Anbeginn so mit einander gelebt, ja, dass selbst die gewaltigen Ereignisse, die an ihnen vorübergegangen waren und in denen sie, so viel an Jedem von ihnen gewesen, mitgewirkt hatten, davor weit in die Ferne zurücktraten. Sie erfuhren, was man nach grossen Eindrücken immer an sich wahrnimmt, dass unser verhältnis zu den Aussendingen und Ereignissen, man möchte sagen, unser perspectivisches verhältnis zu ihnen, ein wunderbar wechselndes ist. Die ersten Tage nach einem grossen Erlebnisse, nach einem grossen Verluste dehnen sich für uns in unbegreiflicher Weise aus; die Wochen und Monate, welche diesen ersten Tagen folgen, verschwinden uns in eben so unbegreiflicher Weise.
Erst vierzehn Tage ist es her? hatten die Zurückgebliebenen nach des Vaters tod sich gefragt. – Schon acht Monate ist es her, seit wir in Paris einzogen? Schon vier Monate, seit der Vater tot ist und ich wieder zu Euch heimgekommen bin? rief Paul oft mit Verwunderung aus, als der Herbst mit seinen Regentagen angebrochen war und die ersten Schneestürme von dem Garten her um die Fenster des Zimmers sausten, in welchem sie die letzten Abendstunden bei einander zu sitzen pflegten.
Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anverlobt, aber auch dieses Erlebniss war ohne besondere Scenen, ohne besondere Aufregungen an den Dreien vorübergegangen. Seba hatte, seit Paul wieder in Europa lebte, immer den heimlichen Wunsch gehegt, diese beiden ihr teuren Menschen verbunden zu sehen, und ihre Herzen hatten sich denn auch in ruhiger Liebe, in sicherstem Vertrauen zu einander gefunden. Selbst dass Davide noch Jüdin war, kam nicht störend in Betracht. Von der Abneigung, von dem angestammten oder vielmehr anerzogenen Widerwillen, welche die meisten anderen Völker gegen die Juden hegen, konnte bei Paul gar nicht die Rede sein, denn er war frei von dem Ballast angeerbter Vorurteile. Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von Niemandem als von einer Judenfamilie zu teil geworden. Ihr dankte er seine erste Erziehung, ihr jene Aufklärung seiner Gedanken, die bei jedem Menschen in der ersten Jugend vorgenommen werden muss, um nachhaltig wirksam zu sein. Das Haus dieser Judenfamilie hatte der Heimatlose durch sein ganzes Leben als den Hafen vor Augen gehabt, zu dem er wünschend und hoffend seine Blicke hingewendet hatte. Sein langer Aufentalt in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für jede Art von religiöser überzeugung für ihn geworden, und er hatte um so weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art in seinem inneren zu bekämpfen, da er ohne jedes kirchliche Bekenntniss aufgewachsen war. Was er vor seiner Flucht aus Europa in der Schule von der biblischen geschichte erlernt, was er damals von den Dogmen des christentum und von den Erzählungen der Evangelisten gewusst hatte, war für ihn nicht weniger mytisch, wenn auch weniger lebendig gewesen, als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und der Römer.
Da er zur Zeit, in welcher er aus Europa entfloh, über seine Jahre gross und kräftig gewesen war, hatte man ihn für älter gehalten, als er war, und Niemand hatte sich jemals die Mühe genommen, daran zu denken, ob er in irgend einer Religion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubensbekenntniss abgelegt habe oder nicht. Mit der Neugier der Jugend war er, wenn man ihm in Amerika am Sonntage seine Stunden für den Kirchenbesuch frei gegeben hatte, bald in diese, bald in jene Kirche gegangen, hatte dem Gottesdienste der verschiedensten Culte zugesehen, bis er, dieses Anschauens müde, den Kirchenbesuch, zu dem er im Weissenbach'schen haus ohnehin nicht angehalten worden war, und den er Seba niemals üben sehen, endlich ganz und gar aufgegeben hatte. Er war nicht confirmirt worden, er hatte nie das Abendmahl genossen, er hätte nicht zu sagen vermocht, welchem Bekenntnisse er angehöre, hätte sein Taufschein es nicht ausgewiesen, dass er in die christlich evangelische Kirchengemeinschaft aufgenommen sei; und mit Davide war es ziemlich derselbe Fall. Denn wie die religiösen Verhältnisse sich in unsern zeiten ausgebildet haben, wählt der Mensch seine Religion nur in den seltensten Fällen frei und selbstständig: er wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Ueberlieferung in sein eigenes Leben mit hinüber.
Davide hatte mit dem Judentume nicht mehr Zusammenhang, als ihr Verlobter mit dem Christentume; aber ihre Begriffe von Recht und Unrecht, ihr Streben nach dem Guten, ihre Verehrung vor dem Grossen und Erhabenen, ja, alle ihre moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren ihnen Beiden frühzeitig von derselben Hand und aus derselben lautern Quelle zugekommen, und das öftere und längere Zusammenleben in den Jahren, welche dem Kriege vorausgegangen waren, hatten dazu gedient, den Einklang zwischen Seba und ihren beiden Pflegekindern, wie sie Paul und Davide zu nennen liebte, vollständig herauszubilden. Sie waren durch und mit einander unablässig in ihrer Entwicklung vorgeschritten. Die weitreichenden socialen Ansichten, welche Paul erworben, hatten Seba vielfach aufgeklärt, ihre inneren Erfahrungen waren ihm, so weit ein Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kann, zu Gute gekommen, und zwischen ihnen Beiden war Davide in einer Atmosphäre der Wahrheit und der Verständigkeit so unangefochten aufgewachsen, dass sie die Möglichkeit besessen hatte, sich zu dem Gleichmass und zu der ruhigen Seelenschönheit zu entfalten, welche Seba einst an der Baronin Angelika bewundert und für sich selbst in jenen Tagen so unnachahmlich gefunden hatte.
Weil Seba noch um ihren Vater trauerte, verzichtete das junge Paar darauf, seine Verlobung den Freunden bekannt zu machen, und man benutzte diese Zeit, Davidens Uebertritt zur