Meisterin darin war, die Unterhaltung auf die Gegenstände zu lenken, von denen sie gesprochen haben wollte, wusste an dem Ohre ihres jungen Gastes auf diese Weise eine Reihe von Tatsachen vorüber zu führen, die ihn beschäftigten, ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu lassen, und die ihm unablässig und immer wieder das unbehagliche Gefühl aufnötigten, dass er nur ein zufälliges und nur ein unbedeutendes Mitglied in diesem Kreise sei.
Will sich die Herzogin an mir für die Dienste rächen, welche mein Vater ihr und ihrem Bruder geleistet hat? fragte Renatus sich einmal unwillkürlich. Aber sein guter Sinn stiess diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine Unwürdigkeit von sich, und doch lag diese Voraussetzung der Wahrheit näher, als er es zu glauben vermochte.
Renatus wusste es noch nicht, dass man edlen Herzens und liebevollen Gemütes sein muss, um die Dankbarkeit nicht als eine schwere Last zu empfinden: indess der stolze Sinn der Herzogin hatte die Stunde nie vergessen, in welcher sie sich genötigt gefunden hatte, von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder unter Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandtschaft eine Zuflucht und hülfe zu begehren. In wie grossmütiger Weise der Freiherr sie auch empfangen und unterhalten hatte, das Brod der Fremde, das Gnadenbrod, wie sie es oft mit herbem Ausdrucke in ihrem inneren genannt, hatte nie aufgehört, ihr hart und bitter zu bedünken. Sie mochte sich der zeiten nicht gern erinnern, in denen sie in Richten gelebt hatte, sie dachte auch an den Freiherrn weder oft noch gern, und doch hatte sie eine lebhafte Freude empfunden, als sie den Brief seines Sohnes empfangen, eine Freude, wie sie der mehr als siebenzigjährigen Frau nicht mehr oft zu teil ward: sie konnte abbezahlen, was ihr geleistet worden war, sie konnte sich dem jungen Freiherrn in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer wiedergewonnen Würden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren, dass es eine Ehre für seinen Vater gewesen sei, die Herzogin von Duras, die Freundin und Vertraute der königlichen Familie von Frankreich, seinen Gast zu nennen. Sie konnte den jungen Freiherrn einsehen lassen, dass, was man auch für sie und für ihren Bruder getan haben mochte, sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei.
Ihre Güte, ihre Freundlichkeit für Renatus trugen in jedem Worte den Stempel jener freiwilligen Herablassung, die, so schmeichelhaft sie sich im Augenblicke demjenigen, dem sie zu teil wird, auch erweisen mag, ihn doch herunterdrückt und ihn seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig macht. Renatus empfand es, dass er sich nicht geben konnte, geben durfte, wie er war; aber die völlige Zusammengehörigkeit der Personen, welchen er an diesem ersten Morgen in dem saal der Herzogin begegnete, die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem, was sie hier umgab, hinderten ihn, zu erkennen, worin jener ihn befangende Zauber bestehe, oder wer es sei, der denselben über ihn ausübe.
Mitunter, wenn sein Auge eine Weile mit entzücktem Erstaunen auf der Nichte der Herzogin haften geblieben war, meinte er, dass es ihre Schönheit sei, welche ihn so seltsam beherrsche, ihn so wunderbar sich selbst entfremde, und die junge Gräfin war ganz dazu gemacht, einem mann die Empfindung anbetenden Staunens aufzudringen. Renatus gestand sich, niemals eine so vollkommene Schönheit gesehen zu haben; denn Eleonorens auffallend grosse und üppige Gestalt, die siegesgewisse Ruhe auf ihrer weissen Stirn, von welcher das goldig schimmernde Haar sich wie bei den antiken Statuen in welliger Fülle weit zurückbog, um sich in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu vereinen, gaben ihr trotz ihrer grossen Jugend etwas Gebietendes und Mächtiges.
Ihr Vater, der Marquis von Lauzun, welcher der Herzogin gleich gefolgt war, nachdem diese in Turin in die Dienste der königlichen Familie getreten war, hatte durch seine Wohlgestalt und durch die geschickte Vermittlung seiner vorsorglichen Schwester die Hand einer der reichsten englischen Erbinnen gewonnen, welche sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen Verwandten am sardinischen hof aufgehalten hatte. Eleonore Haughton war, wie der englische Sprachgebrauch es bezeichnet, eine Erbin durch ihr eigenes Recht gewesen. Die grossen Besitzungen, der Name und die Pairie ihres Hauses waren nach dem tod ihrer Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen, aber sie hatte sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können. Die Geburt ihres ersten Kindes hatte ihr das Leben gekostet, und mit dem Tauf- und Familiennamen ihrer Mutter waren der Tochter des Marquis die Adelstitel, die Pairswürde und der Reichtum der Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an, als ausschliessliches Erbe zugefallen.
Nach der ausdrücklichen letztwilligen Verordnung ihrer Mutter war eine Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kindes von ihr bestimmt worden. Bei dem Einflusse, welchen die Herzogin aber von jeher über ihren Bruder ausgeübt, hatte sie es durchzusetzen gewusst, dass ihr die Oberaufsicht über dessen Tochter zugewiesen worden, als der Marquis ebenfalls frühzeitig vom Leben geschieden war, und fräulein Arabella Warwell hatte also mit ihrer Pflegebefohlenen unter dem Schutze und in dem haus der Herzogin gelebt, bis diese die Erziehung der jungen Gräfin für vollendet erklärt, und fräulein Arabella von ihrem Zöglinge entfernt hatte. Die besten Lehrer hatten Eleonore vielseitig unterrichtet, und wie man ihr in der Taufe, zur Erinnerung an das Meisterwerk einer grossen Dichterin, neben dem Namen ihrer Mutter den Namen Corinna beigelegt hatte, war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden, sie diesem bedeutungsvollen Namen anzupassen.
Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen ihrer beiden Eltern wie des Italienischen völlig mächtig. Sie