätigkeit