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leicht hinweg zu gehen, um der Herzogin, über deren Absicht Niemand in Zweifel war, geschickten Beistand zu gewähren.

Der Fürst rühmte die Reize von Haughton Castle, während die Herzogin das Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte; man sprach von der Jagd, die dort ergiebig sei, von dem Besuche, welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre, als die Herzogin es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte, in dem schloss gemacht hatte, und Eleonore hörte der ganzen Unterhaltung schweigend zu. Als habe sie sich jetzt genug getan, liess sie ihre dunkeln Augen langsam von Einem zu dem Andern gleiten, und nur wenn ihr blick auf den Fürsten oder auf die Herzogin fiel, meinte Renatus zu bemerken, dass ein spöttisches Lächeln um den Mund der jungen Schönen spiele und dass ein Gefühl des Triumphes ihre kräftigen Nasenflügel schwelle.

Niemand machte ihn empfinden, dass er, wenn auch ohne sein Verschulden, den Anlass zu der Kränkung geboten hatte, welche die Gräfin den Gästen und Freunden ihrer Tante zugefügt hatte. Renatus liess es sich also doppelt angelegen sein, sich durch anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise, in den er eingetreten war, in ein günstiges verhältnis zu setzen, und es gelang ihm dieses auch nach Wunsch; denn als die Besucher sich empfahlen, weil die Stunde gekommen war, in welcher die Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne zu machen pflegte, schied man in einer so heiteren Weise, als ob gar nichts Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt niemals etwas Störendes zwischen die Glieder dieses Kreises treten könnte.

Fünftes Capitel

Der Gartensaal der Herzogin lag, wie bei all den Schlössern, welche dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ihre Entstehung verdanken, an einer mächtigen Terrasse. Am Abende des Tages, an welchem sie Renatus bei sich aufgenommen hatte, waren die Türen des Gartensaales weit geöffnet. Das helle Licht der Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes und liess innen wie aussen alle Gegenstände klar erkennen.

Mitten im saal sass die Herzogin mit ihrem Freunde, dem Prinzen, und noch zwei andern Personen beim Kartenspiele; draussen ging Renatus an der Gräfin Seite auf und nieder, während ein Mann von reifem Alter und ein junger, schlanker Geistlicher, die am andern Ende des Zimmers Platz genommen hatten, in eifriger Unterhaltung begriffen zu sein schienen, obschon keiner von beiden die auf der Terrasse Lustwandelnden aus dem Auge verlor.

Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den Saal, dann aber wendete sie sich gleich wieder dem Freiherrn zu, und obschon ihre Unterhaltung sich ausschliesslich in jenen fragen und Mitteilungen bewegte, mit denen man sich der äusserlichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und ihn in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht, fühlte Renatus sich doch von einer Unruhe ergriffen, für welche er sich keine Ursache anzugeben wusste.

Ohne es zu wollen, musste er den Blicken Eleonorens folgen, ohne zu wissen, wesshalb, betrachtete er die Gesellschaft, die er in dem Zimmer vor sich sah, mit einer misstrauischen Besorgniss. Er hörte achtsam auf alles, was Eleonore zu ihm sprach, und er fühlte sich trotzdem überzeugt, dass sie an etwas Anderes denke; ja, es kam ihm endlich vor, als sei sie mit ihm unzufrieden, als werde sie ungeduldig; aber er konnte es sich nicht erklären, wie er ihr Anlass zu irgend einer Unzufriedenheit gegeben haben könne. Nie zuvor war ihm so sonderbar zu Sinne gewesen. Die Empfindung, dass die Gräfin ihn geflissentlich auf die Terrasse hinausgeführt habe, dass jetzt etwas geschehen, etwas getan werden müsse, wurde immer lebhafter und unabweislicher in ihm. Das Herz klopfte ihm in der Brust, er hatte eine Art von Furcht vor seiner schönen Gefährtin, und wie das dämmernde Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller umgoss, kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und schön, aber so oft der strenge blick ihres grossen Auges ihn berührte, auch wie eine solche unheimlich und dämonisch vor.

Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört; das konnte er nicht ertragen, und um sich aus der Befangenheit und Verwirrung, deren er sich schämte, herauszureissen, sagte er plötzlich: Sie haben mir heute, gnädige Gräfin, im Andenken an Ihren und meinen Vater, Ihre Freundschaft angeboten, und ich glaube, dass es Ihnen Ernst damit gewesen ist. Darf ich diese Freundschaft heute schon zu einem Dienste für mich in Anspruch nehmen?

Eleonore blieb stehen; Renatus hörte, dass sie tief aufatmete, als werde eine Spannung von ihr genommen, und ohne sich zu besinnen, entgegnete sie ihm: Unbedenklich, wenn Sie mir vorher gestattet haben werden, Ihnen zu erklären, was mich bewogen hat, Ihnen diese Freundschaft so schnell und so gewaltsam aufzudrängen.

Renatus wollte ihr entgegnen, dass sie ihn mit ihrem Vertrauen glücklich mache, aber sie liess ihn dieses nicht vollenden. Keine Worte, Herr von Arten! rief sie mit ihrer stolzen, gebieterischen Weise. Sie müssen es heute schon gesehen haben, es fehlt mir nicht an Männern, die mir schmeicheln, weil sie glauben, dass auch ich nichts Höheres kenne, als mich durch die Schmeicheleien eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit berauben zu lassen, die man mir missgönnt! Aber eben desshalb bin ich in der Lage, meine Tante täglich daran zu erinnern, dass ich, Dank dem Testamente meiner Mutter, freier Herr über alle meine Entschliessungen bin, und eben desshalb bot ich Ihnen heute so unberufen