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Die Herzogin hatte den Abbé schon in Italien gekannt. Seine Hingebung an die Kirche und seine umfassende Gelehrsamkeit hatten ihn früh zu einem gegenstand der Aufmerksamkeit für seine Vorgesetzten gemacht, seine weltmännischen Manieren empfahlen ihn der vornehmen Gesellschaft, welcher er durch seine Geburt angehörte. Von Jugend auf kannte er aus den Erzählungen seiner Anverwandten alle die geheimen Fäden, durch welche diese schöne Welt unter einander zusammenhing, und da er das scharfe Auge eines Beobachters hatte, war es ihm, als der Hof und mit ihm auch der Adel und der Abbé selber in ihre französische Heimat zurückkehrten, nicht schwer gefallen, in den Reihen dieses Hofes den Platz für sich zu finden, welchen er als den angemessensten für sich erachtete. Er hatte sich nicht, wie viele Andere, in den Beichtstuhl gedrängt, denn es hatte ihn nicht danach gelüstet, die Bekenntnisse dieses oder jenes beängstigten Herzens zu vernehmen, und hier eingreifend, dort beratend in kleinen Verhältnissen einen Einfluss zu gewinnen, der sich nur allmählich ausdehnen, nur langsam von Bedeutung werden konnte. Man hätte sagen mögen, er weise das Vertrauen zurück, das man ihm entgegenbrachte, so wenig zeigte er sich geneigt, sich um fremde Angelegenheiten zu bekümmern, und was ihn selber und seine Zukunft anging, das schien ihm vollends keine grosse sorge zu erregen.

Seine gründlichen Studien in den klassischen Sprachen, die ihn zu einem der hervorragendsten Lehrer an dem Kollegium gemacht, dem er angehörte, hatten ihn auch der Beachtung des Königs empfohlen. Liess man ihm von gewisser Seite merken, dass seine andauernde Beschäftigung mit dem heidnischen Altertume seiner Hingebung an das Christentum Abbruch zu tun drohe, so versicherte er, dass er ein eben so ortodoxer Christ sei, als Seine Majestät, wennschon er sich nicht rühmen dürfe, in der heidnischen Vorzeit so völlig heimisch zu sein, als sein König und Herr; und der Abbé von Montmerie wusste es sehr genau, dass eine solche Wendung alle Aussicht hatte, an rechter Stelle wiederholt und von Ludwig dem Achtzehnten mit geneigtem Ohre aufgenommen zu werden.

Seine Amtsbrüder nannten den Abbé mit schlecht verhehltem Spotte einen schönen Geist, der König hatte ihn als einen feinen Geist bezeichnet und die Frauen ihn nach dem Beispiele der Herzogin als einen liebenswürdigen Geist und als einen jener Männer anerkannt, die überall vermittelnd wirken, weil sie für sich selber nichts zu erstreben scheinen. Es gab Niemanden, der wie der Abbé ein Missverständniss unter Freunden behutsam auszugleichen wusste, Niemanden, der sich mit grösserer Freude dazu erbot, der Ueberbringer einer willkommenen Botschaft zu sein, und der wie er, eine unangenehme Eröffnung in milde Formen einzukleiden sich geschickt erwies. Wollte man ihm danken, so nannte er sich als den Verpflichteten, weil man ihm die gelegenheit gegeben habe, seinem innersten Wesen zu genügen und im Sinne seines Amtes zu handeln; und der König war noch nicht lange in sein Reich zurückgekehrt, als man bereits mit Sicherheit behauptete, dass in den langen, besonderen Gesprächen, mit welchen Seine Majestät den jungen gelehrten Geistlichen begnadigte, auch von anderen als von jenen philologischen Gegenständen, die der König als sein besonderes Fach ansah, die Rede sei, und dass die Verbindungen des Geistlichen eben so weit verzweigt als mächtig wären.

Die Freundschaft, deren die Herzogin sich von des Königs Seite zu erfreuen hatte, fesselte den Abbé an sie. Auch zwischen der Gräfin Haughton und ihrer Tante hatte er Anfangs seine Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht, aber es war ihm nicht gelungen, Eleonore den Planen der Herzogin geneigt zu machen, ja, er hatte das Misstrauen nicht besiegen können, mit dem die Gräfin, ihrer Mutterkirche treu, jeden katolischen Geistlichen betrachtete.

Nur wenige Tage vor der Ankunft des jungen Freiherrn hatte der Abbé sich in dem saal der Herzogin im Beisein Eleonorens mit grosser Wärme und mit der schwunghaften Weise, die ihm sehr wohl anstand, über das erhebende Gefühl ausgesprochen, welches für den Einzelnen aus der Zusammengehörigkeit mit einer grossen Gemeinde erwachse. Man hatte seit Jahren wieder zum ersten Male den Tag von Mariä Himmelfahrt mit einer Procession gefeiert, bei welcher die Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses selber die Kerze getragen, und die Herzogin hatte es sich trotz ihrer hohen Jahre nicht nehmen lassen, sich dem zug, so weit ihre Kräfte es ihr gestatteten, anzuschliessen.

Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fühlte sich wie verjüngt durch diesen Akt, weil er ihr die Tage ihrer frühesten Jugend in das Gedächtniss rief, und man gefiel sich darin, die politische Genugtuung, welche man sich und der Kirche bereitet hatte, und die Freude, die man über diesen Sieg empfand, als eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen, von welcher die Gräfin Haughton ausgeschlossen zu sehen der Abbé beklagte.

Er stand, während er ihr dieses mit seiner gewohnten edlen Weise aussprach, mit Eleonoren in der tiefen Brüstung eines Fensters ganz allein. Das Licht fiel hell auf ihn nieder, jede Miene seines Antlitzes bestätigte die Wahrheit und den Ernst seiner Worte. Die Gräfin liess ihr Auge nicht von ihm. Sie liebte es, ihn sprechen zu hören, ihn zu beobachten, denn er zog sie an, obschon sie ihm misstraute; und ohne von seinen Schilderungen irgendwie ergriffen zu sein, sagte sie: Ich zweifle nicht an dem Glücke, dessen Sie alle heute teilhaftig geworden sind, und ich sehe es ja, wie völlig die grosse Gemeinschaft, deren Sie gedenken, den Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich fortträgt. Aber bemühen Sie Sich nicht um mich, ich