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ich Ihnen für das Erstere von Herzen danken und bin ich zu dem Letzteren bereit.

Der Abbé hatte bis dahin vor Eleonoren gestanden. Jetzt, als sei er ihrer Zustimmung gewiss, rückte er einen Lehnstuhl für sie herbei, nahm einen Sessel ihr gegenüber ein, und er sah dabei mit besonderer Genugtuung, wie die Mienen der Gräfin sich geändert hatten, wie sie mit Spannung in seinem Antlitze zu lesen strebte, was er ihr zu sagen haben könne.

Es würde mir und meinem amt übel anstehen, hob er nach kurzem Ueberlegen an, wenn ich Ihnen aussprechen wollte, was die Gesellschaft der Sie umgebenden Männer Ihnen täglich und unablässig wiederholt, dass Sie an Schönheit die anderen Frauen überragen, dass der Mann glücklich zu preisen sein würde, dem es gelänge, Ihre Liebe und mit dieser den Besitz Ihrer person zu gewinnen. Aber ich trage daneben kein Bedenken, Ihnen zuzugeben, was Ihnen, ich weiss es, von Seiten Ihrer früheren Erzieherin und Ihres geistlichen Beraters ebenfalls oft genug wiederholt werden mag, dass eine junge Frau von Ihrer ungewöhnlichen Begabung, von Ihrer Selbständigkeit und von Ihrem grossen und unabhängigen Vermögen der Beachtung unserer Kirche nicht entgehen konnte. Wer überzeugt ist, die Wahrheit zu kennen und zu besitzen, muss, wenn er kein Elender ist, sie mitzuteilen und vor Allem diejenigen derselben teilhaftig zu machen wünschen, von denen er erwarten darf, dass sie starke Zeugen für die Wahrheit werden können. Wer die herrschaft als ein ihm von Gott verliehenes Recht ansieht, muss nach den Mitteln trachten, welche ihm das Herrschen möglich machen, und ich bin viel zu sehr von dem heiligen Rechte unserer Kirche überzeugt, viel zu sehr von ihrer alleinseligmachenden Kraft durchdrungen und von der erhabenen Aufgabe beglückt, die mein Amt mir auferlegt, als dass ich anstehen sollte, Ihnen zu bekennen, wie es mein heisser Wunsch, mein heisser Wunsch gewesen ist, eine Frau von Ihrer hohen und eigenartigen Begabung, von Ihrem fürstlichen Vermögendenn weltlicher Besitz gibt Machtin die Reihen unserer Bekenner eintreten, und Sie wo irgend möglich früher oder später Sich zu der kleinen Schar der Auserwählten gesellen zu sehen, welche die Welt regieren, weil sie wissen, was der menschlichen Schwäche angemessen ist und wohltut.

Er hielt inne und sagte dann mit einem leisen Seufzer, der seiner männlichen Schönheit sehr wohl anstand: Ich habe, wie ich mit Beschämung erkenne, denn eines Irrtums hat der reife Mann sich stets zu schämen, mich mit einer falschen Hoffnung getragen, ich habe Sie nicht richtig beurteilt. Ihr Sinn ist weniger gross, als ich mir's vorgestellt hatte; er verlangt nicht nach herrschaft, er scheut nur vor persönlicher Abhängigkeit zurück, und einer solchen würden Sie in der Ehe mit dem Prinzen nicht entgehen, denn der Prinz hat trotz seiner gewinnenden Umgangsformen die ganze Herrschsucht seiner Mutter.

Es entstand eine Pause; der Abbé war anscheinend von dem gegenstand seiner letzten Erörterungen abgekommen, als er die Rede noch einmal auf Eleonorens Verbindung mit dem Prinzen lenkte. Aber sie beachtete das nicht. Man konnte sehen, dass ihre Gedanken mit irgend einem gegenstand lebhaft beschäftigt waren, denn sie schaute schweigend vor sich hin, ohne ihre Blicke auf ihrer Umgebung haften zu lassen, und erst nach einer Weile, während welcher der Abbé sie sich selber überlassen hatte, fragte sie, als komme sie auf diesen Punkt nur zufällig zurück oder als benutze sie die Frage nur, um den eigentlichen Boden der Unterhaltung zu vermeiden: Sie haben also die Mutter des Prinzen auch gekannt?

Welche Frage, Gräfin! entgegnete der Geistliche, indem er sie mit forschendem Blicke ansah.

Eleonore besann sich. Freilich, freilich, rief sie, der Prinz ist älter, sehr viel älter, als Sie, und die Fürstin von Chimay ist noch jung gestorben!

Der frühe Tod der Frau Fürstin, meinte der Abbé bedeutsam, hinderte mich nicht, die Mutter des Prinzen Polydor zu kennen, und Sie selber, Gräfin ....

Er hielt inne; Eleonore sah ihn forschend an. – Ich verstehe Sie nicht, Herr Abbé, sagte sie, aber ich bemerke, dass Sie mir eine Mitteilung zu machen denken, auf die Sie mich langsam vorzubereiten suchen, oder dass Sie Sich überzeugen möchten, ob ich von irgend welchen Verhältnissen unterrichtet bin, die Sie, vielleicht als ein geheimnis, kennen gelernt haben. In beiden Fällen muss ich Sie bitten, Sich bestimmter auszusprechen, denn ich wiederhole es Ihnen, ich verstehe Sie nicht.

Der Abbé lächelte. Sie wollen mich glauben machen, Gräfin, sprach er, dass Ihnen, Ihnen allein die Beziehungen verborgen geblieben sein sollten, in welchen Prinz Polydor zu diesem haus und dadurch auch zu Ihnen steht; und doch konnte nur Ihre Kenntniss dieser Umstände mir es bisher erklären, was Sie bewog, der Bewerbung des Prinzen, wenn Sie überhaupt gewillt sind, Sich zu vermählen, kein Gehör zu schenken.

Eleonore hatte die Farbe gewechselt; sie presste die Lippen fest zusammen, wollte eine Frage tun, unterdrückte sie aber und sagte dann: Ich befinde mich in diesem Augenblicke Ihnen gegenüber in einer Lage, die mich demütigt und beschämt. Ich habe es Ihnen nie verborgen, Herr Abbé, dass Ihr Amt, dass die Tracht des Ordens, die Sie tragen, mir ein Vorurteil, ein Misstrauen gegen Sie gegeben haben, wie mir dieselben seit meiner frühesten Jugend eingeflösst worden sind. Jetzt beweisen Sie mir einen Anteil, den ich mir erklären könnte,