, dass er eine weniger sittenstrenge Gattin besitzen möge, vorausgesetzt, dass sie nur leichtlebiger und fröhlicher sei; denn als der Baron sich zu verheiraten beschloss, hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu werden, sondern auch zufrieden zu stellen; und er hatte nach seiner Meinung ein Recht, dies als eine notwendige Ausgleichung für seine aufgegebene Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
Er schwankte, ob er sich gegen Angelika erzürnt zeigen oder ob er sie besänftigen solle, aber die ernsten und guten Vorsätze, welche er für seine Ehe gefasst hatte, trugen den Sieg davon. Er machte seiner Frau einige von jenen allgemeinen unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenheit, welche Nichts verrieten und doch hinreichten, einer liebevollen und sittenreinen jungen Frau gelegenheit zum Beklagen des Schuldigen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu bieten; und als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebten Mann nur beklagen und ihm verzeihen und eine zärtliche Versöhnung mit ihm geniessen konnte, war es für den Augenblick gar leicht beschwichtigt und über seine Zweifel fortgetragen.
Sechstes Capitel
Die Erfahrung, welche der Baron an dem ersten Tage seiner Ehe gemacht hatte, ward ihm eine Anmahnung zur Selbstbeherrschung, aber grade die notwendigkeit derselben liess ihn erkennen, wie sehr er durch Paulinen's Tod erschüttert war, und während die anmutigste und liebenswürdigste Frau an seiner Seite sass, von deren Tugend und Bildung er selbst sich ein reines Glück erhoffte, konnte er das Bild des unglücklichen Geschöpfes nicht verscheuchen, das ihm in willenloser leidenschaft, in ausschliesslicher Liebe zu eigen gewesen war und, durch ihn selbst von jedem andern Anhalte losgelöst, keinen Ausweg für sich gefunden hatte, als den Tod, da er sich von ihr abgewendet.
Der Wagen führte ihn vorwärts, aber alle seine Gedanken gingen nach Richten und in die Vergangenheit zurück, und obschon er mit grosser Anstrengung die Heiterkeit und Zufriedenheit zur Schau trug, welche jeder herzensfreie Mann an der Seite Angelika's empfunden haben würde, die sich wieder zutrauensvoll und fröhlich an ihn zu schliessen begann, hätte er bisweilen viel darum gegeben, eine Stunde des Alleinseins, eine Stunde zwanglosen Leidens und Ausruhens geniessen zu können. So drückend ihm der Gedanke an die Rückkehr nach Richten Anfangs auch gewesen war, er fand, dass er nicht klug getan habe, indem er sich in seiner gegenwärtigen Stimmung zu dem unausgesetzten Beisammensein mit seiner Frau verdammt hatte, und er erschrak doch vor sich selber, als er sich eben dieser Empfindung bewusst ward.
Dazu hatte er die Fahrt nach der Residenz auf kurze Tagereisen anlegen müssen, um dem vorausgesandten Kammerdiener Zeit zu den unerlässlichsten Vorkehrungen in dem haus von fräulein Ester zu lassen, und obgleich die Tage noch sehr hell und freundlich blieben, war die Jahreszeit doch schon weit vorgerückt. Die Abende waren lang, die Orte, in denen man zu rasten hatte, boten keine Zerstreuungen, die Gastöfe nicht einmal eine gewisse Behaglichkeit dar. Ohne die Anspruchslosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin, die niemals gereist war und die daher in manchen Dingen noch einen Reiz und eine Belustigung zu finden vermochte, welche ihrem Gatten nur als Unbequemlichkeiten erschienen, wäre diese Fahrt nach ihrem neuen Aufentaltsorte nicht danach angetan gewesen, der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten gewährte Ueberraschung oder Vergünstigung zu erscheinen.
In der Regel aber steigert sich die Erwartung, mit welcher wir einem unbekannten Zustande entgegen gehen, durch die Dauer der Zeit wie durch die Mühe, mit welcher wir zu demselben zu gelangen haben, und besonders die Jugend, welche noch an ein notwendiges Gleichgewicht zwischen Mühe und Erfolg glaubt, hält sich berechtigt, ihre Hoffnungen und Ansprüche je nach der Zeit des Wartens höher zu spannen. Die erste Ankunft in der Residenz war jedoch nicht dazu geeignet, den Vorstellungen zu entsprechen, mit welchen die Baronin ihr in den letzten Tagen und Stunden entgegen gesehen hatte.
Es war ein unfreundlicher Nachmittag, an welchem der Reisewagen des baron durch das Frankfurter Tor in Berlin einfuhr und nach langem Wege vor dem haus von fräulein Ester Halt machte. Nach mehreren Wochen des schönsten, hellsten Wetters hatten Regen und Nebel des Herbstes sich ganz plötzlich eingestellt und fielen deshalb um so widerwärtiger auf. Das Haus lag in einer Strasse, welche zu den vornehmsten gezählt hatte, ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte, und die dunkeln Mauern sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer als gewöhnlich aus.
Breit für seine Höhe, auf weitem hof hingestreckt, mit eisernem Gitter gegen die Strasse abgeschlossen und von den Bäumen des Gartens überragt, übte das Haus auf die Baronin eine überraschende wirkung aus, indess der Verfall desselben drängte sich ihr trotz der beginnenden Dämmerung deutlich auf, und das Innere des Gebäudes entsprach dem Aeussern nur zu sehr.
Die öde, mit schwarzen Fliesen ausgelegte Eintrittshalle, die breiten Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengallerien, die hohen, mit stumpffarbigen Seidenstoffen und gepresstem Leder tapezierten Gemächer, der Hausrat, dem man es ansah, dass er seit gar langen Jahren nicht erneuert worden war, hatten etwas Trauriges. Die Brocatüberzüge der Möbel, die Gardinen und Türvorhänge waren farblos, die reichen Vergoldungen ohne Glanz, die prächtigen Spiegelgläser waren blind geworden. Die gestickten Tischdecken, die Teppiche und Polster sahen fahl aus, und von den Oelgemälden und Pastellbildnissen, deren sich eine grosse Anzahl in den Zimmern verteilt befanden, waren die Farben ebenfalls verblichen, dass sie blass und gespenstisch auf die Eintretenden herniederschauten.
Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen Messing-Laternen der Halle die Lichter,