dem Befehl über die Compagnie, den er in den beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte, nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen, und selbst die Rücksicht, dass Paul ein Teilnehmer des Flies'schen Handlungshauses sei, änderte schliesslich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts, sie bestärkte ihn nur noch in demselben. Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Renatus vorläufig dadurch keineswegs notwendig. Bei Geschäften, wie das Haus Flies sie seit langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte, fielen aber dem Kaufmanne immer wesentliche Vorteile zu, und, sagte Renatus sich mit selbstgefälliger Herablassung, Paul war doch einmal seines Vaters Sohn. Es stand also, wie der junge Freiherr meinte, den Erben seines Vaters gar wohl an, dem nicht rechtmässigen Sohne desselben, wenn es sich so fügte, einen Vorteil zuzuwenden und ihn verdienen zu lassen, was sonst einem Fremden zufiel. Er war mit dieser Schlussfolgerung, von grosser Niedergeschlagenheit ausgehend, doch schnell wieder dahin gelangt, sich und seine Verhältnisse zu überschätzen, weil es ihm zu quälend war, sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten, und wie er sich nun auf's Neue nach seinem selbstgeschaffenen Massstabe auferbaut hatte, legte er denselben auch an die Andern an, so dass er sich bald in gutem Glauben zu der Ausführung seiner Absichten entschloss.
Er schrieb dem Justitiarius also, wie er es gehalten haben wolle, er schrieb auch an Herrn Flies, wie jenes Vertrauen, welches die Freiherren von Arten, sein Grossvater wie der verstorbene Freiherr Franz, zu Herrn Flies und zu dessen Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt hätten, es ihm sehr wünschenswert machten, wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft über den jungen Freiherrn Valerio unterziehe, wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie dem Justitiarius zur Seite stehe, und Renatus berief sich dabei ausdrücklich auf die früheren persönlichen Beziehungen, welche zwischen ihm selbst und dem Flies'schen haus obgewaltet hätten. Er meldete es, dass er Hauptmann geworden sei, erwähnte, dass er in der Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe; aber er unterliess es, hinzuzufügen, wem er seine Rettung zu verdanken habe. Dass er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin Rhoden aufgefordert, jeden Umgang mit Seba abzubrechen, dass das blosse Wort des Grafen Gerhard, dem er in seinen persönlichen Beziehungen ganz und gar misstraute, hingereicht hatte, ihn den Stab über Seba, über die Freundin seiner Mutter, brechen zu lassen, das alles erwähnte er freilich nicht. Er hegte die feste Ansicht, dass es einem mann wie ihm anstehe und erlaubt sei, sich der ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der Werkzeuge zu bedienen, die man aufnehme und liegen lasse, je nachdem man sich ihrer benötigt finde. Es war das keine Sache der überlegung bei ihm, es lag ihm im Blute, war ihm ein angezeugter, angeerbter Glaube, und er hatte über dasjenige, was ihn nicht selbst betraf, niemals ernstaft nachgedacht, obschon es ihm, wo er ihn anzuwenden für gut befand, an Scharfsinn nicht gebrach.
Der verstorbene Freiherr hatte sich, wie Renatus wusste, des Herrn Flies bedient, als es sich um die Unterbringung und Erziehung Paul's gehandelt, man hatte die Baronin im Flies'schen haus ihr Krankenlager halten lassen, ohne dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet zu glauben, und Renatus war überzeugt, dass auch für ihn angemessen und auch jetzt noch möglich sei, was seine Eltern einst für sich angemessen und möglich gefunden hatten. Er haftete überhaupt, und wie sollte und konnte es anders sein, mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen. Die Ehre, wie er sie verstand, erschien ihm immer noch als ein Vorrecht, als ein ganz ausschliesslicher Besitz des Adels. Nur der Rückblick auf eine Ahnenreihe konnte den Begriff der wahren Ehre, wie er meinte, in dem Menschen entwickeln. Nur wer sein Tun und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen anzupassen hatte, die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten, konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen, ohne welche die wahre Ehre nicht bestehen kann: jene Ehre und jene Ehren, die den mittellosesten und geistig geringsten Edelmann, als Mitglied einer besonderen Kaste und einer besonderen Race, über alle Nichtadeligen erheben, welcher geistigen oder äusserlichen Mittel und Vorzüge diese sich auch zu rühmen haben mögen.
Es war nicht allein der Tod seines Vaters, es war mehr noch das Bewusstsein der eigenen im feld bewiesenen Tapferkeit, welche in Renatus den alten Adelsstolz seines Hauses jetzt auf's Neue und stärker als je zuvor belebte. Dass um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er getan hatten und taten, das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im geringsten. Wie es Sitte unter denen von Arten war, den Familienschmuck der Frauen bei der Verheiratung des Stammhauptes zu vergrössern, so gehörte es sich, dass jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhöhen suchte. Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut; Renatus dachte dem haus in seinem Namen neue Ehren, kriegerische Ehren zuzuführen, da die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag; und nun er sich durch seine neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt versichert glaubte, waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über ihn gekommen, die ihm sonst nicht eigen gewesen waren.
Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken, und es kam ihm schwer an, ihr zu schreiben. Als