er sich aber dazu erst überwunden hatte, beschloss er, es mit aller der Wahrhaftigkeit zu tun, die einem Edelmanne seiner künftigen Gattin gegenüber zieme.
Er sagte ihr, dass er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals gar nicht in Uebereinstimmung finde, dass er sich jetzt, wo er dem tod nur mit genauer Not, nur wie durch ein Wunder entgangen sei, in seinem inneren reiflich geprüft, und es erkannt habe, wie seinem Verlöbniss mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe zum grund gelegen habe, welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer Naturnotwendigkeit mache; aber dass er sie wert halte, dass er entschlossen sei, sein Wort, wie es einem Edelmanne gebühre, einzulösen, ja, wie er sich überzeugt fühle, dass Hildegard ihn beglücken, dass er sie auf das wärmste lieben werde, wenn sie aus dem Bereiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und die fröhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle, die ihm gerade mitten in Todesnot und Gefahren gekommen sei. Er riet ihr dann, gegen den Grafen Gerhard trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein, teilte ihr mit, dass er Herrn Flies und nicht seinem Oheim die Familien-Angelegenheiten übergeben habe, und bat Hildegard danach, sich es mit den Ihrigen in seinem schloss gefallen zu lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen, an deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe. Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig anzupassen, kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurück, deren Begebnisse er ihr ausführlich schilderte; und seine späteren Träume mit den Erlebnissen und Eindrücken der Wirklichkeit willkürlich und ganz bewusst vermischend, stellte er es ihr mit allem poetischen Schwunge, über den er verfügte, ausführlich dar, wie er seines Vaters stimme plötzlich mitten im Gewühle des Kampfes zu vernehmen geglaubt habe, wie er, die Augen emporhebend, die Augen seines Vaters über sich leuchten gesehen, und wie er sich überzeugt halte, dass Gott selbst ihm diesen Beistand, diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe, um ihm damit Mut und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen für das lange, dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewähren.
"Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner, so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst!" so schloss er. – Wer aber der Mutige gewesen war, der ihn gerettet hatte, das schrieb er auch Hildegarden nicht.
Er besorgte, für ihr Herz das ganze Ereigniss seines geweihten Eindrucks und seines dichterischen Zaubers zu entkleiden, wenn er ihr sagte, dass es ein gewöhnlicher Sterblicher, dass es Paul Tremann sei, dem er sein Leben zu verdanken habe.
Drittes Buch
Erstes Capitel
Europa zitterte noch unter dem Nachdröhnen der Ereignisse, welche über den Weltteil hingegangen waren. Zwei blutige Kriege hatten die herrschaft Napoleon's vernichtet. Kometengleich, wie er Alles überstrahlend am Horizonte der Zeit emporgestiegen, war er von demselben verschwunden. Zum zweiten Male war das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der Bourbonen in seine Heimat zurückgeführt worden, zum zweiten Male standen die vereinigten Heere in der Hauptstadt Frankreichs, während Napoleon Bonaparte, der dieses Frankreich durch ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht hatte, als ein Verbannter auf dem rücken des "Bellerophon" einsam durch die Fluten des Weltmeeres zog, das ihn für immer von dem Schauplatze seiner Taten trennen sollte.
Es war in der Mitte des Sommers; Paris war nie glänzender erschienen, als eben jetzt, wo die vertrieben gewesene Königsfamilie, wo die zurückgekehrten Edelleute der alten Geschlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden sich für schwere Entbehrungen und Leiden, für blutige Kämpfe und für Wunden, in den Genüssen entschädigen wollten, die keine andere Stadt der Welt in so verführerischer Anmut darzubieten versteht, als das immer wieder jugendliche, das glänzende, bei all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris.
Der Tuileriengarten war voll Menschen. Von dem mittleren Pavillon des Schlosses, vom Pavillon de L'Horloge, hing die weisse Fahne schlaff hernieder. über den Rasenplätzen, über den im altfranzösischen Geschmacke angelegten Blumenbeeten, über den alten Kastanienbäumen brütete die heisse Sommersonne. In den weiten Wasserbehältern, aus denen die Springbrunnen so hoch gegen den blauen Himmel aufstiegen, dass die fallenden Tropfen in der Höhe wie flüssige Diamanten erglänzten, zogen die Schwäne langsam umher. Soldaten aller Grade, Soldaten aus aller Herren Ländern gingen in den breiten mit grossem Sinne angelegten Wegen auf und nieder, während Schaaren von Kindern überall ihr Wesen trieben und die Schönen aller Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in Gruppen auf den zur Miete feil gebotenen Stühlen sassen, um der Militärmusik zuzuhören, welche hier um Sonnenuntergang das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt.
Weiter ab, nach dem Ausgange des Gartens hin, wo die umschliessende Terrasse sich nach dem grossen platz öffnet, dass man fern hinaussieht über die elysäischen Felder hinweg, bis zu dem gigantischen marmornen Triumphbogen, den der gefallene Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtniss aufzurichten begonnen hatte, sassen auf einer der steinernen Bänke vier preussische Offiziere bei einander. drei von ihnen, der junge Lieutenant, der Hauptmann, ein kräftiger Fünfziger, und der schöne Major, der den linken Arm in einer leichten Binde trug, gehörten der Landwehr an. Der Oberst war von den Linientruppen.
Er und der Lieutenant, über dessen Lippe der blonde Schnurrbart sich eben erst zu kräuseln begann, schienen