Graf Gerhard sich früher der französischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte. Waren doch auch in seinem eigenen Vaterhause französische Sitte und Sprache lange genug alleinherrschend gewesen, und seiner grossen Bewunderung für den Kaiser hatte sein Vater, der verstorbene Freiherr, selber niemals Hehl gehabt. Es war also denkbar, es war möglich, man konnte es vielleicht entschuldigen, wie Graf Gerhard es jetzt selber tat, dass dieser sich als ein junger, lebhafter und dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Tätigkeit in französischen Diensten ein Feld eröffnet hatte. Es war auch nicht unglaublich, dass die wachsende Tyrannei, die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen Edelmanne endlich die Augen über seinen Irrtum geöffnet hatten, und dass er, in der Reue über seine Verblendung, sich mit doppeltem Eifer und doppelter Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte. Aber wenn das, wie Graf Gerhard es von sich behauptete, der Fall war, wesshalb focht er jetzt nicht in den Reihen seines Volkes, seiner Standesgenossen, seiner Brüder? – Wesshalb setzt er nicht, wie wir alle, sein Leben für die Sache des Vaterlandes ein? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschätzung, und sein persönliches Misstrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder auf's Neue erweckt und verstärkt.
Indess eine Wahl musste er treffen, und wie er die Reihe der Edelleute durchdachte, die seinem Vater und seinem haus verbunden gewesen waren, stiess er auf eine Schwierigkeit, die er bis dahin nicht in das Auge gefasst hatte. Ein jeder Bevollmächtigte musste, wenn er das Testament des Freiherrn sah, in welchem Valerio immer und ausdrücklich nur als der Sohn Vittoria's, nie als des Freiherrn Sohn bezeichnet war, die Verhältnisse des Hauses in einer Weise erkennen lernen, wie sie Andern, Fremden, bekannt werden zu lassen der verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte; und hin und her erwägend, wie es vielleicht auch nicht einmal ratsam sei, einem befreundeten Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu vergönnen, bedauerte Renatus es in tiefster Seele, dass es nicht mehr Adam Steinert sei, der an der Spitze der freiherrlichen Güter stehe.
Er hatte Adam wenig gekannt, aber alles, was er jemals von dem verstorbenen Caplan und andern Personen über ihn vernommen, hatte entschieden zu des Mannes Gunsten gelautet. Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gütern und im Dienste des freiherrlichen Hauses, oder wäre er nur auf Marienfelde und nicht im Heere gewesen, so würde Renatus, allem Familien-Herkommen entgegen, ihn zu dem Vormunde von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben; und dass Adam sich trotz alles Vorgefallenen hätte geehrt fühlen müssen, von einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu übernehmen, daran zu zweifeln fiel dem jungen, in standesmässigem Hochmute auferzogenen mann gar nicht ein. Er erinnerte sich, dass selbst der alte Flies, der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt war, den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirte und als einen höchst umsichtigen Geschäftsmann bezeichnet hatte, und während Renatus diesen Ausspruch noch in sich erwog, fiel es ihm ein, wie der alte Flies seit länger als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es also vielleicht das Geratenste sein dürfte, ihn, auf dessen Verschwiegenheit der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem jungen Edelmanne im grund nicht viel gelegen war, dem Justitiarius beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge für die väterliche Verlassenschaft wie für die in Richten Hinterbliebenen zu überantworten.
Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger, als er sie von Steinert erwartet haben würde; denn einerseits hatte der Banquier bedeutende Hypoteken auf Neudorf und auf Rotenfelde, anderseits hatte er aber auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen, die für dessen Erben in jedem Augenblicke unbequem und gefährlich werden konnten, wenn Herr Flies sich einmal versucht fühlen sollte, sie nicht mehr zu verlängern. Es lag also in dem beiderseitigen Vorteile, in gutem Einvernehmen zu verbleiben. Dem Herrn Flies musste es notwendig gerade darum zu tun sein, die Sachverhältnisse genau zu kennen, und – Renatus schämte sich halbwegs vor sich selber, als er sich dieses Bestimmungsgrundes bediente – wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer, als Jener es begehrte, in das von Arten'sche Familienleben hineinsah, nun, so konnte man sich immer noch auf Seba's Freundschaft für die verstorbene Baronin Angelika verlassen, und schlimmsten Falles, nach den vertraulichen Mitteilungen des Grafen Gerhard, von Herrn Flies um Seba's willen Verschwiegenheit gegen Verschwiegenheit beanspruchen.
Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwägungen und Betrachtungen zu Mute. Er würde nie darauf gekommen sein, sie gegenüber einer adeligen Familie anzustellen; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit einer Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes. Er stand mit ihnen, welche Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einräumten, durchaus nicht auf demselben Boden; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen. Ihre und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein, ihre Welt war nicht die seine, und es blieb ja immer seinem Ermessen überlassen, sobald die Zeitverhältnisse es ihm gestatteten, eine Verbindung zu lösen, einen Zusammenhang aufzugeben, die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstände für ihn zu einer augenblicklichen notwendigkeit geworden waren.
Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen, so bald als möglich seinem Regimente zu folgen,