, fuhr sie nach einer kurzen Pause also in ihrer Erzählung fort: Ich lebte damals fern vom hof, an meines verehrten Gatten Seite, in unserem schloss. Wir sahen den Fürsten, der uns sehr befreundet war, immer nur für einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns, da die Gesellschaft des Hofes ihn uns streitig machte. Es war oftmals von seiner Verheiratung die Rede gewesen, öfter noch von Herzensverhältnissen, in die er verstrickt sein sollte; aber alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet, und man gewöhnte sich bereits daran, den Fürsten als einen Weiberfeind zu betrachten, als sich ganz unerwartet und zum höchsten Erstaunen aller Welt die Nachricht verbreitete, der Fürst habe sich mit einem jungen, im Kloster erzogenen, einer geringen und armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht, das ihm einen Sohn geboren habe, und sei, da die junge Mutter von einem unheilbaren Brustleiden ergriffen worden, zu ihrer Erhaltung mit Frau und Sohn in's Ausland, in den Süden, ich meine, nach Sicilien, gegangen.
Die Kunde setzte den Hof, die Stadt, den ganzen Adel des Landes in Bewegung. Niemand wollte es glauben, Niemand hatte dem Fürsten eine so phantastische leidenschaft zugetraut, Niemand es für möglich gehalten, dass eben der Fürst von Chimay es vergessen könne, was er sich selber schuldig sei. Man fragte sich: Wer ist die Zauberin, die den bisher Unbesiegten nicht nur zu besiegen, sondern sich selber abwendig zu machen verstanden hat? Man forschte nach ihrem Namen, man war begierig, sie zu sehen, man glaubte an jedem Tage, irgend eine Lösung dieses Rätsels zu erhalten, die wo möglich noch geheimnissvoller und auffallender als das Ereigniss selber sein sollte; indess man erfuhr nichts, gar nichts über den Gegenstand dieser unbegreiflichen leidenschaft. Der Fürst kehrte denn auch nicht, wie man es doch erwartet hatte, mit der schönen Jahreszeit nach Frankreich und an den Hof zurück; er legte vielmehr das Amt eines Kammerherrn, das er bekleidet hatte, nieder, und alles, was man ermitteln konnte, war, dass die Trauung in der kleinen Kirche des Klosters vollzogen worden war, in welchem die Braut bis dahin gelebt hatte, und dass sie an ihrem Hochzeitstage eben so schön als krank ausgesehen habe.
Ich befand mich im Auslande, auf einer Badereise, als dieser Roman die Gesellschaft in Aufruhr setzte, und alle Briefe, welche ich erhielt, sprachen mir nur von unserem Freunde. Indess er selber gab mir keine Kunde von sich, und nachdem man des Verwunderns von allen Seiten müde geworden war, fingen die Einen den Prinzen zu vergessen, die Andern auf ihn zu verzichten an. Man sagte sich, dass er wiederkehren und seine alte Stelle unter uns einnehmen werde, wenn er seiner romanhaften Grille genug getan habe oder wenn die fabelhafte Prinzessin gestorben sein würde. Aber als handele es sich wirklich um ein Märchen, so geschahen auch hier jetzt Wunder, und zwar gerade diejenigen, welche man am wenigsten erwartet hatte.
Die Herzogin unterbrach sich abermals, und Renatus, den die Tatsachen dieser Erzählung eben so anzogen, als ihn die meisterhafte Weise fesselte, in welcher die Greisin sie berichtete, bemerkte, dass Eleonore das Buch, in welchem sie bis dahin gelesen hatte, zur Seite legte und, die arme über die Brust gekreuzt, ebenfalls auf die Fortsetzung der Erzählung achten zu wollen schien. Auch der Herzogin entging die plötzliche Aufmerksamkeit keineswegs. Sie fragte, ob Eleonore ihr Buch beendet habe.
Nein, versetzte diese; Ihre Erzählung ist mir aber weit wichtiger, als das Buch, und ich bin begierig, liebe Tante, den Ausgang derselben, über den ich sonst schon sprechen hörte, gerade aus Ihrem mund zu vernehmen. Nicht wahr, die Fürstin bewies sich den schönen Frauen des Hofes nicht so gefällig, als sie es wünschten und erwartet hatten, die Fürstin blieb am Leben; und, was noch schlimmer war, der Fürst, weit davon entfernt, ihr dieses zu verargen, gewöhnte sich an sie und liebte sie, so dass er darüber des Hofes und seiner schönen Frauen ganz und gar vergass?
Es schoss ein scharfer, schneidender blick aus den eingesunkenen Augen der Herzogin zu ihrer Nichte herüber, als diese ihre fragen im Tone der Unwiderleglichkeit spöttisch über ihre Lippen gleiten liess, und Renatus wusste nicht, welche von den Beiden, ob die Greisin oder das junge Mädchen, ihm in diesem Augenblicke mehr missfiel. Aber das Antlitz der Herzogin gewann gleich wieder seine Ruhe, und mit der freundlichen Gelassenheit, die sie äusserlich fast immer zu bewahren wusste, fragte sie: Und wer ist es, dem Du diese Mitteilungen dankst?
Dem Herrn Abbé von Montmerie! entgegnete die junge Gräfin mit einer so geflissentlichen Deutlichkeit und Langsamkeit, als wolle sie damit etwas Besonderes sagen oder erraten lassen. Die Herzogin ging jedoch, während ihr Gast sich von dem ihm unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren Feindseligkeit, welche zwischen den beiden Frauen herrschte, unheimlich berührt fand, leicht darüber fort.
Da sehen Sie die Ungeduld und auch den Unbedacht der Jugend, mein lieber René, sagte sie. Wir alten Leute sind nicht schnell, wie sie. Wir müssen uns langsam in unsere Erinnerungen versenken, wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen zusammen, und wenn wir unser kleines Kunstwerk zu vollenden denken, fährt irgend eine unvorsichtige junge Hand dazwischen und zerreisst und verwirrt uns unsern Faden, dass wir ihn nicht wiederfinden können.
Sie legte ihren Fächer aus der