das geöffnete Portal des Hauses zeigten sich frische Rasenplätze, von grossen Bäumen überschattet.
Die Frau Herzogin lassen den Herrn Baron ersuchen, sich in seinen Zimmern einzurichten, sagte der Haushofmeister; sie erwarten ihn danach im Gartensaale.
Renatus war in den Gewohnheiten des Reichtums in einer würdigen Heimat aufgewachsen; aber die letzten Eindrücke, welche er empfangen hatte, als er mit seinem Regimente vor dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen war, hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen, und seit vollen drei Jahren war er im feld, in den wechselnden und oft widerwärtigsten Umgebungen gewesen. Das erhöhte das Wohlgefallen, welches er bei dem Anblicke dieses Palastes, dieser edlen Räume, ja, selbst bei den Hülfsleistungen genoss, deren er von seinem Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen jetzt die Dienerschaft der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte.
Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem linken Flügel des Hauses geführt, in dessen erstem Stocke man ihm seine wohnung eingerichtet hatte. Nachdem er sich umgekleidet, geleitete der Kammerdiener der Herzogin ihn die breite, marmorne Prachttreppe hinab nach dem saal, in welchem er die Herzogin wiedersehen sollte.
Es war ein grosser, hoher Raum, dessen Türen nach dem Garten zu geöffnet waren. Dunkelrote Vorhänge brachen das Licht der Sonne an den Fenstern; die Türen waren von aussen mit Marquisen verschattet. Nahe an dem einen Fenster lag in einem Lehnstuhle, die Füsse mit einem weichen Polster unterstützt, die Herzogin; an dem Schreibtische, der nicht fern von ihr stand, sass eine jugendliche Frauengestalt.
Als Renatus eintrat, richtete die Herzogin sich mit lebhafter Bewegung in die Höhe, und ihm die Hand entgegenreichend, die heute noch, wie vor jenen Jahren, mit dem zierlichen Handschuh von schwarzer Seide halb bedeckt war, rief sie: Willkommen in Frankreich, mein junger, lieber Freund, und doppelt willkommen in meinem haus, mein lieber René! Ich danke es Ihnen, dass Sie gekommen sind, eine alte Freundin Ihres Vaters aufzusuchen. Der arme Baron, dass er so zeitig von uns gehen musste! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des launenhaften Schicksals und nichts mehr. Sie wissen es, auch mein teurer Bruder ist schon längst gestorben, jung gestorben, und wir betrauern ihn noch heute, ich und seine Tochter!
Indess von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen der Greisin, noch in dem strahlenden Antlitze ihrer Nichte eine Spur zu finden, als diese auf ein Wort ihrer Tante sich zu ihnen wendete, um die Vorstellung des Freiherrn von Arten-Richten zu empfangen.
Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig werden, ob er gar kein Bild von der Herzogin in seinem Gedächtnisse bewahrt gehabt, oder ob sie sich wirklich so wenig verändert hatte, dass nichts an ihr ihm störend oder fremd, sondern Alles vertraut und angenehm erschien. Ihre weisse Morgenkleidung, das Spitzentuch, welches sie über die zierliche Haube gebunden trug, die zahlreichen schneeweissen Löckchen, die ihre Stirn und ihre Wangen umgaben, machten ein so feines, in sich abgeschlossenes Bild, dass man meinte, es müsse eben so, es könne niemals anders gewesen sein, und dass man eben deshalb auch bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte, besonders da die allerdings tief eingesunkenen Augen der Greisin ihren einschmeichelnden blick und ihr beredter Mund, trotz der schmal gewordenen Lippen, sein feines Lächeln noch nicht verloren hatten.
Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin, als verschiedene Besuche angemeldet wurden. Es waren jüngere und ältere Männer, zwei Geistliche unter ihnen. Alle aber trugen sie grosse Namen, alle waren sie unter einander bekannt und im Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen, deren in solcher Vollendung nicht Herr zu sein, Renatus sich heute zum ersten Male bewusst ward.
Wohin er bis dahin auch gekommen war, überall hatten sein Name, sein gutes Aeusseres und später selbst seine Uniform ihm eine Beachtung zugesichert. Hier trugen alle Männer das bürgerliche Kleid, und die Nennung seines Familiennamens glitt an den Anwesenden spurlos vorüber. Erst als die Herzogin erwähnte, dass sie in den Tagen der Verbannung eine sehr liebenswürdige Aufnahme bei dem Vater des jungen baron gefunden habe, wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerksam; aber es war, als ob die Zeit der Auswanderung seit langen, langen Jahren hinter ihnen läge. Sie schienen es fast vergessen zu haben, dass sie Frankreich jemals verlassen hatten. Paris, der Hof, die Verhältnisse, in welche sie zurückgekehrt, waren für sie so ausschliesslich die Welt, dass alles, was nicht in diese Welt hinein gehörte, kaum für sie vorhanden war.
Freilich erboten sich die jüngeren Männer, den jungen Freiherrn mit dem Pariser Leben bekannt zu machen, man besprach auch seine Vorstellung bei hof; Renatus konnte es sich indessen nicht verbergen, dass er unter diesen Marquis, Grafen und Prinzen eine sehr untergeordnete Rolle zu spielen haben werde, und während ihn dieses verdross, fühlte er sich doch von der ihn umgebenden Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt.
Alle diese Männer waren an den meisten Höfen von Europa heimisch. Man redete von den fürstlichen Familien von England, von Sardinien, von Russland und von Holland, und von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von Vertraulichkeit, welche für Renatus etwas Ueberraschendes hatte. Nur wenn sich das Gespräch auf den Hof und die königliche Familie von Frankreich wendete, änderte und steigerte sich der Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit, und die Herzogin, die immer noch