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sich einfach und unauffällig in das allgemeine Tun einfügt.

Paul hatte die Feldzüge mitgemacht, aber das hatten Hunderttausende getan; er hatte sich tapfer und mutig erwiesen, Andere waren darin nicht hinter ihm zurückgeblieben. Seba hatte mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den Hospitälern gearbeitet, das war nur natürlich gewesen. Ihr Vater war gestorben, ihr Vermögen teilweise verloren gegangen: indess es weinten unzählige Familien in wahrer Not um ihre Väter und Versorger, und die kleinen Begegnungen, die wechselnden Ereignisse, deren man sich zu erinnern hatte, kamen in diesen ernsten Stunden des Wiedersehens neben den grossen Erschütterungen und Erfahrungen, welche man durchgemacht hatte und in sich nachzittern fühlte, einem Jeden zu geringfügig vor, um ihrer zu gedenken und ihrer zu erwähnen.

Man war stiller als jemals bei einander, bis Paul sich erhob, um sich, wie er sagte, umkleiden und im Comptoir seine Ankunft melden zu gehen.

Es war ein eigenes Gefühl, mit dem er aus dem Gartensaale in die Zimmer eintrat, welche er neben demselben früher bewohnt hatte. Alles lag und stand, wie er es verlassen hatte. Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und das Vaterland hatte unter der Knechtschaft fremder Tyrannei geseufzt, und jetzt leuchtete die helle Sommersonne durch die im Luftauche spielenden Blätter und Deutschland war frei und sich selber wiedergegeben worden. Aber so warm Paul's Herz auch schlug, wenn er Daviden's und der Zukunft an ihrer Seite dachte, kam er sich doch plötzlich viel älter geworden vor.

Er hatte den Krieg immer als ein Unglück, als ein furchtbares, wenn auch in diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet und den Frieden oft sehnlich herbeigewünscht, der ihn seinem Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte. Jetzt aber war es ihm unheimlich in den stillen, nach dem hof hin gelegenen Räumen des Comptoirs, es erschreckte ihn, als er den Geschäftsführer mit seiner unerschütterlichen Gleichmütigkeit genau auf demselben platz und in derselben gebückten Stellung wie vor drei Jahren, die eingegangenen Briefe durchsehend, vor sich erblickte, als er den alten Kassirer gerade so, wie er es vor drei Jahren und vor jenen zwanzig Jahren getan, die Geldrollen über den Zahltisch werfend und die Banknoten musternd wiederfand.

Ein Chronometer, den Seba ihm bald nach seiner Rückkunft aus Amerika geschenkt hatte, stand auf seinem Tische. Er war, wie der Datumzeiger es auswies, wenig Tage, nachdem Paul Berlin verlassen hatte, abgelaufen. Damals war er achtundzwanzig Jahre alt gewesen, jetzt stand er im einunddreissigsten.

Er trat an den Spiegel und betrachtete sich. Das war sonst nicht seine Sache, obschon er wusste, dass er ein schöner Mann sei. Die Uniform dünkte ihm etwas sehr Bequemes zu sein. Er fand sie einfach, zweckmässig und kleidsam. Sie gefiel ihm heute sehr, und er gefiel sich auch in ihr.

Der treue, ehrliche Rock! sagte er zu sich selber, während er das Eiserne Kreuz von demselben losmachte, um es zu verschliessen, und den Rock ablegte, um ihn nicht wieder anzuziehen. Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die Freiheit seines kaufmännischen Standes, im Gegensatze zu der Abhängigkeit des militärischen Dienstes, hoch erhoben und Steinert es zugesagt, dass er dessen Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurückführen werde, und jetzt überfiel ihn selber eine Angst vor der Ruhe und Stille, eine Scheu vor der Gleichmässigkeit der täglich sich wiederholenden bürgerlichen Arbeit.

Vorhin, als Davide sich ihm an das Herz gelegt, hatte ihn die Ahnung ergriffen, wie das Weib sich selber in der Liebe verloren gehe, nun schreckte sein dem Menschen eingeborenes Verlangen, sich in seiner Eigenheit und Freiheit zu erhalten, vor der Aussicht und vor der notwendigkeit zurück, sich künftig nicht mehr als nur für sich selber bestehend betrachten zu dürfen, künftig leisten und tun zu müssen, was er im grund bisher nur freiwillig getan hatte, künftig keine Freiheit des Wollens und des Dürfens mehr vor sich zu haben, wenn er einmal aus einem allein stehenden mann sich zum Gatten einer Frau, zum Begründer und Beschützer einer Familie gemacht haben werde.

Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen, so deutlich traten urplötzlich alle die anmutigen Begegnungen, alle die hübschen, kleinen Abenteuer und artigen Erlebnisse ihm vor die Seele, welche er als Junggeselle auf seinen vielen Reisen und während seiner Feldzüge gehabt hatte, und er konnte sich eines Seufzers nicht erwehren, wenn er dachte, dass dies nun für ihn zu Ende sein, dass für ihn zum Unrecht werden solle, was ihm bisher eine so reizende Unterhaltung gewesen war. Freilich, er liebte Davide, aber es war keine jener heftigen, unwiderstehlichen Leidenschaften, die er für sie fühlte. Er hegte für sie die zuversichtliche Neigung, die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch die erkenntnis bildet, dass man in allen Fällen auf einander zählen könne. Jung, wie er Davide verlassen, hatte er doch schon ihre Selbstbeherrschung, ihre Festigkeit und ihre Güte bei den verschiedensten Anlässen erprobt, und die Wahrhaftigkeit ihres Herzens, die Unschuld, mit der sie ihm ihre Liebe kund gab, ohne dass er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte, machten sie ihm eben so teuer, als ihre Schönheit sie ihm begehrenswert erscheinen liess. Seit Jahren hatte er sich gesagt, dass Davide einst seine Gattin werden müsse, er hatte sich darauf gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles, wie auf eine letzte Lebenserfüllung. Nun er sich derselben nahe glauben durfte, bangte ihm vor der schwersten aller