drückte sich in ihnen mit einer Sicherheit und Entschiedenheit aus, die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben und sie älter erscheinen liessen, als sie war. Wer sie in diesem Kreise von Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah, sie ihre kurzen fragen stellen, jede Anrede schnell erwidern, jedem ihrer Gedanken lebhaft und rückhaltlos Aeusserung geben hörte, der musste sich eingestehen, dass er hier ein ungewöhnliches Wesen vor sich habe, wenn es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte, ob man dieses Mädchen lieben könne oder nicht. Was aber dem flüchtigsten Beobachter nicht entgehen konnte, war die Vorsicht, mit welcher die Herzogin ihre Nichte behandelte, und die geflissentliche Weise, mit welcher diese ihre stolze Unabhängigkeit zur Schau trug. Sie trat fortwährend wie ein strahlendes Licht, wie ein mächtiger Ton aus der gleichmässigen Stimmung dieser in feinen Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor, und Renatus fragte sich schon in der ersten halben Stunde: Wie kommt sie hierher, wie konnte sie in dieser Welt sich so entfalten, wie konnte sie ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luft bewahren?
Man hatte eine geraume Zeit hindurch die Vorkommnisse des Hoflebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und alle Anwesenden hatten sich in den Ausdrücken ihrer Verehrung und Ergebenheit für das zum zweiten Male wiedergekehrte bourbonische Königshaus überboten, als Eleonore, sich zu Renatus wendend, plötzlich ausrief: Und Sie, Herr Baron, Sie schweigen? Sie sagen nichts zum Lobe der heimgekehrten Dynastie, für die Sie doch bei Ligny und bei Waterloo mit Ihren und meinen Landsleuten gefochten haben, während diese Herren friedlich in der Nähe ihres Königs weilten?
Eleonore, rief tadelnd die Herzogin, was soll hier diese Frage?
Mich aufklären, liebe Tante, weiter nichts! entgegnete die Gräfin, ohne sich durch die Missbilligung der Herzogin im geringsten beirren zu lassen.
Man war es gewohnt, der Gräfin viel nachzusehen, und man hatte auch keine andere Wahl, wenn man das Haus der Herzogin, das man zum teil um Eleonoren's willen suchte, nicht eben ihretwegen meiden wollte; indess der ernste Ton, mit welchem sie die dreiste Frage getan hatte, liess diesmal eine scherzhafte Deutung nicht wohl zu.
Es war daher Allen sehr erwünscht, als der alte und vertraute Freund der Herzogin, der Prinz von Chimay, dessen grauem Haare die gemessene Ruhe seiner Sprache und Bewegungen sehr wohl anstand, sich in das Mittel legte und, den Kampf auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend, die Bemerkung machte: Sie sprechen von unserem Königshause, Gräfin, und von Ihren Landsleuten, als ob Sie nicht Französin, als ob Sie nicht unsere Landsmännin wären! Bedenken Sie, dass wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten wollen! So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt, sind Sie die Unsere, und wir werden Alles tun, Sie in der Heimat und in Ihrem vaterland festzuhalten!
Vaterland und Heimat! wiederholte die Gräfin, Sie nennen das zusammen, mein Fürst, als ob es nicht verschiedene Dinge wären! Frankreich ist allerdings meines Vaters Geburtsland, ist mein Vaterland, aber meine Heimat ist es nicht. Meine Heimat ist jenseit des Kanals in Haughton Castle, wo ich so glücklich war, Sie bereits zu sehen, und wo ich Sie wieder zu begrüssen hoffe, wenn ich erst ganz dort leben werde, fügte sie mit einer Verneigung hinzu, die verbindlich, die versöhnend wirken sollte, während die stolze Siegesgewissheit abermals über ihre Mienen glitt. Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht fortgesetzt sehen, wendete sie sich zu Renatus, um auch ihn für die Zukunft nach ihrem schloss einzuladen. Sie werde stolz und glücklich sein, sagte sie ihm, wenn er ihr Gast zu sein verspreche, nachdem ihr Vater durch so viele Jahre seines Hauses Gast gewesen sei. Dabei reichte sie ihm, nach Art ihrer englischen Landsleute, die Rechte hin, dass er einschlagen und ihr sein Versprechen geben solle, und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd, während sie ihm frei und aufrecht in das Auge sah, rief sie: Wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr, recht gute Freunde, Herr von Arten!
Renatus wusste sich nicht zu erklären, welcher Stimmung des schönen Mädchens er diese unerwartete und auffallende Gunstbezeigung zu verdanken habe, welche ihm sehr leicht die Abneigung der andern jungen Edelleute zuziehen konnte; aber er fühlte sich deshalb nicht weniger von Eleonoren's sonnigem Auge erwärmt, er vermochte ihrer kräftigen und frischen stimme den Zugang zu seinem Herzen nicht zu verschliessen, und im Innersten seines Wesens geschmeichelt, sprach er: Sie eröffnen mir eine Aussicht, gnädige Gräfin, die mich hoch erhebt, und zeigen mir ein Ziel, nach dem zu streben mir um so mehr ein Glück sein wird, da ich die Freundschaft, die Sie mich hoffen lassen, zunächst doch nur meinem Vater zu verdanken habe.
Wie er seinem Vater ähnlich sieht! rief die Herzogin, sich an den alten Fürsten wendend, nicht wahr, mein Fürst? Sie waren in Vaudricourt, als der Freiherr von Arten mich zum ersten Male besuchte, und Sie erinnern Sich des Freiherrn noch!
Aber der Fürst versicherte, dass er den Freiherrn nie gesehen habe, und die Herzogin wusste das eben so genau, als dass Renatus seinem Vater ganz und gar nicht glich. Sie hatte nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben, nur Eleonoren's Launen in den Weg treten, einer unangenehmen Scene ein Ende machen wollen, und von allen Seiten war man sofort bereit, über die kleine Störung