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an ihm gewesen sei, zum Sturze Napoleon's und der Napoleoniden, zur Wiederherstellung der alten, legitimen Herrscher beigetragen habe; aber der Ton, die Art und Weise, in welcher man in der französischen Hofgesellschaft von dem Ueberwundenen sprach, verleidete ihm allmählich seine Siegesfreude. Nicht die Niederwerfung des Eroberers war das Verdienst, das man hier schätzte, sondern die zuversichtliche Treue, mit welcher man auf den endlichen Untergang Bonaparte's und auf den Sieg des angestammten Königshauses wie auf eine Naturnotwendigkeit gerechnet und gewartet hatte. Nicht die Tat war es, die man hier ehrte, sondern der Glaube und das Erdulden, und für dieses Letztere sich zu entschädigen, war alles, worauf man jetzt noch dachte.

Feste folgten den Festen, die Verbindungen des jungen Freiherrn dehnten sich bei denselben immer weiter aus, und seine Bewunderung der französischen Gesellschaft, sein Geschmack an dem Hofleben wuchsen, je mehr er in demselben heimisch wurde. Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den Willen seines Vaters und Erziehers angehalten worden war, hatte er sich gewöhnt, sich selbst und seinen Wert nach dem Massstabe zu messen, der ihm von Andern, gleichsam von aussen her, dargeboten wurde. Er fand sich also sehr leicht darein, ja, es dünkte ihn eigentlich nur natürlich, dass die Gesellschaft, in die er jetzt eingetreten war, einander nach der Bedeutung schätzte, welche der König und die königliche Familie den einzelnen Personen zuerkannten, und er stand sich gar wohl bei dieser neuen Ansicht, denn man nahm ihn um seiner Beschützerin willen am königlichen hof günstig auf.

Er war ein schöner Mann geworden, er tanzte den Walzer, den die Fremden in Frankreich eingeführt hatten, mit Meisterschaft, seine jugendliche Genussfähigkeit, selbst seine Schüchternheit empfahlen ihn den Frauen. Dazu war er ein trefflicher Reiter, wusste die Waffen wohl zu brauchen, und weil er sich der ihn umgebenden Meinung gefügig zeigte, gewann er sich auch die Gunst der Männer. Es währte also gar nicht lange, bis man der Herzogin von vielen Seiten das Lob ihres jungen Schützlings wiederholte, und diese blieb nur sich selbst getreu, wenn sie Renatus, den sie in ganz eigensüchtiger Absicht bei sich aufgenommen hatte, wert zu halten und auszuzeichnen anfing, sobald er eine vorteilhafte Erwerbung für ihre besondere Hofhaltung zu werden versprach.

Kein Tag verstrich, an welchem sie sich nicht eine Weile in einsamem Zwiegespräche mit ihm beschäftigte. Sie machte sich eine Pflicht daraus, seine Ausdrucksweise in der fremden Sprache zu verbessern, sie wies ihn an, wie er sich gegen die verschiedenen Personen, mit welchen sie ihn in Berührung brachte, zu verhalten habe, und wenn er sich ihr dankbar und allen ihren Anordnungen gehorsam erwies, rief die Herzogin oft seufzend aus: Ach, warum hat der Himmel mir es versagt, in meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden! Warum ist es mir auferlegt, kaltem Starrsinne zu begegnen, wo ich so viel Liebe säete und für die letzten Tage meines Lebens Liebe zu ernten hoffte!

Sie hielt ihrem neuen Schützlinge dann ihre hände hin, sie drückte einmal sogar einen Kuss auf sein schönes, blondes Haar, da er sich neigte, ihre Hand an seine Lippen zu ziehen, und gerade, dass er sich sagen musste, wie hart und ungerecht er, von Eleonoren dazu verleitet, an dem ersten Tage die Herzogin zu beurteilen geneigt gewesen war, gerade das befestigte seine Ergebenheit für die Greisin und wendete seine Empfindung von Eleonoren ab, so oft er die eisige Zurückweisung bemerkte, mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin vergalt.

Sechstes Capitel

Tage reihten sich an Tage, Wochen wurden zu Wochen, und vieles, was Renatus in seiner neuen Umgebung im Anfange nicht verständlich gewesen war, klärte sich ihm von selber auf. Er sah, dass die Freundschaft und Huldigung, welche der alte Fürst der Gräfin Eleonore entgegenbrachte, ihren Ursprung nicht nur in seiner vieljährigen Verbindung mit ihrer Tante hatten, sondern auf Rechnung der Bewerbung zu setzen waren, mit welcher der Prinz, sein Sohn, sich um die schöne Erbin bemühte. Auch über die Absichten der beiden Geistlichen, welche zu den täglichen Gästen der Herzogin gehörten, konnte Renatus auf die Länge nicht in Zweifel bleiben.

Er fand es jedoch sehr natürlich, dass ein Mann von den Vorzügen des Prinzen sich noch die Fähigkeit zutraue, die Liebe eines jungen Weibes zu erwerben; es däuchte ihm durchaus berechtigt, dass die katolische Kirche sich die in jedem Betrachte ausgezeichnete Gräfin, die nach dem Glauben ihrer Mutter der englisch-protestantischen Kirche angehörte, anzueignen strebte; denn für Beides hatte er die Beispiele in seinem eigenen haus vorgefunden. Allerdings waren die Ehen, welche der verstorbene Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit bedeutend jüngeren Frauen eingegangen war, nicht glücklich ausgefallen. Aber seine protestantische Mutter hatte doch Glück und Frieden im Schoosse der römischen Kirche gefunden, und obschon sich bei Renatus die Gewohnheit der kirchlichen Unterordnung wie das Bedürfniss nach religiösem Anhalte, seit er das Vaterhaus verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges, sehr vermindert hatten, hegte er doch den Glauben, dass für ein so stolzes Herz, wie das der Gräfin, die sorge und Pflege durch einen ihr überlegenen geistlichen Berater nur heilsam sein könne. Niemand aber musste zu einer solchen Aufgabe geeigneter erscheinen, als der Abbé von Montmerie, als der jüngere der beiden geistlichen Herren, welche in dem haus der Herzogin fast an keinem Tage fehlten