Ich bin des Courier-Reisens aus früheren zeiten wohl gewohnt!
Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzuspähen. Tremann, Tremann? wiederholte er, ich habe den Namen schon vorher gehört! Sind Sie der Tremann, durch dessen hände vor dem Kriege ein teil unserer Briefe nach Russland gegangen ist?
Derselbe, Eure Durchlaucht.
Da muss man ihm das Desertiren doch unmöglich machen, sagte der Fürst, sich lächelnd zu seinem Adjutanten wendend, denn der wäre capabel und beginge solchen Streich! Ist ein Stück Papier zur Hand?
Der Adjutant zog seine Brieftasche hervor und riss ein Blatt aus derselben. Der Fürst setzte in die unterste Ecke desselben mit Bleistift seinen Namen und reichte es dem Adjutanten. Schreiben Sie ihm darüber, was er haben will, und der Marwell soll ihn mir vom Halse schaffen, damit er mir nicht wieder die Partie verdirbt!
Er ging mit freundlichem Grusse an Paul vorüber. drei Stunden später hatte dieser das glänzende Paris verlassen und fuhr an der Seite des preussischen Couriers durch die warme Sommernacht der deutschen Grenze zu.
Er hatte Berlin nicht wiedergesehen, seit er heimlich mit Herrn von Werben aus der Stadt geflohen war. Der Truppenteil, welchem er angehörte, hatte im ersten Feldzuge die Hauptstadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn noch am Rheine gewesen, als man die Landwehren auf das Neue zu den Fahnen gerufen hatte, weil Napoleon von Elba zurückgekehrt war und noch einmal die Brandfackel des Krieges über dem kaum beruhigten Weltteile angezündet hatte.
Je näher Paul der Heimat kam, um so banger bewegten Furcht und Hoffnung ihm das Herz. Werde ich ihn noch finden? fragte er sich immer wieder, wenn seine Gedanken eine Weile eine andere Richtung genommen hatten, und es kamen Augenblicke, in denen er dem Schicksal grollte, dass es ihn so, eben so, zu den Seinigen wiederkehren lasse. Er war noch jung genug, um ungern und schwer von seinen Hoffnungen zu scheiden, und er hatte an den Tag, an welchem er inmitten der Landwehr, an der Spitze des Zuges, den er in mancher Schlacht geführt, in die Hauptstadt einziehen würde, oft mit freudigem Vorgefühle gedacht. Dann hatte er sich beschieden, darauf Verzicht zu leisten; aber dass er in solcher sorge, unter der Pein einer solchen Ungewissheit aus dem feld wiederkehren solle, dünkte ihn doch hart.
Es war früh am Morgen, als der Feldjäger den leichten Reisewagen vor der tür des Flies'schen Hauses halten liess. Das Schlafzimmer des Hausherrn lag nach der Strasse hinaus – die Vorhänge waren heruntergelassen, die Fenster offen. Was bedeutete das? War Alles vorüber, oder war der Kranke so weit genesen, dass man ihm wieder die Wohltat der sommerlichen Luft und Wärme zukommen lassen durfte, während man ihn vor dem grellen Lichte noch zu hüten hatte? – Das Herz klopfte ihm, als stände er wieder vor dem Feinde, und er stand ja auch vor ihm, vor dem Feinde alles Lebens, vor dem tod!
Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck, welches er mit sich führte, von dem Wagen herunter und eilte in das Haus. Die schwarze Kleidung des Dieners sagte ihm Alles. Er fragte nach den Frauen. Man wies ihn nach dem Gartensaale.
Seba und Davide sassen bei dem Frühstücke. Als Paul in die tür trat, fuhren sie beide erschreckend auf. Man hatte ihn so früh nicht zurückerwarten können. Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit sie einander nicht gesehen hatten. Mitten in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen, nun fand er sie im haus des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder.
Ich komme zu spät! – das war alles, was er sagte. Seba gab ihm nur mit leiser Neigung des Hauptes Antwort. Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte, und sie wollte ihren Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen. Er nahm sie an sein Herz, er küsste ihre Stirn, ihren Mund, er liess sie weinen, und sie weinte so sanft, so still, als wisse sie sich nun sicher und geborgen vor allem Unheil. Als sie sich, seine beiden hände zuversichtlich drückend, emporrichtete, trat er an Davide heran, und jetzt erst, da er aus Daviden's hellen Augen die Tränen auf die Wangen niederrollen sah, fingen auch die seinigen zu fliessen an.
Liebe Davide! rief er leise, aber es bebte eine unaussprechliche Bewegung durch sein Herz und ein beseligendes Feuer durchströmte sein ganzes Wesen. Er hatte ihre hände ergriffen und blieb schweigend, in ihren Anblick versunken, vor ihr stehen. Wie oft, wie oft hatte er an sie gedacht, wie oft hatte er sie vor sich gesehen wie an dem Abende, an dem er sich auf dem Balle von ihr getrennt hatte! Nun war er wieder da, und sie stand vor ihm – dieselbe wie sonst, und doch so anders und so viel schöner, als er sie je gedacht!
Liebe Davide! wiederholte er noch einmal, und sie lehnte sich freiwillig an seine Brust, und er fühlte, wie ihre Lippen leise das Eiserne Kreuz berührten, das er auf derselben trug. Mit einer Glücksempfindung, deren er das Menschenherz nicht für fähig gehalten hatte, schaute er in ihr Antlitz, in die Augen, die sich voll sehnsüchtiger Liebe zu ihm erhoben; aber war es die achtung vor dem Schmerze Seba's, war es ein Zartgefühl, welches ihn hinderte, sich in dem haus der Trauer einer Freude hinzugeben, oder