viel Gefallen an dem bewegten Leben zu finden, das sie umgab. Der Hauptmann und der Major, auf dessen breiter Brust das Eiserne Kreuz und der russische Annen-Orden sich würdig ausnahmen, beachteten es nicht sonderlich, und der Letztere hatte schon eine geraume Zeit gedankenvoll in die Ferne geblickt, als der Oberst die Beiden mit der Frage anrief: Sagen Sie mir, meine Freunde, worüber denken Sie so ernstaft nach, dass Sie darüber diese liebe, lustige Welt, die sich hier so vergnüglich sonnt und sich ihres Lebens freut, wie der fisch im wasser und wie der Vogel in der Luft, fast zu vergessen scheinen? Es bleibt mir nichts als die plumpe Frage übrig, wenn ich Sie nicht ganz und gar in sich selber versinken lassen will.
Der Hauptmann hob sein kluges, treuherziges Auge zu dem Fragenden empor und sagte: Ich dachte darüber nach, ob sie bei mir zu haus auch so gutes, trockenes Wetter haben mögen; die Weizenernte muss jetzt im vollen Gange sein. Es ist jetzt das dritte Jahr, fügte er mit unterdrücktem Seufzer hinzu, dass ich nicht mehr daheim bin! Ich fange an, mich sehr nach Weib und Kind, nach Haus und Hof zu sehnen, und obschon meine Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlagen haben, ist's doch Zeit, dass ich nach haus komme. Es ist keine Kleinigkeit um eine Wirtschaft, der des Herrn Auge fehlt! Ich habe hier keine Ruhe mehr.
Da geht's Dir wie mir, mein Freund, rief der Major; seit ich aus dem Lazaret bin, lässt's auch mich hier nicht mehr rasten. Die Ruhe macht mich unruhig, und da der Friede jetzt eine ausgemachte Sache ist, bin ich gestern um meinen Abschied eingekommen.
Um Ihren Abschied? fragten der Oberst und der Lieutenant wie aus Einem mund. Das ist nicht Ihr Ernst.
Haben Sie denn vergessen, meine Freunde, dass ich Kaufmann bin, dass mein greiser Freund und Compagnon jetzt seit mehr als vier Jahren alle Sorgen des Geschäftes allein getragen hat und dass es eine Ehrensache für mich ist, ihm so bald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen?
Aber nach den Erfolgen, die Sie gehabt haben, lieber Tremann, nach dem militärischen Range, den Sie einnehmen, nach den Auszeichnungen, die Sie erworben haben – er wies auf die Orden, welche Paul auf seiner Brust trug – und vor Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente, welche Sie bewiesen, sind Sie für Ihren jetzigen Stand wie geschaffen! meinte der Oberst. Ich fürchte, das ruhige Leben des Geschäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr wie sonst behagen, ganz abgesehen davon, dass sich Ihnen in dem Heere doch eine andere, eine vorteilhaftere und schönere Laufbahn dargeboten hat.
Paul lächelte. kennen Sie mich so wenig, lieber Werben? sagte er. Ich bin zu sehr auf Tätigkeit gestellt, um jemals im Frieden einen guten Soldaten abzugeben, und viel zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt, um ohne zwingende notwendigkeit auf dieselbe zu verzichten. Im Kriege war das etwas Anderes. Da verlangte jeder Tag den ganzen Menschen, da brachte jeder Tag neue Aufregungen, forderte rasche, selbstständige Entscheidung; man gelangte immer und immer wieder, wie der Kaufmann das gewohnt wird, zu dem Bewusstwerden aller seiner Kräfte und seines Einflusses auf Andere; man genoss in jedem Augenblicke die Genugtuung irgend eines Erfolges, wie wir deren in unseren wohlberechneten und darum wohlgelingenden Geschäften haben. Jetzt, seit den drei Wochen, seit denen man mich aus dem Hospitale entlassen hat, werde ich meiner nicht mehr froh. Ja, ich war in der Tat im Lazarete, fügte er scherzend hinzu, für mein Gefühl weit besser daran, als jetzt, da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle; denn das Kranksein, das Schmerzertragenmüssen war doch immer noch eine Art von Arbeit, eine Art von Leistung. Und was die vorteilhafte Laufbahn anbetrifft, so wüsste ich keinen Rang und keine Stellung in der Welt, die mich wünschenswerter dünkte, als die eines völlig freien, unabhängigen Mannes.
Es entstand eine kleine Pause. Der schlanke Lieutenant, der seit seinem Ausmarsche aus der Heimat noch ein tüchtig Stück gewachsen war und dem das Leben in den grossen Städten eben so wohl gefiel, als er sich selber in der Uniform, sah verlegen vor sich hin. Er hatte von seinem Vater in den letzten Tagen sehr ähnliche Einwendungen hören müssen, als er seinen Wunsch geäussert hatte, ganz im Kriegsdienste zu bleiben, während es Adam Steinert nicht zu Sinne wollte, dass sein Aeltester ein anderes Gewerbe treiben sollte, als den Landbau, bei dem die Familie hergekommen und gediehen war seit lieber, langer Zeit. Auch der Oberst von Werben fand kein besonderes Behagen an seines Freundes Aeusserungen. Er hatte allerdings nach dem ersten unglücklichen Kriege durch eine Reihe von Jahren das bürgerliche Kleid getragen und zu der Zeit, in welcher der Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete, es oft genug ausgesprochen, wie die Kraft eines Volkes nicht in einem stehenden Heere, sondern in dem Selbstgefühle und in dem Freiheitsbedürfnisse jedes Einzelnen im volk beruhe; aber er war ein geborener Edelmann, sein Vater und seine Voreltern hatten den Königen gedient, auch er war mit sechszehn Jahren in das Heer getreten, und die erfochtenen Siege, wie gross die Mitwirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war, hatten dem Berufssoldaten doch einen neuen Einfluss und eine neue Macht gesichert. Der Oberst konnte