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meine Freundschaft an, um es meiner Tante darzutun, dass ich's nicht liebe, wenn man selbst die heiligste aller Pflichten, die Dankbarkeit, nur zu einem Piedestal für sich, und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht, dem man sie zu entrichten hat! Nun, die Herzogin hat ja lange Jahre in Ihres Vaters haus gelebtSie werden sie also kennen, so gut wie ich!

Der Zorn, der aus jedem ihrer Worte sprach, gab ihrer tiefen stimme nur einen höheren Reiz, und doch erschreckte ihr Wesen den jungen Freiherrn auch in diesem Augenblicke wieder, weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich, unter denen er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt gewesen war. Selbst die rückhaltlose Härte, mit welcher Eleonore über ihre greise Tante gegen einen Fremden ihr Urteil aussprach, beleidigte sein Schicklichkeitsgefühl, und immer geneigt, sich desjenigen anzunehmen, dem nach seiner Meinung ein Unrecht zugefügt wurde, sagte er, dass er von der Herzogin zwar ein lebhaftes Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe, dass er aber zur Zeit ihres Aufentaltes in Richten zu jung gewesen sei, irgend ein selbständiges Urteil über sie zu besitzen.

Und abermals blieb Eleonore stehen, während sie, trotz des Halblichtes, in seinem Antlitze zu lesen versuchte. sonderbar, sprach sie; Ihnen fehlte also jener Instinkt, den das Kind doch mit dem Tiere gemein hat? Sie hatten also kein inneres Widerstreben gegen die Herzogin? Sie hatten kein Abmahnen gegen die selbstische, die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen natur?

Nein, versetzte Renatus nach einigem Besinnen. Ich glaubte nur, dass sie die Kinder nicht eben gern habe, und da meine teure Mutter ihr weniger als mein Vater nahe stand, so hatte ich damals, so viel ich mich entsinne, allerdings keine besondere Liebe für die Frau Herzogin; aber ich könnte eben so wenig sagen, dass ich sie gefürchtet hätte.

Ich habe sie gefürchtet, seit ich zu denken vermochte, fuhr Eleonore heraus, und jetztjetzt kenne ich sie! fügte sie mit schneidender Bitterkeit leise hinzu, als der Edelmann, welcher bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte, man nannte ihn, um ihn von seinem Vater, dem Fürsten von Chimay, zu unterscheiden, mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor, zu den Beiden heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen Paares damit ein Ende machte.

Eleonore verliess die Terrasse, und Renatus, der dem Prinzen schon am Mittage bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden war, blieb allein mit ihm zurück. Der Prinz mochte über fünfzig Jahre alt sein, aber sein hellblondes Haar, seine schlanke Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn, bei der grossen Sorgfalt, mit welcher er gekleidet war, noch vortrefflich aussehen. Renatus wusste, dass er des alten Fürsten einziger Sohn und Erbe sei und dass er mit seinem Vater während der ganzen Zeit der Verbannung am hof zu Petersburg gelebt habe. Bei der Herzogin stand er offenbar in grosser Gunst. Sie hatte, nachdem man ihm am Morgen begegnet war, den jungen Freiherrn aufmerksam darauf gemacht, wie er in dem Prinzen Polydor das Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe, und dann, gleichsam im Selbstgespräche, hinzugefügt: Und doch war seiner Mutter Blut dem seines Vaters nicht an Reinheit gleich.

Als Renatus sie darauf fragend angesehen, hatte sie sich in ihren Mitteilungen plötzlich unterbrochen und nur flüchtig die Bemerkung hingeworfen, dass es sich dabei um ein sehr romantisches Ereigniss handle, von welchem man nicht eben spreche, obschon es dem alten Fürsten eigentlich zur höchsten Ehre angerechnet werden müsse, wie der König dies denn auch durch sein Verhalten gegen den Vater und den Sohn getan habe. Und es war danach der Einbildungskraft des jungen Freiherrn vorläufig noch überlassen geblieben, unter welcher Gestalt er sich die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte und konnte.

Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin, als sich am Abende ihre gewohnten Gäste bereits entfernt hatten, unter dem Vorgeben, dass sie Renatus recht bald und recht schnell unter ihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche, abermals auf den Fürsten und seinen Sohn zurück, und bei diesem Anlasse erfuhr Renatus, was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur anzudeuten für gut befunden hatte.

Der alte Fürst von Chimay, so erzählte die Herzogin, war in seiner Jugend ohne alle Frage der schönste Mann, der vollendetste Cavalier des Hofes, und wir lebten damals noch in einer Zeit, in welcher man es einem mann weit mehr als jetzt zum Verdienste anzurechnen verstand, wenn er der Welt in sich selbst ein vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit darzubieten wusste. Er hatte in früher Jugend bedeutende Reisen gemacht, überall war ihm der ehrenvollste Empfang zu teil geworden, der Ruf seines Geistes und seiner Liebenswürdigkeit stand über jeden Zweifel fest, die Gunst der Frauen kam ihm bereitwillig entgegen; aber der Fürst war nicht nur schön wie ein Adonis, er war auch spröde wie ein solcher, und das Gerücht, das ihn unbesieglich nannte, steigerte nur das Verlangen der Frauen, ihn zu überwinden und zu fesseln.

Die Herzogin lehnte sich, in ihrer Erzählung innehaltend, in ihren Polsterstuhl zurück. Es ist die alte Eva-natur, sagte sie lächelnd, alles, was ihnen versagt ist, was sich ihnen entzieht, das reizt die Frauen. Machen Sie sich daraus Ihren Schluss, mein junger Freund; und sich langsam mit einem der kleinen dunkelroten Fächer, deren Renatus sich noch aus seiner Kindheit zu erinnern meinte, Kühlung zuwehend