1864_Lewald_163_344.txt

möglich, so kehre heim, wenn auch nur, um wieder fortzugehen. Davide und ich sind wohl."

Paul las den Brief noch einmal durch, dann steckte er ihn ein, warf sich in den ersten Wagen, dessen er habhaft werden konnte, und befahl, ihn zu dem Commandirenden seines Regiments zu fahren. Aber weder sein General noch sein Adjutant waren in ihrer Behausung anzutreffen, und Paul wollte abreisen, gleich abreisen, und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen. Einen Augenblick stand er unentschlossen da; dann hiess er den Kutscher, ihn nach dem schloss hinzufahren, in welchem der König von Preussen Quartier genommen hatte.

Es war, wie er wusste, ein grosser Empfang bei dem Könige angesagt, alle anwesenden Fürsten waren eingeladen, der Feldmarschall konnte dort nicht fehlen. Seine Uniform und sein Rang bahnten Paul den Weg. Er wendete sich an einen der diensttuenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften mit dem Fürsten Feldmarschall persönlich zu sprechen. Man führte ihn durch verschiedene Galerieen und Säle und hiess ihn warten.

Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem Lichtglanze des Festes. Er sah durch die geöffneten Türen in der Ferne eine grosse Gesellschaft sich bewegen, reiche Uniformen, prächtig geschmückte Frauen gingen hin und wieder, fröhliche Musik schlug in grellem Gegensatze zu seiner Stimmung an sein Ohr. Die Secunden, die Minuten dehnten sich ihm furchtbar aus, und doch war es nichts Unerwartetes, was er erfahren hatte, nichts, was ihn unvorbereitet fand.

Er hatte sich es oft gesagt, dass sein alter Freund dem Ziele des Daseins nahe sei, ja, er hatte bei den neuen Unternehmungen, in welche er sich eingelassen, stets darauf gerechnet, dass er allein sie durchzuführen haben werde. In mancher einsamen Stunde, an manchem Bivouakfeuer hatte die sorge ihn beunruhigt, wie die Geschäftsführung möglich sein würde, sollte Herr Flies vom tod fortgerafft werden, ehe der Krieg beendet und er selber seiner eigentlichen Tätigkeit zurückgegeben sein werde. Und doch war es nicht das, was ihn so ängstlich den Zeiger der Uhr verfolgen liess. Nicht um Geld und Gut, nicht um Handel und Erwerb war es ihm zu tun in diesem augenblicke: er wollte sein teil haben an Seba's Schmerz, an Daviden's Kummer, er wollte sie mit ihnen gemein haben, den letzten blick und das letzte Wort des Mannes, den auch er wie einen Vater liebte.

Mitternacht war vorüber, als der Feldmarschall rasch und mit festem Schritte, gefolgt von einem Adjutanten, in den Saal trat. Er hatte beim Spiele gesessen, als man gekommen war, ihn abzurufen, und seine zusammengezogenen buschigen Brauen zeigten den Unmut über die unwillkommene Störung. Wer sind Sie, was wollen Sie? fuhr er den Wartenden an, während er ihn mit dem scharfen Blicke seiner grauen Augen musterte.

Mein Name ist Tremann, ich bin Teilnehmer des Eurer Durchlaucht wahrscheinlich bekannten Handlungshauses Flies und habe seit dem Frühjahre achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger unsere Feldzüge mitgemacht.

Ich weiss, ich weiss! unterbrach ihn, sich erinnernd, der Fürst, und durch den Anblick des Eisernen Kreuzes günstiger für den Sprechenden gestimmt, fügte er hinzu: Sie haben Ihr Kreuz bei Bar sur Aube erhalten, Sie waren verwundet! Was haben Sie zu melden?

Nichts, als dass ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht mit einer Unwahrheit verschaffte, weil ich eine Vergünstigung zu fordern habe.

Herr! Reitet Sie denn der Teufel, dass Sie mich dazu um Mitternacht aus des Königs Sälen rufen lassen? fuhr der Alte auf und wollte sich mit einem neuen und noch derberen Fluche entfernen, aber Paul's Anruf hielt ihn zurück.

Ich muss Eure Durchlaucht bitten, mich zu hören, sagte er mit solcher Festigkeit, dass der Feldmarschall sich auf's Neue zu ihm wendete. Notwendige Geschäfte in der Heimat hatten mich schon vor einigen Tagen bestimmt, um einen dreimonatlichen Urlaub nachzusuchen! Er ist mir noch nicht erteilt worden, und ich erhalte in diesem Augenblicke die Nachricht von der tödtlichen Erkrankung meines Compagnons! Meinen Regiments-Chef habe ich nicht finden können, und ich muss fort, noch in dieser Nacht fort, denn man verlangt meine Rückkehr und ich erkenne sie als dringend nötig! geben Sie mir den Urlaub, dessen ich bedarf!

Ist nicht meine Sache! rief der Fürst. Sehen Sie zu, wie Sie Sich selber helfen! – und abermals wollte er sich entfernen.

Das wird schnell getan sein, entgegnete Paul, sich leicht verneigend; nur werden Eure Durchlaucht morgen den Namen des preussischen Majors, der aus Ihrer eigenen Hand sein Eisernes Kreuz als Ehrenzeichen empfangen hat, als den Namen eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können, denn ich gehe noch vor Tagesanbruch fort!

Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück. Er war der Mann, jede Art von Entschlossenheit zu schätzen. Und wenn ich Sie verhaften lasse? fragte er, indem er Paul, wie es seine Weise war, mit seiner starkknochigen Hand am Rockknopfe fasste und nahe an ihn herantrat.

So werden Durchlaucht schuld daran sein, wenn ich meinen persönlichen Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten gegen den König und das Vaterland genügen kann! entgegnete er, und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer Antwort zu lassen, fügte er hinzu: Der Lieutenant von der Marwell geht in drei Stunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab! geben Sie mir den Urlaub, den ich brauche, und dem Lieutenant die Weisung, mich mit sich zu nehmen.