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Hand, zog die kleine, mit Brillanten besetzte Tabacksdose aus der tasche, nahm mit gespitztem Finger eine Prise und schellte, damit der Diener ihr zu ihrem Zimmer leuchte.

Es war vergebens, dass Renatus sie ersuchte, ihm den Schluss der Erzählung nicht zu entziehen. Sie vertröstete ihn auf einen anderen Tag, wiederholte, dass sie nicht mehr in der Fülle ihrer geistigen Mittel lebe, dass sie Rücksicht und Schonung nötig habe, und forderte, obgleich sie sich noch immer mit voller Freiheit bewegte, den Arm Eleonorens, sich darauf zu stützen, als sie, ihrem jungen gast unter ihres Hauses Dach eine angenehme Ruhe und gute Träume wünschend, den Saal verliess.

Es währte jedoch lange, ehe der Freiherr die ihm gewünschte Ruhe finden konnte. Die Menge der Eindrücke, welche er heute in seiner nächsten Umgebung erhalten hatte, hielt ihn wach. Er konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie in einem Mädchen von Eleonorens Alter, bei einer so bevorzugten Lebenslage, sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wodurch in das verhältnis zwischen ihr und ihrer Tante jene Bitterkeit gekommen sei, die Eleonore selbst vor dem fremden mann entweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen vermochte. Aber der rechte Aufschluss bot sich ihm nicht dar, und in jener Aufregung, welche uns immer befällt, wenn wir nicht wissen, ob wir die Personen, die uns anziehen, lieben oder hassen sollen, schlief er endlich überreizt und sehr ermüdet ein, auch im Traume noch von wirren, unzusammenhängenden Vorstellungen und Gebilden hin und her geworfen.

Am folgenden Morgen sah er die Frauen des Hauses nicht, da der Dienst ihn auswärts beschäftigt hielt. Später, als er sie aufzusuchen kam, vermied die Gräfin ihn eben so absichtlich, als sie ihm Anfangs entgegengekommen war. Nicht einmal die Möglichkeit vergönnte sie ihm, sie um die Gründe ihrer veränderten Haltung zu befragen. Sie schien überhaupt wenig Gefallen an der Geselligkeit zu haben, denn sie zog sich, wenn die Empfangsstunde der Herzogin gekommen war, häufig aus dem saal in ihre eigenen Zimmer zurück, und ihre Tante versuchte es dann auch nicht, sie neben sich und in der Gesellschaft festzuhalten.

Renatus wusste nicht, was er tun sollte. Bisweilen fühlte er das Bedürfniss, der Gräfin zu schreiben und sich zu erkundigen, womit er ihre gute Meinung verscherzt habe, dann wieder schalt er sich eitel und töricht, dass er Eleonorens Fortbleiben überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen wagte. Wenn er sich schuldig glaubte, dachte er mit Bewunderung, ja, mit Entzücken an die Gräfin; wenn er die Kälte, welche sie ihm bewies, auf Rechnung ihrer launenhaften Selbstwilligkeit stellte, zürnte und grollte er ihr, aber immer blieb sein Sinn mit ihr beschäftigt, wie das neue Leben, das er führte, seit er in das Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nahm und von allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünschen abzuziehen geeignet war.

Renatus hatte noch nie an einem hof gelebt und noch kein weibliches Wesen gekannt, das mit der Gräfin Haughton zu vergleichen gewesen wäre. Das Erfahren und Erleben wurde für ihn fast überwältigend, und doch sagte er sich an jedem Tage, dass er jetzt erst zu leben anfange, dass ihm jetzt erst eine Jugend aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wie sie eines Mannes von seinem stand würdig und wie sie ihm durch die Ungunst der Verhältnisse viel zu lange vorentalten worden sei.

Da er in den Stürmen der Revolutionszeit geboren und erwachsen war, hatte man ihn, mit dem Hinweise auf die Unbeständigkeit aller irdischen Macht und Güter, zu einer gewissen Selbstbeschränkung erzogen und es waren, ohne dass man es beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte, doch viele der Anschauungen an ihn herangekommen, welche als ein neues Menschheits-Evangelium die Welt umzugestalten begonnen hatten. Nun befand er sich mit Einem Male auf einem Boden und inmitten einer Nation, in welchen die Lehren von der Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das Volksbewusstsein eingedrungen, und von Wirkungen und Taten so zerstörender und durchgreifender Art gefolgt gewesen waren, dass man die erneute herrschaft der früheren Weltanschauung und die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und Zustände für immer unmöglich hätte halten müssen. Trotzdem tronte der achtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den vertriebenen und wieder heimgekehrten Adelsgeschlechtern, doch waren der katolischen Geistlichkeit ihre Titel und Würden und Besitztümer zurückerstattet worden, und von den Beamten des Kaisertums wie von den einstigen Republikanern drängten sich grosse massen an die neue Gnadensonne heran, und gar viele von den Bekennern der VernunftReligion füllten jetzt wieder die Kirchen, in denen man die Dankes-Hymnen für die Niederwerfung der Revolution und für die Besiegung des Bonapartismus ertönen liess.

Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich noch in keiner Weise gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen Anschauungen nahe verwandten Meinung der Gesellschaft anschloss, in der er sich bewegte? Und was hatte Renatus aus seinem eigenen geist oder seiner eigenen Erfahrung dagegen einzuwenden, wenn die Herzogin und ihre Freunde den Ausspruch des Kaisers Alexander auch zu dem ihrigen machten, wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreissig Jahre als einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die Zeit zum Verlaufen habe gönnen müssen, damit das Dauernde, das allein Würdige, die herrschaft des Adels und der Kirche in ungetrübter Ruhe wieder zur Erscheinung und zu ihrer Geltung habe kommen können.

Der junge Freiherr hatte bisher mit Stolz daran gedacht, dass auch er, so viel