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sich also in das Selbstgefühl seines Freundes nicht mehr so völlig finden, als in den Tagen, in denen er, ein aus dem Dienste entlassener Offizier, in dem zerschlagenen vaterland vergebens nach Rettung für dasselbe ausgespäht hatte.

über eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit ihm zu streiten! sagte er, und man konnte ihm die Empfindlichkeit anhören, mit der er Paul den Stand des Kaufmanns gegen den seinigen erheben hörte. Ich bin auch weit entfernt, die Macht des Geldes zu unterschätzen; nur glaube ich, dass es noch ein Höheres gibt, als den Besitz, und Sie selbst, lieber Tremann, waren dieser Ansicht ebenfalls, als Sie Hab und Gut im Stiche liessen, um dem vaterland Ihre Kraft zu weihen, um sich, wie Sie es damals nannten, Ihr Bürgerrecht in der früh verlassenen Heimat zu erwerben.

Nun, mich dünkt, das habe ich getan! entgegnete Paul und mass den Obersten mit einem so festen, stolzen Blicke, dass Steinert und dessen Sohn, so genau sie ihn zu kennen glaubten, von seiner Haltung sich betroffen fühlten, und der Oberst, der im grund durchaus nicht die Absicht gehabt hatte, ihn zu verletzen, sich in seine Aufwallung nicht finden konnte.

Paul wurde auch schnell wieder Herr über sich, und einlenkend sprach er: Wohl uns, dass jeder von uns mit seinem eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist und gross von ihm denkt. Die Gesammteit kann es besser nicht verlangen. Indess, damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können, gestehe ich Ihnen, dass ich den Besitz als Mittel zum Zwecke, als bewegende Kraft, als Grundlage aller zivilisation und Freiheit über Alles schätze und dass es mir für Jeden, dessen Anwesenheit im Heere jetzt nicht mehr eine notwendigkeit ist, geboten scheint, nach haus zu gehen und, so viel an ihm ist, an der Wiederbelebung unseres Wohlstandes zu arbeiten. Der Boden lechzt nach den Armen und Händen, die ihn pflügen und bauen, und das Capital, so weit es vorhanden ist, nach den Kräften, die es in Bewegung setzen, um es zu vermehren; denn reicher geworden sind in diesen letzten zeiten gewiss nur Wenige von uns. Aber wo Handel und Gewerbe so lange gestört worden sind, ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine erfolgreiche Tätigkeit für denjenigen zu finden, der es begreift, wo sie zu suchen ist.

Er erhob sich bei den Worten; auch die Anderen standen auf, denn es traten Bekannte hinzu, welche die Unterhaltung unterbrachen, und man trennte sich bald danach.

Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem jenseitigen Seineufer ein, um noch einen ruhigen Abendspaziergang zu machen; die Anderen gingen in grösserer Gesellschaft nach dem Palais Royal, in welchem sich in jener Zeit gegen den Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern die Fremden zusammenfanden.

Du hast vorhin eine Aeusserung getan, sagte Steinert, nachdem er schweigend eine Strecke neben Tremann einhergegangen war, mit dem die Waffenbrüderschaft und die gemeinsam geteilten Gefahren ihn eng verbunden hatten, die mich beunruhigt. Ich fürchte, Ihr gehört zu denen, welche durch die Kriegsjahre Verluste erlitten haben.

Paul stellte das nicht in Abrede. Er gestand dem Freunde vielmehr, dass der Fall grosser russischer Häuser, mit denen er und sein Compagnon gemeinsam gearbeitet und für die sie demgemäss Verpflichtungen übernommen hätten, sie stark angegriffen habe. Es blieb uns in dem Augenblicke, da der Krieg ausbrach, eben nur die Wahl, uns selbst gleichfalls für zahlungsunfähig zu erklären, sagte er, oder mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht unsern Gläubigern gerecht zu werden. Das Letztere ist geschehen. Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade zusammengeschmolzen, in welchem unser Credit gewachsen ist.

Er sprach das mit grosser Gelassenheit, obschon seine freie Stirn sich etwas verdüsterte. Der Hauptmann wollte wissen, wann Tremann die Nachricht erhalten und warum er nie davon gesprochen habe.

Ich erhielt die Nachricht am Tage vor der Schlacht an der Katzbach, entgegnete Paul, und den Arm in seines Freundes Arm legend, sagte er: Wir standen einander damals noch nicht so nahe, dass ich Dir es hätte sagen mögen, und ich bin es auch gewohnt, dergleichen mit mir selber abzumachen. Ich versichere Dich aber, ich habe oft mitten im Gewühle des Kampfes, mitten in den blutigen Gefechten mit sorge, ja, mit Angst an die Möglichkeit meines Todes gedacht, und es wird Dir eben so gewesen sein; denn den Tod nicht fürchten, den Tod verachten kann nur derjenige, dessen Leben für keinen anderen Menschen Wert hat.

Wem sagst Du das? rief Steinert aus, und seine Augen feuchteten sich bei der Erinnerung, wie oft seine Gedanken im Gefechte sich zu Weib und Kind gewendet hatten.

Paul liess sich jedoch nicht unterbrechen. Das Prahlen mit der Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge oder als das unwillkürliche Zugeständniss grosser Unfähigkeit und grosser Selbstsucht erschienen, fuhr er fort. Wir sind jetzt hier Alle in der Lage gewesen, unser Leben für die Befreiung unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen; das hat mich aber nicht gehindert, es stets zu wünschen, dass das meinige aufgespart bleiben möge; denn es liegt viel auf mir und ich habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu erfüllen. Die russischen Geschäfte sind von unserm haus auf meinen Antrieb unternommen worden und haben grosse Vorteile gebracht, bis sie dann plötzlich weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens verschlungen haben. Seba ist an Reichtum gewöhnt,