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Schwiegervaters ihrer Gesellschaft gewohnt geworden war, hatte dieselbe auch in der wiedergewonnenen Heimat nicht entbehren mögen.

Die Herzogin war nicht mehr im Dienste, aber sie lebte im engsten Vertrauen des Hofes, und sie verstand den Einfluss, den sie besass, eben so wohl zu nutzen, als die Unterordnung und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen, welche durch Vermittlung der Herzogin von dem neuen hof Gewährung ihrer alten Ansprüche und Forderungen zu erlangen wünschten.

Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris, als der junge Freiherr in einer der eben ausgegebenen Zeitungen in den Hofberichten die Mitteilung las, dass die Frau Herzogin von Duras am verwichenen Abende ein fest gegeben habe, welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familie mit ihrem Besuche beehrt worden sei.

Sie ist also hier, sie ist in Paris! rief Renatus unwillkürlich aus, und eben so plötzlich, als ihm diese Kunde geworden war, beschloss er, die alte Freundin seines Vaters aufzusuchen. Er dachte freilich daran, welch einen unheilvollen Einfluss die Herzogin Margarete auf das Schicksal seiner Mutter ausgeübt hatte; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart zurück und er wusste auch wenig Bestimmtes über alle jene Vorgänge. Seine Neugier, die Herzogin wiederzusehen, deren Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinnerung geblieben war, trug daher ohne grosse Mühe über die flüchtigen Bedenken seiner Kindesliebe den Sieg davon, und er hatte obenein eine schwere, doppelte Versäumniss nachzuholen. Er hatte der Herzogin in der Unruhe seines damaligen Lebens den Tod seines Vaters nicht gemeldet. Er schuldete es ihr daher, sowohl wie dem Andenken seines Vaters, die Unterlassung gut zu machen, und gerades Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zurückkehrend, schrieb er der Herzogin, dass sein Vater gestorben, dass er selber in Paris sei und dass er sie um die erlaubnis bitte, sich ihr vorstellen zu dürfen.

Noch an dem nämlichen Abende fand er, von einem Gange wiederkehrend, eine Antwort der Herzogin vor.

"Sie sind in Paris, lieber René," schrieb sie ihm, "und nicht in meinem haus? – Wie ist das möglich? – Ein Sohn, der einen Vater wie den Freiherrn verloren hat, ist immer beklagenswert und hat des Trostes nötig, welches auch seine Aussichten im Leben sein mögen. Wenn Sie mich nicht wissen lassen, dass es mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unvereinbar ist, mein Gast zu sein, so wird morgen Mittag mein Wagen vor Ihrer tür stehen, um Ihre Uebersiedlung in mein Haus zu bewerkstelligen. Kommen Sie, wenn es Ihre Dienstpflichten nicht unmöglich machen, mein junger Freund! Bereiten Sie mir die Genugtuung, mit Ihnen von Ihrem Vater, meinem unvergesslichen Freunde, zu reden und Ihnen einen geringen teil der grossen Dankesschuld zu entrichten, die nur seine Freundschaft mir leicht zu tragen machen konnte. Auch ich habe einen teuren toten zu beklagen; aber Sie sind jung, das Leben liegt vor Ihnen, und auch neben mir blüht ein junges Leben auf. Sie sollen von dem Trübsinne des Alters nicht bei mir zu leiden haben. Somit auf Wiedersehen, mein junger Freund!"

Es war die alte Anmut, welche allen Briefen der Herzogin von jeher eigen gewesen war, und Renatus wurde es nicht müde, die Zeilen immer auf's Neue zu lesen. Die Schrift, das Papier, der Duft desselben hatten etwas Reizendes für ihn. Er musste sich förmlich daran erinnern, dass es eine Greisin sei, von welcher diese Zeilen ihm gekommen waren, denn er fühlte sich von ihnen erheitert und aufgeregt. Sie hatten ihn trotz der Mahnung an seines Vaters Tod, über den nun freilich schon zwei Jahre hingegangen waren, in eine so fröhliche Spannung versetzt, als stände er an der Schwelle eines Abenteuers, als erwarte ihn irgend ein ganz unverhofftes Glück.

Er eilte zu seinem Chef, mit dem er auf dem besten fuss stand, ihm von dem Anerbieten der Herzogin und von seinem Wunsche, es zu benutzen, Anzeige zu machen, und er fand von Seiten des Obersten, da das ganze Regiment an dem linken Seineufer untergebracht war, keine Schwierigkeiten für seine Absicht.

Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr, dass eben an diesem Tage ein Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimat gehe, nahm Renatus die gelegenheit wahr, seiner Braut die Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen. Er legte, um sich einen teil des Briefschreibens zu ersparen, das Billet der Herzogin für Hildegard bei. Er dachte, es könne nebenher nicht schaden, wenn diese sehe, dass eine Greisin noch solcher bezaubernden Anmut fähig sei, und wenn sie selbst sich daran ein Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme, deren schwärmerischer Ernst, ja, selbst deren feste, grosse Handschrift ihn eigentlich je länger desto unschöner bedünkten.

Hildegard wird allerdings verdriesslich darüber sein! sagte er sich. Aber mochte sie es auch einmal empfinden, wie es tue, von einem Briefe aus der Ferne keine Freude zu empfangen. Er hielt es für die höchste Zeit, an Hildegards Erziehung zu gehen, eben da nun ein dauernder Friede vor der tür stand und er an seine Heimkehr und an seine Heirat denken durfte.

Aus dem Geräusche der volksbelebten Strassen, aus der Glut der Mittagshitze brachte am nächsten Tage der Wagen der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte Hotel der Herzoge von Duras. Hohe Mauern schlossen es nach Landessitte von der Strasse ab; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem im edelsten Style des siebenzehnten Jahrhunderts errichteten Gebäude aus. Durch