Aufgaben, vor dem Ausharrenmüssen; und er konnte des beklemmenden Gefühles nicht gleich Meister werden, das ein Jeglicher empfindet, wenn er nach einem viel bewegten, wechselvollen Dasein plötzlich in alte, fest begründete Lebensverhältnisse einzugehen und zurückzutreten hat.
Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun vorüber! rief er, und es war, als ob das unwillkürlich ausgesprochene Wort ihn auch von der augenblicklichen Verwirrung befreie, die ihn befangen hielt. Denn er richtete sich in seiner schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plötzlich erheiterter Stirn und gewandeltem Sinne hinzu: So lange hat man für sich selbst gelebt; es ist Zeit, nun für die Andern zu leben! Lass uns sehen, was man für sie wert ist und vermag!
Er hatte inzwischen seine bürgerliche Kleidung angelegt und trat an das Fenster. Heisser Sonnenschein, warmer Blumenduft strömten ihm entgegen. Er blieb einen Augenblick am Fenster stehen und sah in den Garten hinaus. In der Ferne gingen die beiden Frauen vorüber.
Sie tragen den Kranz nach dem Monumente, dachte Paul, und er, der sich so eben noch vor dem Gleichmasse der Tage und vor allem, was sich mit unausgesetzter Regelmässigkeit zu wiederholen hatte, gescheut, fühlte sich von der beharrlichen Treue gerührt, mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebespflicht erfüllte. Es ist eine geringfügige Handlung, sagte er sich, einmal einen Blumenstrauss auf einen Denkstein niederzulegen; aber durch ein halbes Menschenleben dem Andenken der Hingegangenen die gleiche Erinnerung zu weihen, während man den Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt, an jedem Tage den gleichen Weg zu gehen, immer dieselbe kleine sorge zu tragen, das macht die an sich geringfügige Tat zu einem das Herz befriedigenden Cultus. Und es sollte nicht dasselbe mit aller unserer Arbeit sein, wenn wir sie, von ihrer notwendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt, mit Liebe und für geliebte Menschen tun?
Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen nach, wie sie langsam durch die Wege gingen. Es freute ihn, dass er sie wieder sehen konnte, dass er sie heute, morgen, immer wieder sehen würde. Selbst als die Gebüsche unter den Tannen die Frauen seinem Auge entzogen hatten, verweilte er noch an dem Fenster. Die Stille, die über dem Garten ausgebreitet lag, war ihm etwas Neues geworden und erquickte ihn. Er hatte auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie tönten noch unvergessen in sein Ohr: der Donner des Geschützes, der Weheruf der Verwundeten, das Röcheln all der Sterbenden, die in fremder Erde unter ungeschmückten Gräbern ruhten.
Friede, Friede! rief er und schlug die hände unwillkürlich, wie beim Gebet in seinen Kindertagen, in einander, Friede und Beharren und Bleiben hier bei den geliebten Menschen, und leben und schaffen mit ihnen und für sie!
Freien und gehobenen Sinnes verliess er seine Zimmer, um gleich an diesem Morgen, gleich in dieser Stunde seine Arbeit zu beginnen. An der tür des Comptoirs wendete er sich noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster nach dem Garten hinaus. Seba und Davide sassen vor dem Gartensaale, mit Nähterei beschäftigt, bei einander. Aber Paul ging nicht zu ihnen. Er konnte es ja später tun, denn er blieb jetzt hier, und sie waren ihm zu eigen.
Was war gegen eine solche Gewissheit aller überraschende Reiz des Zufalles? Er wiegte sich in dem beglückenden Gefühle dieser Sicherheit, und ihrer wie seiner selbst gewiss, kehrte er, ein reifer Mann, aus dem feld zu seinem bürgerlichen Berufe zurück.
Drittes Capitel
Arbeit, unausgesetzte, ernste Arbeit, das war es, was es jetzt galt, aber Paul war des Arbeitens von Jugend auf zu sehr gewöhnt, um sich in der Arbeit, sobald er ihr nur wiedergegeben wurde, nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu fühlen.
Er fand die Verhältnisse des Handlungshauses, dessen alleiniger Inhaber er jetzt war, besser und schlechter, als er es erwartet hatte. Das Flies'sche Vermögen, obschon es durch die während der letzten Krisen gebrachten Opfer bedeutend zusammengeschmolzen war, blieb noch immer beträchtlich genug, um Seba über jede Nahrungssorge zu erheben und ihr, der Alleinstehenden, die gewohnte breite und reichliche Lebensweise zu gestatten; aber die Erfahrungen der letzten Jahre hatten den Vater ängstlich gemacht, und sein Testament setzte also fest: Erstens, dass Seba's Vermögen ganz und gar aus dem Geschäfte gezogen und in Hypoteken angelegt werden sollte; zweitens, dass es, falls Seba sich nicht etwa noch zur Eingehung einer Ehe entschliesse, nach ihrem tod an mildtätige Stiftungen übergehen solle, damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken erhalten bliebe, wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in die Zukunft übertragen und fortgepflanzt würden.
Es war gegen diese letztwilligen Verfügungen nichts zu sagen. Sie entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter des Gestorbenen, und sie waren durchaus im Sinne des Judentums, das Fortpflanzung des Namens durch die Nachkommenschaft für eine der grössten Segnungen erkennt. Nichts desto weniger trafen diese Bestimmungen alle Beteiligten recht schwer. Seba sah sich durch dieselben in der freien Verfügung über das Vermögen beschränkt. Sie konnte es nicht verschmerzen, dass ihr die Möglichkeit entzogen worden, Davide, die sie als ihr Kind betrachtete und liebte, einst auch zu ihrer Erbin einzusetzen, und für Paul wurde die Fortführung eines auf grosse eigene Hülfsquellen begründeten Geschäftes äusserst schwierig, da diese ihm eben in einer Zeit entzogen wurden, in welcher, bei der Seltenheit des Geldes, eben mit Geld, wie Paul es seinem Freunde auseinander