1864_Lewald_163_346.txt

war es das Bewusstsein, dass dieses schöne Wesen aufhören werde, für sich selber zu bestehen, sobald er es sich angeeignet habe, er vermochte nicht, es in seine arme zu schliessen. Er war befriedigt durch Daviden's blossen Anblick, beruhigt durch ihre lang entbehrte Nähe und voll grosser Freude durch die feste überzeugung, dass zwischen ihr und ihm gar nichts zu sagen sei, dass lautere klarheit zwischen ihnen herrsche und Einer sich der Liebe des Andern, obschon nie ein Wort davon gesprochen worden, so völlig sicher fühle, wie der unzerstörbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen Zukunft. Er drückte und küsste ihre Hand, dann gehörte er wieder Seba an, und Davide verstand ihn ohne Worte.

Es verging eine geraume Zeit, ehe sie zum rechten Sprechen kommen konnten. Sie mussten sich erst darein finden, dass sie nicht mehr zu Vieren, dass sie nur ihrer drei in diesem saal, an diesem Tische bei einander waren. Die verheerendsten Kriege, der Tod von Millionen Menschen, der Sturz der Mächtigen und der Sieg der Gebeugten hatten nichts geändert in diesem stillen raum. Die chinesischen Blumen auf der Tapete hatten ihre Farben voll bewahrt, die fremdartigen, gemalten Vögel guckten mit ihren starren Augen noch gerade so wie vor dem Kriege von der Decke des Gartensaales herab. Das silberne Teegerät, die Tassen von sächsischem Porzellan, sie waren für Paul wie für Davide mit ihren schönen Frucht- und Blumen-Zierraten in ihrer Kindheit Gegenstände der höchsten Bewunderung gewesen, standen wie seit Jahren und Jahren auf der weissen Damastdecke, und doch war das alles nicht mehr dasselbe. Denn des Vaters grosse Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle in der Mitte der Gerätschaften ein, man hatte sie fortgetragen, wohl verwahrt, weil der Vater sie nicht mehr brauchte, weil der Vater nicht mehr da war, weil zwei gute Augen sich geschlossen hatten für immerdar.

kommt, rief Seba endlich, sich zum Frühstückstische wendend, kommt, Paul hat es nötig, etwas zu geniessen! – Aber es fehlte das Gedeck für ihn. Gib ihm des Vaters Tasse! sagte Seba.

Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei. Dem Hausherrn! stand darauf.

Dem Hausherrn! sagte Seba kaum hörbar, während sie mit bebender Hand die Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte, und allen Dreien stürzten bei dem Anblicke dieses unscheinbaren Gerätes die Tränen aus den Augen, und in allen Dreien stieg sie noch einmal empor, die uralte Klage, dass des Menschen Dasein dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf, dass des Menschen Leben vergänglicher ist, als die vergänglichen Dinge und die zerbrechlichen Gerätschaften, die er geschaffen und deren er sich bediente.

Es kam Paul vor, als sei erst jetzt sein alter Freund gestorben, da man für ihn die Tasse reichte, aus welcher, so lange Jener gelebt, nie ein Anderer getrunken hatte. Er fühlte es in diesem kleinen Zeichen sinnlicher, deutlicher, als in all den Tagen, dass er jetzt das Haupt der Familie sei, in welcher er Schutz und Liebe gefunden, seit er denken konnte, und mit einem schmerzlichen, aber ihn doch erhebenden Gefühle schloss er die beiden Frauen noch einmal an sein Herz.

Er war kein Heimatloser mehr, er stand nicht mehr einsam in der Welt. Sein Leben ward ihm noch wichtiger, er ward sich selbst mehr wert, weil er sich für das Glück der Menschen, die ihm die Teuersten waren, als notwendig fühlte.

Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorübergegangen. Sie hatte sich viel gesorgt, viel durchgemacht, denn es hatte der Arbeit und der Anstrengungen für sie, wie für alle die Frauen der Hauptstadt und des Landes, mehr als genug gegeben, welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger in den überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten. Die Fältchen an den Augenwinkeln, die leisen Furchen auf ihrer schönen Stirn hatte Paul früher nicht an ihr bemerkt, und wie das Sonnenlicht nun von der Seite über ihren Scheitel fiel, sah er, dass hier und da ein silberweisser Faden auf ihrem schwarzen Haar erglänzte. Er konnte sich des Erschreckens nicht erwehren. Wie lange war es denn her, dass er Seba an jenem Ball-Abende, an dem des Grafen Gerhard Worte ihn zuerst wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt hatten, in aller Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatte? Und nun ergraute schon ihr Haar, nun kam die Reihe bald an sie!

Es tat ihm in der Seele weh, denn wo der Tod in einen eng verbundenen Menschenkreis getreten ist, wird man so ängstlich. Jeder möchte in dem Antlitze des Andern lesen können, auf wie lange er ihm noch gegönnt ist, man möchte zusammenrücken, um sich selber die entstandene Lücke zu verbergen, man möchte sich fester, man möchte sich für immer an einander schliessen, und man kann sich es bei allem besten Willen nicht vergessen machen, dass kein menschliches verhältnis unzerstörbar, dass Alles dem Vergehen unterworfen, Alles nur im Augenblicke unser ist, und dass unser sicherer Besitz einzig in der Benutzung dieses Augenblickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht.

Dieses Augenblickes wollte man geniessen, man wollte sich gemeinsam der gehabten Ereignisse erinnern. Hatte man doch so tausendfältig oft gewünscht: O, dass er hier wäre! dass ich sie jetzt bei mir hätte! Und wie man nun beisammen sass, hatte man sich nichts zu sagen, weil Jeder nur das Notwendige und Rechte getan zu haben meinte, und das Notwendige und Rechte